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Corona-Krise zeigt die andere Seite der Ultras

Thomas Gennoy ck
18. April 2020

Während die Corona-Pandemie die Menschen trennt, ziehen die Ultras an einem Strang. Aber sie wollen keine Imageveränderung, sie wollen das unterstreichen, was die Ultraszene des deutschen Fußballs schon immer ausmachte.

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Fußball | VfB Stuttgart - Erzgebirge Aue
Bild: picture-alliance/dpa/T. Weller

In einer Zeit der sozialen Distanzierung durch die Coronavirus-Pandemie ziehen die Ultras des deutschen Fußballs wie eh und je an einem Strang.

Es ist etwas mehr als einen Monat her, dass Schwabensturm 02 die Einrichtung eines Einkaufsdienstes ankündigte für diejenigen, die direkt von der Pandemie betroffen sind, die den deutschen Fußball zum Erliegen gebracht hat.

Seitdem hat die Stuttgarter Ultra-Gruppe ein Team zusammengestellt, das Städte und Gemeinden über mehr als 60 Kilometer umspannt. Mehr als 80 Helferinnen und Helfer stehen an sechs Tagen in der Woche zur Verfügung, um Lebensmittel und Rezepte an ältere oder gefährdete Menschen sowie an das in Pflegeheimen und Krankenhäusern tätige Personal zu liefern.

Für Schwabensturm-Mitglied Clemens Knödler war es eine lohnende Erfahrung. "Das läuft eigentlich recht gut. Die Einkaufshilfe ist natürlich ehrenamtlich ohne Extrakosten", sagte er der DW. "Da ist eine große Dankbarkeit zu spüren. Die Leute sind echt froh und happy, dass sie da unterstützt werden."

500 - und es werden noch mehr

Der Einkaufsdienst des Schwabensturms ist auf dem Gebiet der Größte. Daneben existieren aber noch Dutzende ähnlicher Programme, die von organisierten Gruppierungen in ganz Deutschland ins Leben gerufen wurden. In der Bundeshauptstadt haben die Ultras von Union Berlin einen "Gabenzaun" errichtet, an dem Einheimische Hygieneartikel, Kleidung und Lebensmittel für Bedürftige spenden können.

Deutschland | Union Berlin Fans | Coronavirus
Spendenaufruf der Szene KöpenickBild: F. Voss

Fabian von der Szene Köpenick ist über das Maß an Großzügigkeit verblüfft. "Wir sind eigentlich jeden Tag da um nachzuschauen. Es werden jeden Tag neue Tüten hingehängt", sagte er der DW. "Es findet ein reger Umsatz statt."

Der Zaun war nur der Anfang. Nachdem bekannt wurde, dass es Pflegern, Betreuern und dem wichtigen Personal in der Gesellschaft an Gesichtsmasken mangelt, riefen die Ultras die Unioner und alle weiteren Unterstützer auf, eige zu nähen und zu spenden.

500 Gesichtsmasken seien bisher gesammelt worden, so Fabian, der erklärte, dass das Maskennähen sogar noch einen zusätzlichen Nutzen habe. "Die Kinder haben gerade nicht viel Beschäftigung, warum setzt man sich dann nicht einfach mit ihnen zusammen und macht das gemeinsam? Es macht Spaß. Ich habe auch zwei linke Hände, aber auch ich habe es hinbekommen."

Imagewechsel "nicht unser Ziel"

Die Tatsache, dass aktive Fangruppen die Basis so vieler ähnlicher Bemühungen in Deutschland sind, ist nicht unbemerkt geblieben. Wenn man bedenkt, wie zeitnah die Pandemie der Dietmar-Hopp-Affäre folgte, so scheint ein Sinneswandel in der öffentlichen Wahrnehmung in greifbarer Nähe zu sein. 

DW Screenshot | Union Berlin Fan
Szene Köpenick-Mitglied Fabian Voss spricht mit der DW über die Aktion "Gabenzaun"Bild: DW

Die Ultras, die vor kurzem noch als das "hässliche Gesicht des Fußballs" verurteilt wurden, werden nun weithin für ihre Nächstenliebe und Solidarität gelobt. Viele dieser Lobeshymnen kommen aus den normalerweise kritischen Reihen der Presse.

"Es wird jetzt überall gesagt, ist das ein Imagewandel? Ich will das eigentlich komplett trennen, also Fußball und das, was wir hier machen", sagte Fabian gegenüber der DW. "Ich tue das nicht, damit wir hinterher sagen können, dass wir etwas getan haben, um den Ruf der Fanszene zu verbessern. Das ist nicht unser Ziel."

Nicht anders als sonst

Überall im Land engagieren sich Ultra-Gruppierungen seit langem für soziale Projekte, und einige haben das Gefühl, dass die Anerkennung, die sie im Moment erhalten, merkwürdig plötzlich kommt.

Deutschland | Borussia Mönchengladbach Ultras | Coronavirus
Nordkurve Aktiv ermutigt Fans zu helfenBild: S. Mähler

Nordkurve Aktiv, eine vor über einem Jahrzehnt von Ultras in Mönchengladbach gegründete gemeinnützige Initiative, betreibt ebenfalls ein Lebensmitteleinkaufsprogramm. Auch hier wurden verschiedene Spenden organisiert, die an lokale Institutionen, die von der aktuellen Krise betroffen sind, verteilt wurden. Steven Mähler von Nordkurve Aktiv sagte der DW aber, dass es nichts radikal Neues in den Bemühungen der organisierten Fußballfans gäbe.

"Ich denke, sozial engagiert zu sein, ist ein großer Teil der Ultrakultur", sagte Mähler. "Es sind nicht nur die negativen Dinge, die immer in den Zeitungen stehen. Wahrscheinlich hat mittlerweile jede Ultraszene in Deutschland ein karitatives Bündnis", so Mähler.

"Normale Menschen, die helfen wollen"

Viele organisierte Ultras sind es gewohnt, Kritik ausgesetzt zu sein und sich immer verteidigen zu müssen. Für sie ist es nur normal vorsichtig zu sein, wenn es um ihr neues, verbessertes Image geht. Clemens Knödler vom Schwabensturm äußerte seine Bedenken darüber, ob die derzeitige positive Presse dem Ansehen der Ultras in Deutschland langfristig gut tun kann.

Deutschland | VfB Stuttgart Ultras | Coronavirus
Der Schwabensturm 02 organisiert einen groß angelegten Einkaufsdienst rund um StuttgartBild: C. Knödler

"Ich glaube nicht wirklich, dass die allgemeine Wahrnehmung [der Ultras] dauerhaft verändert wird", sagte er der DW. "Vielleicht denkt jemand mal länger darüber nach oder macht sich mehr Gedanken. Ich weiß aber nicht ob das lange Zeit halten wird."

Dennoch freut sich Knödler, dass eine weniger bekannte Facette der Ultrakultur zumindest im Moment der Öffentlichkeit präsentiert wird. "Es ist eine Möglichkeit zu zeigen, was Ultras eigentlich auch ausmacht", sagte er. "Es ist nicht diese 'hässliche Fratze des Fußballs', sondern es sind einfach normale Menschen, die ihre soziale Verantwortung wahrnehmen und bestmöglich helfen wollen."