Der Arzt Amerikas: Anthony Fauci | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 11.07.2020
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USA

Der Arzt Amerikas: Anthony Fauci

Was sagt Anthony Fauci? Die Coronakrise hält die USA weiter im Griff, und die Blicke richten sich zunehmend auf den schmalen Mann, der den Präsidenten berät. Und ihm widerspricht. Ein ums andere Mal.

Am Donnerstag suchte der Präsident wieder einmal nach Verantwortlichen für die Coronakrise in den USA. Es war im Sender Fox, und damit eigentlich eine Art Heimspiel für Donald Trump im Interview mit Moderator Sean Hannity. Vielleicht ließ sich Trump deshalb verleiten, über Dr. Anthony Fauci herzufallen. "Fauci ist ein netter Mann, aber er hat viele Fehler gemacht", sagte der Präsident. Hoffte er, dass viele Zuschauer den Wissenschaftler ebenfalls kritisch sehen?

Den Schreibtisch ausräumen?

Hätte Fauci eine anderen Funktion, wäre er zum Beispiel Stabschef im Weißen Haus oder Sicherheitsberater, er hätte noch während des Interviews damit beginnen können, seinen Schreibtisch auszuräumen. Aber: Der 79-jährige Immunologe wird sich das Interview vielleicht gar nicht angesehen haben. Und wenn doch, hätte er vermutlich mit seinem berühmten Schmunzeln das Fernseh-Gerät ausgeschaltet. Mehr nicht.

Präsident Donald Trump und Dr. Anthony Fauci (Imago Images/Media Punch/O. Contreras)

Hat wenig zu befürchten: Anthony Fauci beim Pressebriefing des Präsidenten

Der Wissenschaftler muss um seine Position nicht fürchten, um seine Reputation schon gleich gar nicht, da mag der US-Präsident noch so sehr zürnen. Seit 1984 ist Fauci Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), also Chef des Instituts für Allergie- und Infektionskrankheiten, und dort weltweit anerkannter Experte seines Fachs. Bereits in den 80er Jahren hat sich der Mediziner einen Namen in den USA gemacht, als er im Kampf gegen das HI-Virus und die Krankheit Aids die Grundlagenforschung vorantrieb. Fauci gehört zu den Pionieren bei der Erkundung der sogenannten Immunregulation beim Menschen. Sein Wikipedia-Eintrag verzeichnet 45 Ehrendoktor-Titel, die er eingesammelt hat.

Als Mörder beschimpft

Die Zeitungen schrieben schon damals über ihn, als Aids die Runde machte und Tom Hanks im Kinofilm "Philadelphia" dem Elend ein Gesicht gab, Dr. Fauci sei die Nummer 1 der weltweiten Aidsforschung. Doch schon damals musste es Fauci aushalten, zum Beispiel von dem jüngst verstorbenen Aktivisten der LGBT-Bewegung, Larry Kramer, wüst beschimpft zu werden. "Er hat mich einen Mörder genannt", erinnerte sich Fauci in einem Interview mit der PBS News Hour an seinen früheren Gegenspieler. Die damals vom HI-Virus betroffenen Männer in den USA verlangten schlicht schnellere, bessere Hilfe.

Einen Mann mit einem solchen Ruf und dieser Erfahrung kann ein Präsident nicht einfach feuern, selbst wenn Trump es wollte. Fauci hat nicht nur diesem Staatschef gedient, sondern auch die fünf Herren im Weißen Haus zuvor beraten. Wenn es ein Beispiel für die Unabhängigkeit von Wissenschaft gebe, es sähe vielleicht so aus wie Anthony Stephen Fauci. 

Gefährliche Mahnungen

In den Anfangsmonaten der Coronavirus-Pandemie sah man den Wissenschaftler oft zusammen mit Donald Trump bei dessen Briefings im Presseraum des Weißen Hauses. Diese gemeinsamen Auftritte sind seltener geworden. Fauci wird es nicht bedauern, nicht mehr so oft an der Seite des Mannes stehen zu müssen, der den Landsleuten zwischendurch auch die orale Verabreichung von Desinfektionsmitteln empfahl. Und Trump versucht, Dr. Fauci das Licht der Öffentlichkeit etwas zu nehmen. Denn dessen Mahnungen werden dem Präsidenten gefährlich.

Das Coronavirus sehe er wegen der leichten Übertragbarkeit als "schlimmsten Alptraum" an, sagte Fauci nun bei einer Veranstaltung des US-Mediums "The Hill" - während sich sein Präsident um eine Öffnung der Bundesstaaten und ein Wiederankurbeln der US-Wirtschaft bemüht. Hatte Donald Trump nicht gesagt, das Virus werde einfach so verschwinden, so wie es gekommen sei? Fauci hingegen kritisierte: Einige Bundesstaaten hätten zu früh geöffnet.

USA Dr. Anthony Fauci und Donald Trump (picture-alliance/abaca/G. Yuri)

Mephisto und Faust? Oder Trump und Fauci?

Ist also Dr. Fauci wie Dr. Faust, der Gelehrte, der nach den grundlegenden Erkenntnissen strebt? Und ist dieser Präsident auf der anderen Seite in Wirklichkeit Mephisto, der Geist, der stets verneint? Widersprüchlichere Nachrichten in einer Krise kann man sich jedenfalls nicht vorstellen. Dabei haben, believe it or not, Trump und Fauci gemeinsame Wurzeln. Michael Specter, ein auf Gesundheitsthemen spezialisierter US-Journalist, hat in einem ausführlichen Portrait im Magazin "The New Yorker" beschrieben, wie Anthony Fauci der führende Mediziner in den USA werden konnte: "How Anthony Fauci became America's Doctor". Darin bemerkt er, dass Fauci und Trump beide über 70 sind, dass sie beide aus New York stammen und dass sich beide durch eine sehr direkte Art auszeichnen.

Aber damit würden die Gemeinsamkeiten auch schon enden. Fauci sei geradezu berüchtigt für seine Arbeitsdisziplin. Und, ein weiterer Unterschied: Fauci bezeichne sich als "vollständig unpolitisch und unideologisch".

Der Star bei SNL

Wie geht die Story nun weiter? Niemand weiß gegenwärtig, ob die Geschichte der Corona-Pandemie in den USA noch ein halbwegs glimpfliches Ende nehmen kann. Der Präsident der Amerikaner würde das stets behaupten, während sein erster Wissenschaftler die Rolle des Mahners eingenommen hat. Die US-Bürger rätseln indessen weiter darüber, ob Trump nicht doch versuchen wird, Fauci irgendwie abzuschütteln. Wie sehr diese Frage inzwischen Stadtgespräch ist, machte eine Folge der Kultsendung "Saturday Night Live" deutlich, bei den TV-Junkies in den USA schlicht als SNL bekannt.

Auftritt: Brad Pitt. Mit grauer Perücke, Brille und Krawatte gibt er: Anthony Fauci. Der Hollywood-Star imitiert den Wissenschaftler mit seiner ganzen Kauzigkeit, beide Arme in der Luft, fast jedes Wort unterstreichend. "Es gebe da ein Gerücht, der Präsident werde mich feuern", sagt Pitt-Fauci da, spielt einen dementierenden O-Ton von Trump ein und sagt dann: "Ich werde gefeuert." Die TV-Nation war begeistert, der Präsident stand einmal mehr düpiert da und der Star des Abends hieß übrigens nicht Brad Pitt.

Sondern Anthony Fauci.

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