Corona: Die Angst vor der Delta-Welle | Deutschland | DW | 09.07.2021
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Leben mit Corona

Corona: Die Angst vor der Delta-Welle

Deutschland lockert, während die Delta-Mutation übernimmt. Wird sie alle Erfolge zunichte machen? Viele sind noch ungeimpft, während Corona-Geimpfte weitgehende Freiheiten erwarten. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

Die Lage ist widersprüchlich. Bundesweit sind die Infektionszahlen stark gesunken, und mit jedem weiteren Abflachen der Corona-Infektionskurve heben die Bundesländer verbliebene Einschränkungen auf. Im bevölkerungsreichsten Land Nordrhein-Westfalen sind von Freitag an geöffnete Tanzclubs, Sportveranstaltungen, Musikfestivals und Volksfeste erlaubt. Wo die Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, auf Null sinkt, sollen sogar Kontaktbeschränkungen, Masken- und Nachverfolgungspflichten fallen.

Wie passt das zur Verbreitung der hochansteckenden Delta-Variante? Sie ist in Deutschland gerade zum dominierenden Virustyp geworden. Was wir über Delta wissen, bereitet Sorge. In Großbritannien ist die Inzidenz in wenigen Wochen auf über 250 gestiegen. Die britische Regierung will dennoch vom 19. Juli an alle Corona-Beschränkungen beenden. Ab Mitte August sollen doppelt geimpfte Erwachsene selbst dann nicht mehr in Quarantäne müssen, wenn sie Kontakt mit Infizierten hatten. "Freedom Boost" titelt die britische Presse dazu.

Man müsse, so formuliert es Gesundheitsminister Sajid Javid, einen der Pandemie angemessenen Umgang mit dem Virus finden und dazu gehöre auch, die Freiheit zu pflegen, weil das für alle Menschen wichtig sei. Nicht alle in Großbritannien sind dieser Meinung. Britische Wissenschaftler sprechen von "kalkuliertem Risiko", die Labour-Opposition von "Leichtsinn".

Ist Britannien Vorbild?

Wie wird Deutschland die absehbar auch hier nahende vierte Pandemiewelle managen? Gerade erst kehrt ein Stück Normalität zurück. Mehr Menschen arbeiten wieder im Büro, verreisen, gehen ins Kino und zum Sport oder tummeln sich auf den Straßen, in den Cafés und Biergärten.

Deutschland I Beginn der Sommerferien Berlin

Check-in am Berliner Flughafen BER - viele fliegen in die Sommerferien

Viele Geimpfte erachten das als selbstverständlich. Die Spritze in den Oberarm war für sie mit einem doppelten Versprechen verbunden: dem Schutz der Gesundheit und der Möglichkeit, Verbote und Restriktionen hinter sich zu lassen. Das hat eine Erwartungshaltung geschürt, die angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl auch die Politiker umtreibt. Immer mehr fordern, dass für doppelt Geimpfte, deren zweiter Impftermin mehr als 14 Tage zurückliegt, mehr Freiheiten gelten sollen.

Kein weiterer Lockdown

Wenn alle Menschen in Deutschland ihr Impfangebot hätten, gebe es "rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung", sagt Bundesaußenminister Heiko Maas. Ähnlich äußerte sich der Präsident der Kassenärzte, Andreas Gassen

Kanzleramtsminister Helge Braun sagt mit Blick auf den Herbst: "Viele Bereiche, die in der Vergangenheit komplett geschlossen waren, müssen für diesen großen Teil der Bevölkerung, der geimpft ist, überhaupt nicht mehr geschlossen werden."

Nach einer Umfrage des  Meinungsforschungsinstituts YouGov befürwortet jeder zweite Deutsche eine Aufhebung aller Corona-Maßnahmen für vollständig Geimpfte ab September.

Delta infiziert auch Geimpfte

Der Impfforscher Leif Erik Sander hält es für "unklug", jetzt schon konkrete Erleichterungen für Geimpfte in Aussicht zu stellen. Er erwarte zunehmend Durchbruchinfektionen, bei denen sich auch Geimpfte mit dem Coronavirus anstecken. Bestätigt wird diese Aussage durch eine Studie aus Israel. Dort waren die Corona-Auflagen mit fortschreitender Impfquote weitgehend aufgehoben worden.

"Was mich an der Studie beunruhigt hat, ist die Tatsache, dass sieben Prozent der Geimpften schwer erkranken konnten", sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in einem Zeitungsinterview. Möglicherweise sei nicht die Delta-Variante allein für die geringere Wirksamkeit verantwortlich, sondern auch die weitgehenden Lockerungen.

Zahl der Impfungen rückläufig

Wie viele andere auch drängt Lauterbach darauf, die Impfkampagne in Deutschland zu intensivieren. So sieht es auch das Robert-Koch-Institut (RKI). Mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen müssten vollständig geimpft sein, um Covid-19 trotz der Delta-Variante kontrollieren zu können. Tatsächlich sind in Deutschland mit Stand vom 8. Juli nur 40 Prozent vollständig geimpft. Bei den über 60-Jährigen sind es 67 Prozent.

In den vergangenen zwei Wochen ist die Zahl der Impfungen pro Tag deutlich zurückgegangen. Am Dienstag dieser Woche meldete das RKI knapp 700.000 verabreichte Impfdosen. In der Vorwoche waren es 917.000, an den Dienstagen der drei Wochen davor jeweils mehr als eine Million Dosen. Impfstoff ist inzwischen ausreichend vorhanden, Termine bei Hausärzten oder in Impfzentren kurzfristig zu bekommen.

Arme Menschen sind seltener geimpft

Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt auf, dass überproportional viele Menschen mit geringem Einkommen noch ungeimpft sind. Unter Geringverdienenden im untersten Fünftel der Lohnverteilung gaben im Juni 2021 nur 49 Prozent der Befragten an, schon mindestens ihre erste Impfdosis erhalten zu haben - verglichen mit 71 Prozent unter Besserverdienenden im obersten Fünftel.

Wer gut ausgebildet ist und gute Kontakte hat, für den ist es offenbar viel leichter, sich einen Termin beim Hausarzt oder im Impfzentrum zu besorgen. In der Politik mehren sich daher die Forderungen, viel mehr in Betrieben, aber auch mit mobilen Teams in sozialen Brennpunkten zu impfen. Die Ärzte müssten zu den Impflingen kommen, nicht umgekehrt.

Was wird aus den Kindern?

Doch nicht nur der sozioökonomische Status spielt eine Rolle, sondern auch das Alter. Für Kinder unter zwölf Jahren gibt es keinen Impfstoff. Für ältere ist in der EU seit kurzem ein einziger zugelassen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt ihn nur für Vorerkrankte. Die Nachfrage wächst trotzdem. Jugendliche kämen auch ohne ihre Eltern in die Praxen, um einen Impftermin zu machen, berichten Kinderärzte.

Dabei treibt die meisten offenbar weniger die Sorge um ihre Gesundheit an. "Die wollen ihre Freiheit zurück", zitiert die "Bild"-Zeitung den Kinderarzt Michael Achenbach, der schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung erhebt. "Es hieß zwar vonseiten der Politik, dass keinem Kind Nachteile entstehen werden, weil es nicht geimpft ist. Doch das entspricht nicht der Realität."

Konfliktherd Schule

Ab dem 2. August kehren die ersten Bundesländer aus den Sommerferien zurück. Eltern und Schüler befürchten schon jetzt, dass wegen der Delta-Variante auch im neuen Schuljahr kein normaler Unterricht möglich sein wird. Wütende Eltern, das will die Politik mit Blick auf die Bundestagswahl im September aber unbedingt verhindern. "Ganz gleich, ob die vierte, fünfte, sechste oder siebte Welle kommt: Lasst die Schulen auf!", sagt in einem Zeitungsinterview der CDU-Politiker Friedrich Merz, der Ambitionen auf ein Ministeramt nach der Wahl hat.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn drängt darauf, möglichst viele Schüler zu impfen. "Wir haben jetzt im Juli und auch im August ausreichend Impfstoff, um auch Kinder und Jugendliche zu impfen", sagt der CDU-Politiker im deutschen Fernsehen. "Wer für sich das möchte, dem machen wir das möglich, bis spätestens Ende August die erste Impfung und dann auch bald die zweite Impfung zu bekommen."

Freiheit und Fahrräder

Um die Impfquote allgemein zu steigern, setzt auch Spahn auf Anreize und Erleichterungen im Alltag. "Wer viel wieder machen können will, vom Stadion bis zur Party bis zum Familientreffen bis zum Berufsalltag mit viel Sicherheit, der sollte sich impfen lassen und viele davon überzeugen." Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans schlägt Lotterien für Impfbereite vor, bei denen "ein Fahrrad, ein Fremdsprachenkurs oder ein anderer schöner Preis ausgegeben" werden könnte.

Infografik Impfanreize für Impfmuffel weltweit DE

Doch wird das reichen? Bislang wird in Deutschland nur vereinzelt über eine Impfpflicht diskutiert. Die Politik betont zwar, dass es sie nicht geben werde. Doch in der bereits geimpften Bevölkerung und vor allem bei denen, die um ihre Freiheit fürchten, wird sehr wohl darüber gesprochen. Spätestens im Herbst, wenn die Wahl vorbei ist und Delta auch Deutschland im Griff hat, könnte das Thema an Fahrt aufnehmen.

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