Die Nöte der Luftfahrt in der Corona-Krise | Aktuell Welt | DW | 29.04.2020
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Corona-Krise

Die Nöte der Luftfahrt in der Corona-Krise

Als im Wortsinne weltumspannende Branche wird die Luftfahrtindustrie extrem hart von der Corona-Krise erwischt. Über Nacht ist ein Multimilliardengeschäft zum Erliegen gekommen. Hier die Hiobsbotschaften nur eines Tages.

Nichts ist so wie zuvor. Die Flugzeuge stehen am Boden, die Hallen selbst in den größten Flughäfen sind menschenleer, einige Nationen haben den internationalen Passagierverkehr gänzlich unterbunden. Und selbst ein plötzliches Ende der pandemiebedingten Restriktionen würde der Branche nicht die alten Zeiten zurückbringen.

Finstere Zeiten bei Boeing

"Wir erwarten, dass es zwei bis drei Jahre dauern wird, bis das Reiseaufkommen wieder das Niveau von 2019 erreicht", sagte Boeing-Chef Dave Calhoun  (Archivbild) bei der jährlichen Hauptversammlung des Konzerns, die am Montag nur im Internet stattfinden konnte. Und es werde einige weitere Jahre erfordern, bis die Luftfahrtbranche wieder zu ihrem langfristigen Wachstumstrend zurückfinde, fügte Calhoun hinzu. An diesem Mittwoch wird der US-Luftfahrtriese, der nach dem 737-Max-Debakel jetzt auch noch Corona-Krise abwettern muss, den Geschäftsbericht für das erste Quartal vorlegen. Die Zahlen, das sei jetzt schon gesagt, werden keinen Aktionär glücklich machen. 

Noch mehr Kurzarbeit bei Airbus

Der härteste Boeing-Rivale hat vielleicht nicht ganz so sehr mit hausgemachten Problemen zu kämpfen, doch auch bei Airbus schlägt die Krise voll durch. Im walisischen Broughton, wo Flügel hergestellt werden, müssen weitere 3200 Beschäftigte in Kurzarbeit. Der Zwangsurlaub soll mindestens drei Wochen dauern. Auch der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern muss unerwartet viele Stornierungen verkraften. Am Vormittag werden in Toulouse die Quartalszahlen der Airbus Group erwartet.

Kaum noch Passagiere am Frankfurter Flughafen

45.270 Fluggäste wurden vergangene Woche an Deutschlands größtem Airport gezählt. Die Dimensionen werden erst durch einen Vergleich mit dem Vorjahr deutlich: Da liefen in der gleichen Kalenderwoche mehr als 1,4 Millionen Passagiere durch die Hallen. Es ist also wirklich gespenstisch ruhig an einem der wichtigsten Luftfahrtdrehkreuze auf dem Globus. Selbst die dringend benötigte Luftfracht kann nicht verhindern, dass die Zahl der Flugbewegungen um 84 Prozent auf (nur noch) 1605 Starts und Landungen zurückging.

Berlin-Tegel soll eingemottet werden

Die Eigentümer des derzeit größten Berliner Flughafens möchten den Airport vorübergehend stilllegen. Deshalb verhandeln Vertreter des Bundes sowie der Länder Berlin und Brandenburg an diesem Mittwoch noch einmal darüber, ob und wie Berlin-Tegel vom Netz gehen soll. Da kaum noch Flugzeuge fliegen, könnten so Kosten gespart werden. Noch Ende März hatte der Bund eine sofortige Schließung verhindert, um in der Corona-Krise flexibel zu bleiben. 

British Airways will bis zu 12.000 Stellen streichen

42.000 Menschen arbeiten bei der britischen Fluggesellschaft, 12.000 davon müssen ernsthaft um ihren Job fürchten. Der Mutterkonzern der Airline, die IAG-Gruppe, verweist wie der Boeing-Chef darauf, dass es wohl Jahre dauern werde, bis sich der Flugverkehr wieder normalisiert hat. "Wir müssen jetzt handeln", schrieb der Chef von British Airways, Alex Cruz, an seine Mitarbeiter. "Es gibt keinen staatlichen Hilfsplan für British Airways, und wir können nicht erwarten, dass der Steuerzahler die Löhne auf unbestimmte Zeit zahlt."

Skandinavische SAS halbiert fast die Zahl der Mitarbeiter

Die skandinavische Airline will sich von 5000 Angestellten trennen. Dies entspräche rund 40 Prozent der Beschäftigten, sagte SAS-Generaldirektor Rickard Gustafson der Nachrichtenagentur TT. In Schweden sollen 1900 Vollzeitstellen wegfallen, zudem 1300 in Norwegen und 1700 in Dänemark. Die Fluggesellschaft hat derzeit rund 90 Prozent der Angestellten beurlaubt. Die Hauptaktionäre Schweden und Dänemark unterstützen SAS mit staatlichen Bürgschaften in Höhe von mehr als 275 Millionen Euro.

Icelandair baut 2000 Stellen ab

Bei der isländischen Fluggesellschaft sind rund 2000 Beschäftigte nicht mehr zu halten. Alle Unternehmensbereiche, vor allem aber die Besatzung, Wartung und der Bodenbetrieb, seien von der Maßnahme betroffen, sagte Icelandair-Chef Bogi Nils Bogason. Er hoffe, den Betroffenen wieder eine Anstellung anbieten zu können, sobald sich die Märkte von der Pandemie erholt hätten. Die meisten der wenigen verbleibenden Mitarbeiter müssen in Teilzeit, die Gehälter von Vollzeitkräften werden gekürzt.

Austrian Airlines beantragt Staatshilfen

Die zur Lufthansa-Gruppe gehörende Austrian Airlines aus Österreich beantragt Staatshilfen über 767 Millionen Euro. Ein Großteil der Summe bestehe aus rückzahlbaren Krediten, der andere Teil seien Zuschüsse, über die noch verhandelt werde, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft. Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte Bedingungen an eine Staatshilfe geknüpft. Demnach sollen möglichst viele Arbeitsplätze in Österreich erhalten und der Standort gestärkt werden. Eine staatliche Beteiligung sei nicht das Ziel.

Southwest Airlines rutscht in die roten Zahlen

Die Corona-Pandemie hat der US-Fluggesellschaft den ersten Quartalsverlust seit Jahren eingebrockt. Von Januar bis Ende März fehlten unterm Strich 94 Millionen Dollar. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum hatte der Billigflieger noch 387 Millionen Dollar Gewinn gemacht. "Dies ist eine beispiellose Zeit für unsere Nation und für die Luftfahrtindustrie", sagte Konzernchef Gary C. Kelly. Die US-Regierung hat ein enormes Rettungspaket für Fluggesellschaften aufgelegt, aus dem auch Southwest bereits milliardenschwere Finanzhilfen erhielt.

Und dann ist da noch die Lufthansa, …

… die jede Stunde eine Million Euro verbrennt, und sich dennoch einen Nervenkrieg mit der Bundesregierung leistet. Dass Deutschlands größte Fluglinie Staatshilfe braucht, ist unstrittig. Doch offenbar will das Management den DAX-Konzern auch danach ohne staatliche Einmischung leiten, weshalb eine kurzfristige Einigung nicht in Sicht ist. Immerhin hätte der Steuerzahler bis zu 9 Milliarden Euro in die angeschlagene Lufthansa pumpen können, wie es aus Verhandlungskreisen hieß. Doch nun suchen die Lufthansa-Verantwortlichen ihr Glück möglicherweise in einer Insolvenz, die nach dem Vorbild der Condor  in Eigenverwaltung abgewickelt werden könnte. Im so genannten Schutzschirmverfahren würde Unternehmen unter die Aufsicht eines Sachwalters gestellt und könnte unter dem bisherigen Management die Sanierung angehen. Dabei besteht die Möglichkeit, sich zahlreicher Verpflichtungen gegenüber Lieferanten und anderen Gläubigern zu entledigen. Auch die Pensionslasten und unvorteilhafte Tarifverträge stünden zur Disposition. Doch noch ist alles offen.

rb/cw (afp, dpa, rtr)    

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