Woher kommt der Hass auf Dietmar Hopp? | Sport | DW | 03.03.2020
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Bundesliga

Woher kommt der Hass auf Dietmar Hopp?

In vielen Stadien der Fußball-Bundesliga kam es zu Protesten gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. Warum ist der 79-Jährige für viele Fans und Ultras das Feindbild Nummer eins? Und wo liegt die Schuld von DFB und DFL?

Wer ist Dietmar Hopp?
Dietmar Hopp ist ein erfolgreicher deutscher Unternehmer. Nach seinem Ingenieurstudium arbeitete er einige Jahre als Software-Entwickler und Systemberater beim Computer- und IT-Konzern IBM, bevor er 1972 gemeinsam mit vier Kollegen das Software-Unternehmen SAP gründete, dessen Vorstandsvorsitzender er von 1988 bis 1998 war. SAP wurde nach Microsoft und Oracle zum drittgrößten IT-Konzern der Welt. 2003 zog sich Hopp aus dem Tagesgeschäft zurück, er hält aber noch 5,52 Prozent der Aktien (Stand Februar 2020) des nach Börsenwert wertvollsten deutschen Unternehmens. Der 79-Jährige ist Multi-Milliardär und gilt als einer der reichsten Deutschen. Seit vielen Jahren betätigt er sich wohltätig. 1995 gründete er die Dietmar-Hopp-Stiftung, die seitdem 600 Millionen Euro für gemeinnützige Projekte aus den Bereichen Sport, Medizin, Bildung und im sozialen Bereich ausgeschüttet hat. Die meisten Aktivitäten der Stiftung bewegen sich in Hopps Heimatregion an Rhein und Necker im Südwesten von Deutschland. 

Was hat Hopp mit der Fußball-Bundesliga zu tun?
Hopps bekanntestes Investment ist die TSG 1899 Hoffenheim, der Fußballverein, für den er als Amateur früher selbst spielte. Dank des Mäzenatentums Hopps stieg der Dorfverein zwischen 1990 und 2001 aus der Kreisliga bis in die drittklassige Regionalliga auf. 2005 verkündete Hopp, er wolle den Verein bis in die Bundesliga bringen. Er verpflichtete Trainer Ralf Rangnick für sein Projekt, der mit Spielern, die sich kein anderer Liga-Konkurrent hätte leisten können, 2007 zunächst den Aufstieg in die 2. Bundesliga und 2008 den Aufstieg in die 1. Bundesliga schaffte. Gleich in der Debütsaison im Oberhaus sicherte sich die TSG die Herbstmeisterschaft, fiel dann in der Rückrunde aber noch zurück. Neben den Investitionen in den Spielerkader finanzierte Hopp der TSG bereits zwei Stadien, dazu ein modernes Trainingszentrum. Insgesamt soll Hopp über 350 Millionen Euro in den Verein gesteckt haben. Dank hoher Transfereinnahmen ist Hoffenheim seit einigen Jahren aber von Hopp finanziell unabhängig.

Was erzürnt die gegnerischen Fans so sehr?
Fans anderer Vereine und Ultras lehnen Hopp deswegen ab, weil er sich den sportlichen Erfolg in ihren Augen nur erkauft hat. Er habe dabei gegen die im deutschen Fußball geltende 50+1-Regel verstoßen, nach der kein Investor die Mehrheitsanteile bei einem Verein halten darf. Zudem - so der Vorwurf - habe er als Geldgeber immer wieder ins operative Geschäft eingegriffen. Hopp ist für seine Gegner die personifizierte Kommerzialisierung des Fußballs. Die von ihnen als "Konstrukt" bezeichnete TSG Hoffenheim nehme anderen Vereinen, Traditionsvereinen zumal, einen Platz in der Bundesliga weg.

Bildergalerie Bundesligasaison 2008/2009 (picture-alliance/ dpa)

Hasta la vista, Hass-Objekt! - 2008 tauchte Dietmar Hopp erstmals im Fadenkreuz der BVB-Fans auf

Insbesondere die Fans von Borussia Dortmund arbeiteten sich immer wieder an ihrem "Hass-Objekt" Hopp ab. Bereits 2008 tauchte im BVB-Fanblock das erste Plakat mit dem Konterfei Hopps in einem Fadenkreuz auf. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke war damals einer der schärfsten Kritiker Hopps. Er warnte vor "Retortenklubs" und forderte die DFL auf, Untersuchungen in Hoffenheim anzustellen.

Der Konflikt erreichte 2011 die nächste Stufe, als herauskam, dass die Dortmunder Gästefans bei ihrem Besuch im Hoffenheimer Stadion mit Störgeräuschen beschallt worden waren, die etwaige Schmähgesänge gegen Hopp übertönen sollten. Es kam zur Klage vor dem DFB-Gericht, die letztlich aber fallengelassen wurde. Angeblich hatte ein einzelner Mitarbeiter die Lautsprecheranlage installiert. Hopp-Kritiker unterstellten allerdings, Hopp habe von der "Beschallungs-Aktion" Kenntnis gehabt und diese auch unterstützt.

Seitdem hat es im Grunde bei jedem Aufeinandertreffen der beiden Vereine Plakate und Proteste der Dortmunder gegen Hopp gegeben.

Warum gab es an diesem Wochenende so viele Proteste?
An diesem Wochenende eskalierte die Situation in vielen Stadien der Bundesliga. Unter anderem in Köln und bei Union Berlin wurden Anti-Hopp-Transparente hochgehalten. Auch schon eine Woche zuvor, beim Spiel Mönchengladbach gegen Hoffenheim, präsentierten Gladbacher Fans ein Hopp-Konterfei im Fadenkreuz. Die Fans kritisierten mit diesen Aktionen aber eigentlich den DFB, weil der Verband kürzlich eine 2018 gegen BVB-Anhänger verhängte Bewährungsstrafe aufgehoben hatte. Beim letzten BVB-Auswärtsspiel in Hoffenheim im vergangenen Dezember hatte es erneut Schmähungen gegen Hopp gegeben. Als Konsequenz dürfen die BVB-Anhänger nun in den kommenden drei Spielzeiten nicht ins Hoffenheimer Stadion, um ihr Team zu unterstützen. Als Reaktion darauf solidarisierten sich Teile der deutschen Fanszene mit den Dortmundern. Die Fans sehen in der Sanktion des DFB eine Kollektivstrafe, die der Verband nach einem entsprechenden Entschluss von 2017 eigentlich nicht mehr verhängen beziehungsweise vorübergehend aussetzen wollte.

Fußball Bundesliga | TSG 1899 Hoffenheim vs. FC Bayern München | Spielunterbrechung Beleidigung Hopp (Reuters/K. Pfaffenbach)

Ballgeschiebe gegen den Hass: Die Spieler der Bayern und der TSG "streiken" nach den Schmähungen gegen Hopp

Gleichzeitig richtete sich die Kritik auf den Rängen immer wieder auch persönlich gegen Hopp, der auf unflätige Art und Weise beschimpft und erneut im Fadenkreuz gezeigt wurde. Das passierte am Samstag auch im Hoffenheimer Stadion durch Ultras des FC Bayern München. Als es kurz vor dem Ende des Spiels bereits 6:0 für die Bayern stand, tauchten im Bayern-Fanblock Plakate auf, die den vermeintlichen Wortbruch des DFB kritisierten und gleichzeitig Hopp, der persönlich im Stadion anwesend war, als "Hurensohn" beleidigten. Das Spiel wurde daraufhin unterbrochen. Spieler und Offizielle des FC Bayern gingen in die Kurve und versuchten, ihre Fans zur Vernunft zu bringen. Der Schiedsrichter führte die Mannschaften vorübergehend in die Kabine. Als das Spiel schließlich fortgesetzt wurde, spielten sich die Spieler beider Teams als Zeichen der Solidarität 13 Minuten lang im Mittelkreis den Ball zu, bis der Schiedsrichter die Partie schließlich nach 90 Minuten beendete. 

Ist eine Lösung in Sicht?
Im Gegenteil: Die Fronten verhärten sich. DFB und DFL wollen nicht als zahnloser Tiger erscheinen und reagieren mittlerweile auf jeglichen Protest mit konsequenter Härte. So wurde beim Sonntagsspiel zwischen Union Berlin und dem VfL Wolfsburg bereits die erste Stufe des Drei-Stufenplans angewendet, der bei Beleidigungen einzelner Personen und rassistischen oder homophoben Vorfällen auf den Rängen greifen soll, als die Union-Fans mit einem eher harmlosen Plakat Kritik am DFB übten und nicht persönlich an Hopp.

Es kam zu einer Spielunterbrechung und einer Durchsage des Stadionsprechers. Danach präsentierten die Ultras kurz vor der Halbzeitpause ein weiteres Transparent - diesmal mit Hopp im Fadenkreuz und einer persönlichen Beleidigung des Hoffenheim-Mäzens. Der Schiedsrichter wandte Stufe zwei an und führte die Mannschaften vorübergehend in die Kabine. Erst nach einem weiteren Appell des Stadionsprechers und der Warnung, dass jeder weitere Zwischenfall zum sofortigen Spielabbruch führe, konnte die Partie fortgesetzt werden.

Fußball Bundesliga Union Berlin vs VFL Wolfsburg Spielunterbrechung Plakat gegen Dietmar Hopp (picture-alliance/dpa/A. Gora)

Spielunterbrechung bei jeder Kritik? Oder müssen DFB und DFL gewisse Meinungsäußerungen auch aushalten?

Die Situation ist verfahren. Während die Fans uneinsichtig sind, sich in die kriminelle Ecke gedrängt und teilweise sogar auf eine Stufe mit Terroristen gestellt sehen, haben Verband und Liga keine Lust mehr, beleidigende Plakat-Aktionen und kritische Meinungsäußerungen zu tolerieren. Gespräche zwischen DFL, DFB und Fans wurden im Spätsommer 2018 von Fanseite abgebrochen. Während die Veranstalter einen reibungslosen Ablauf ihres werbeträchtigen Premiumprodukts Fußball-Bundesliga wünschen, wollen die Fans - vor allem jene, die sich für eine Art Gralshüter der echten Fußballkultur halten - mit ihren Anliegen gehört, als ebenbürtige Ansprechpartner akzeptiert und nicht nur als Konsumenten gesehen werden.

Verständnis für die andere Seite hat keiner, so dass sich der seit langem schwelende Konflikt zwischen Verband und Fans wohl so schnell nicht lösen lassen wird. Hoffnung macht, dass die Vereine des Streits mittlerweile auch überdrüssig sind und wieder ungestört Fußball spielen wollen. Der gemeinsame Streik der Spieler der TSG Hoffenheim und des FC Bayern war ein starkes Zeichen. Fraglich bleibt allerdings, ob es ebenso abgelaufen wäre, wenn es zu diesem Zeitpunkt nicht schon 6:0 für die Münchener gestanden hätte.

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