Eine neue Oper verblüfft die Zuschauer in Bayreuth | Musik | DW | 27.07.2018
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Bayreuther Festspiele

Eine neue Oper verblüfft die Zuschauer in Bayreuth

Sie ist das erste Auftragswerk in der Geschichte der Bayreuther Festspiele: Die Oper "Der verschwundene Hochzeiter" von Klaus Lang - ein überraschendes Multimedia-Märchen über das Rätsel der Zeit.

Flirrende, zarte Klänge entlocken die Musiker ihren Instrumenten. Sie sitzen rechts und links von den Zuschauern in einem alten Kino. Auf der Bühne: ein Tänzer neben Videoprojektionen, die wie Hologramme wirken und mal mit der Figur des Tänzers verschmelzen, sich dann wieder von ihm lösen oder sich vervielfachen.

Hinten im Bühnenraum geben zwei Fenster den Blick auf Landschaften frei. Zwischendurch blicken Videoprojektionen von Menschen durch die Fenster auf das Bühnengeschehen. Alles läuft wie in Zeitlupe ab, vielmehr: Die Zeit wird aufgehoben, und der Zuschauer wird in den quasi hypnotischen Sog des Spiels aufgenommen.

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Flirrende, zarte Klänge von Klaus Lang

In Worten ist die Geschichte des verschwundenen Hochzeiters in wenigen Minuten erzählt. In der Version mit Musik, Tanz, Videoproduktion und Gesang benötigt sie einhundert Minuten.

Bei einer Hochzeit missachtet ein Besucher einen Verbot. Er tanzt zu lang. Nach der Rückkehr in sein Dorf muss er feststellen, dass dreihundert Jahre vergangen sind. Als ihm das bewusst wird, zerfällt er zu Staub. Die Geschichte der Oper basiert auf einer alten österreichischen Sage.

Kinder, macht Neues!

Was hat das mit den Bayreuther Festspielen zu tun? Festspielleiterin Katharina Wagner erklärte: "Oft wird geklagt, wir würden mit Richard Wagner immer nur dasselbe machen. Hiermit begegnen wir diesem Vorwurf."

Schließlich habe ihr Urgroßvater nichts weniger verlangt. "Kinder, macht Neues!", hatte Wagner seinen Zeitgenossen zugerufen. Allerdings mussten 136 Jahre nach der letzten Uraufführung, nämlich der von Richard Wagners "Parsifal" im Jahr 1882, vergehen, bis es soweit war. Der Komponist verstarb nur wenige Monate später. Das von ihm erdachte Festspielhaus war den Aufführungen seiner eigenen Werke vorbehalten. Deshalb wurde "Der verschwundene Hochzeiter" an der Kulturbühne Reichshof präsentiert, einem alten Kino in der Bayreuther Innenstadt.

Naheliegend wäre der Gedanke, dass das übergroße Vorbild Richard Wagner das neue Werk überschattet. "Eher waren es gegensätzliche Überlegungen", sagt Paul Esterházy, Regisseur der Produktion. "Eine Komposition von Klaus Lang stellt alles dar, was Wagner nicht ist. Andererseits habe ich mir gedacht, dass dieser wunderbare 'Hochzeiter'-Text etwas ist, was gut hierher passt, weil es sich um ein fast philosophisches Nachdenken um Raum und Zeit handelt."

Das Rätsel der Zeit

Musikalisch bezog der Komponist Klaus Lang seine Inspiration nicht von Wagner sondern eher von der allerersten erhaltenen Oper: "Rappresentatione di Anima, et di Corpo" ("Das Spiel von Seele und Körper") des Komponisten Emilio de' Cavalieri aus dem Jahr 1600. Darin heißt der Hauptdarsteller "Tempo" ("Die Zeit").

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Klangflächen und detailverliebte Kleinarbeit

Klänge der Renaissance sind entfernt vernehmbar in Langs Partitur, aber auch breite Klangflächen, die in detailverliebter Kleinarbeit ausarbeitet sind und durch akustische und elektronische Klänge und durch zwei Gesangssolisten realisiert werden.

"Musik ist immer eine ganz klare, konstruktive Kunst, und seit der Antike hat das Komponieren immer mit Zahlen zu tun gehabt, mit einem rationalen Vorgang", sagt Lang. "Auf der anderen Seite gibt es kaum eine Kunstform, die direkt eine so starke emotionale Wirkung auf Menschen erzielt. Nach der Vorstellungen waren viele tief ergriffen."

Ein romantisches Werk also? Regisseur Esterházy zieht einen Vergleich zur romantischen Oper "Lohengrin", mit der die Festspiele oben am Grünen Hügel, im Festspielhaus, eröffnet wurden und beschreibt das neue Werk als unromantisch - sogar unwagnerianisch: "Romantisch ist, wenn das Gefühlige im Vordergrund steht", sagt Paul Esterházy. Lang fügt hinzu: "Romantisch hat immer etwas mit dem Ausdruck zu tun, der Vorstellung, dass der Künstler versucht sich über seine Gefühle, über sein Inneres in Form von Klang auszudrücken. Bei mir ist genau das Gegenteil das Ziel. Ich versuche, klangliche Objekte herzustellen, die ihre eigene Schönheit besitzen."

Vielleicht nie außerhalb von Bayreuth aufführbar

Die wiederholten Klangflächen, Videomotive und Bewegungen hatten bei der Bayreuther Uraufführung durchaus ihre Längen. Die Dauer von etwa anderthalb Stunden war vom Auftraggeber vorgegeben, "dennoch hätten wir uns fünf Stunden zugetraut," sagte Esterházy.

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Video-Projektionen und zwei Gesangssolisten

Die Musik wird ohne Dirigenten mithilfe von Monitoren sekundengenau koordiniert. Dazu passt die Präzisionsarbeit des Regisseurs mit den beiden Darstellern, den Zwillingen Jiří und Otto Bubeníček.

Das, so Esterházy, bedeutet einen wesentlichen Unterschied im schöpferischen Prozess zwischen Komponist und Regisseur: "Er hat es wunderbarerweise oder schrecklicher Weise mit seelenlosen Sechzehnteln und mit unbarmherzigen Sekunden zu tun. Aber ich habe es mit Menschen zu tun, die ich motivieren, verführen muss, denen ich versuchen muss, etwas abzuringen: Zwei Tänzer dazu zu bringen, sich 90 Minuten zu kasteien indem sie ihre Muskeln auf Höchstspannung halten. Durch ihre Bewegungen versuchen sie, eine solche Ruhe zu generieren, wie es für den Menschen ungewöhnlich ist." 

Musik, Bewegung, Video und Raum verschmelzen miteinander - so sehr, dass Lang und Esterházy daran zweifeln, ob das Werk später einmal, über die drei geplanten Aufführungen im Bayreuther Kino hinaus, an einem anderen Ort realisierbar ist.

Vielleicht ist das aber gerade die Lektion des verschwundenen Hochzeiters. Es gibt nicht immer ein nächstes Mal oder eine zweite Chance. Vergangenes lässt sich nicht mehr zurückholen.

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