Faktencheck: Bedeuten Impfdurchbrüche ein Impfversagen? | Deutschland | DW | 29.10.2021
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COVID-19

Faktencheck: Bedeuten Impfdurchbrüche ein Impfversagen?

Die Zahl der Menschen, die an COVID-19 erkranken, obwohl sie vollständig geimpft sind, nimmt zu. Sind sogenannte Impfdurchbrüche ein Beleg dafür, dass die Vakzine nicht wirken? Ein DW-Faktencheck.

Coronavirus - Halle (Saale)

Pfleger auf einer Intensivstation mit COVID-19-Bereich in Halle am Bett eines Patienten

"Impfdurchbruch in Pflegeheim: 15 Infizierte, zwei Tote": Es sind Schlagzeilen wie diese, die viele Menschen verunsichern und Ängste schüren. Sind Corona-Impfungen doch nicht so wirksam wie ursprünglich angenommen?

Als Impfdurchbrüche gelten Corona-Infektionen bei Menschen, die trotz vollständiger Impfung an COVID-19 erkranken und Symptome der Infektion zeigen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI), der zentralen Einrichtung der Bundesregierung zur Krankheitsüberwachung, wurden in Deutschland seit dem 1. Februar dieses Jahres insgesamt 117.763 wahrscheinliche Impfdurchbrüche registriert (Stand 28.10.2021). Fälle, bei denen die geimpfte Person infiziert ist, aber keine Symptome zeigt, fallen nicht in diese Kategorie.

Sind Impfdurchbrüche ein Ausdruck von Impfversagen?

Nein. Die häufig in sozialen Netzwerken aufgestellte Behauptung, Impfdurchbrüche belegten das Versagen oder die mangelnde Wirksamkeit von Impfungen, ist falsch. Richtig ist hingegen, dass bisher kein Corona-Impfstoff einen 100-prozentigen Schutz gegen eine Infektion bietet.

Faktencheck über Impfdurchbrüche | Tweet von @dimetra_ecrit

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Nach einer Studie der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC schwankt der Schutz für Geimpfte vor einer neuen Infektion zwischen 85 Prozent und 95 Prozent. In Deutschland lag die durchschnittliche Impfeffektivität nach Berechnungen des RKI in der Altersgruppe 18-59 Jahre in den vergangenen neun Monaten bei 83 Prozent. Für die über 60-Jährigen liegt der Wert bei 81 Prozent.

In den vergangenen vier Wochen ist der Schutz vor Infektionen allerdings gesunken, laut RKI lag die geschätzte Impfeffektivität für die Altersgruppe 18-59 Jahre bei zirka 75 Prozent und für die Altersgruppe über 60 Jahre bei rund 73 Prozent. Einer der Hauptgründe ist die ansteckende Delta-Variante.

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Beeinflusst wird der Impfschutz auch durch den Faktor Zeit. "Es gibt hier noch keine Personen, die länger als ein Jahr geimpft sind. Daher können wir noch nicht genau sagen, wie lange der Impfschutz anhält", erklärt Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) im DW-Gespräch. Allerdings wisse man mittlerweile, dass die Antikörper nach sechs bis neun Monaten etwas absinken. 

"Das würde mich nicht beunruhigen, hätten wir nicht Delta, denn die Deltavariante des Coronavirus ist wesentlich ansteckender als die bisherigen Varianten", so Falk.

"Wenn die durch die Impfung aufgebaute Immunabwehr durch die Antikörper gegen das Spike-Antigen nicht mehr 'wie eine Eins' steht, kann das Virus diese Abwehrlinie durchbrechen, in eine Zelle gelangen und dort im Nasen-Rachenraum eine Infektion auslösen", sagt die Immunologin, die am Institut für Transplantationsimmunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover lehrt. "Das ist dann ein Impfdurchbruch." 

Infografik - Faktencheck Corona, Krankenhausaufenthalte - DE

Doch auch wenn der Schutz vor Infektionen mit der Zeit zurückgeht, bleibt der Schutz vor schweren Erkrankungen weiter bestehen. Laut CDC-Studie sind Geimpfte "achtmal weniger gefährdet, sich zu infizieren, und 25 mal weniger gefährdet, im Krankenhaus behandelt zu werden oder zu sterben".

Derjüngste Wochenbericht des RKI bestätigt dies. Nur 0,55 Prozent der seit 1. Februar insgesamt 117.763 identifizierten wahrscheinlichen Impfdurchbrüche in Deutschland mussten auf einer Intensivstation behandelt werden. Der Schutz vor einer Behandlung auf der Intensivstation liegt bei 94 Prozent (18-59 Jahre) beziehungsweise 92 Prozent (über 60 Jahre). 

Ist die Anzahl der Impfdurchbrüche gestiegen?

Ja. Laut RKI traten bei den 18- bis 59-Jährigen in der Woche vom 27. September bis zum 24. Oktober 40.467 Impfdurchbrüche auf. Der Anteil der vermutlichen Impfdurchbrüche unter symptomatischen COVID-Fällen in dieser Altersgruppe stieg damit auf 10,9 Prozent - wenn man den gesamten Zeitraum seit Beginn der Impfkampagne in Deutschland berücksichtigt.

Schaut man allerdings nur auf die letzten vier Wochen, liegt der Anteil deutlich höher, nämlich bei 37,5 Prozent. Der Anteil der geimpften Patienten in dieser Altersgruppe auf Intensivstationen liegt bei 3,2 Prozent seit Jahresbeginn, und bei zwölf Prozent im Durchschnitt der vergangenen vier Wochen bis zum 24. Oktober (siehe Grafik).

In der Altersgruppe der über 60-Jährigen sind ebenfalls Anstiege zu beobachten: Der Anteil der Impfdurchbrüche unter symptomatischen COVID-Fällen liegt für den Zeitraum seit Beginn der Impfkampagne bei 16,1 Prozent. Betrachtet man lediglich die vier Wochen bis zum 24. Oktober steigt der Anteil auf 58,9 Prozent. Der Anteil der geimpften über 60-jährigen COVID-Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden mussten, ist in den vergangenen vier Wochen auf 33,4 Prozent angestiegen.

Laut RKI war diese Entwicklung der steigenden Impfdurchbrüche allerdings "erwartbar, da immer mehr Menschen geimpft sind und sich SARS-CoV-2 derzeit wieder vermehrt ausbreitet. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen", heißt es im Wochenbericht.

Infografik - Faktencheck Impfung: Schutz vor schwerwiegendem Krankheitsverlauf Vergleich DE

Weil sich immer mehr Menschen impfen lassen, sinkt auch die Anzahl der ungeimpften COVID-Patienten auf den Intensivstationen. In Großbritannien sind 79% der Bevölkerung vollständig geimpft.

Sind Ungeimpfte für Impfdurchbrüche verantwortlich?

Nein. Aber ihr Verhalten hat gravierende Auswirkungen auf den Verlauf der Pandemie und die Belastung der jeweiligen nationalen Gesundheitssysteme.  

"Der Anstieg der Hospitalisierung passiert laut RKI-Wochenbericht aktuell fast ausschließlich bei den Ungeimpften über 60", weiß Immunologin Falk. "Die sehr wenigen Geimpften, die ins Krankenhaus müssen, sind auch überwiegend aus der Gruppe der über 60-Jährigen."

Sollten im Herbst die Infektionszahlen steigen, würden sich in erster Linie die Ungeimpften anstecken. Doch auch die Geimpften könnten sich leichter infizieren, warnt Falk, "weil mehr Virus in der Bevölkerung zirkuliert".

Inwiefern lässt der Impfschutz mit der Zeit nach?

Der Impfschutz verändert sich nicht bei allen Menschen gleich, denn für einen nachlassenden Impfschutz gibt es mehrere Gründe. Wichtige Faktoren sind Alter, Vorerkrankungen, die Intervalle zwischen den Impfungen und der Impfstoff selbst.

Insbesondere bei älteren Menschen und Hochbetagten sowie bei Patienten mit Krebserkrankungen oder Transplantationen sinkt der Impfschutz im Vergleich zu anderen Personengruppen stärker.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hatte deshalb am 7. Oktober empfohlen, den Impfschutz von über 70-Jährigen mit einer dritten Impfung aufzufrischen. Auch dem Personal in Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern soll eine dritte Impfung angeboten werden.

In Deutschland haben laut RKI 1,8 Millionen Menschen eine Auffrischungsimpfung erhalten (Stand: 28.10.2021). Bezogen auf die Gesamtzahl der gut 55 Millionen vollständig geimpften Menschen in Deutschland entspricht dies einem Anteil von 3,26 Prozent.

In Großbritannien liegt der Anteil bei 14,7 Prozent (Stand: 27.10.2021). In Israel sind laut Angaben des nationalen Gesundheitsministeriums 3,4 Millionen Menschen mit einer dritten Dosis geimpft. Dies entspricht rund einem Drittel der rund 9,3 Millionen Einwohner.

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Wie lange die erste und zweite Corona-Impfung auseinanderliegen, kann ebenfalls die Effektivität der Impfung beeinflussen. In Israel etwa, wo die Mehrheit der Bevölkerung mit BioNTech/Pfizer geimpft wurde, lagen nur 21 Tage zwischen der ersten und der zweiten Impfung.

Immunologin Falk erklärt aber, dass "der Gedächtniseffekt bei BioNTech nach 42 Tagen besser ist als nach 21. "Die zweite Impfung ist total wichtig, um ein immunologisches Gedächtnis zu bilden. Die Schutzfunktion baut auf diesem Gedächtnis auf". Längere Abstände seien für die Wirkung besser, "also sechs Wochen bei BioNTech statt drei, oder zwölf statt sechs Wochen bei Astra[-Zeneca]".

Die Zulassung des Impfstoffes von Johnson&Johnson, der nur eine Impfdosis vorsieht, sieht sie deshalb im Nachhinein kritisch. "Die Zulassungsstudien wurden alle mit dem Wildtyp-Virus gemacht. Aber dann kam die Alpha-, gefolgt von der Deltavariante. Deshalb können nicht immer alle Antikörper, die gebildet wurden, auch Delta genauso gut erkennen."

Mitarbeit: Rachel Baig

Dieser Artikel wurde am 13. Oktober 2021 veröffentlicht und zuletzt am 29. Oktober aktualisiert.

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