Fanexperte Gabriel zu Hopp-Protesten: ″Eskalationsspirale stoppen″ | Sport | DW | 03.03.2020
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DW-Interview

Fanexperte Gabriel zu Hopp-Protesten: "Eskalationsspirale stoppen"

Eine weitere Eskalation der Fanproteste gegen Dietmar Hopp und die Reaktionen darauf würden sowohl dem Fußball als auch der Fankultur massiv schaden, warnt Fanxexperte Michael Gabriel im DW-Interview.

DW: Herr Gabriel, waren Sie von den Protesten und Plakataktionen gegen Dietmar Hopp am vergangenen Wochenende überrascht?

Michael Gabriel: Nein, überrascht war ich nicht. Als KOS [Koordinationsstelle für Fanprojekte - Anm. d. Red.] sind wir so etwas wie die Dachorganisation von allen Fanprojekten in Deutschland. Die Sozialarbeiter stehen in engem Kontakt mit den Fanszenen. Dadurch haben wir eine sehr gute Kenntnis über die Diskussionen und die zu erwartenden Reaktionen von Fußballfans. Nachdem der DFB allen Dortmunder Fans untersagt hat, die nächsten zwei Auswärtsspiele in Hoffenheim zu besuchen und damit nach Auffassung der Fanszenen die gemachte Zusage vonseiten des DFB, dass es keine Kollektivstrafen mehr geben wird, gebrochen wurde, war das zu erwarten. Genau das ist eines der zentralen Themen für die Fans in den vergangenen Jahren gewesen.     

Auch in dieser Schärfe?

Für Kenner ist das nicht überraschend. Um es zu erklären, nicht um es zu entschuldigen: Es ist das eine Erfahrung der Fanszenen, dass sie häufig übersehen werden,  wenn sie mit sachlichen Bannern oder Protesten um die Ecke kommen. Je brachialer sie sind, umso mehr werden sie wahrgenommen.

Es wird ja vielfach behauptet, dass es eigentlich gar nicht um die Person Hopp geht, sondern er als Synonym für die fortschreitende Kommerzialisierung im Profifußball genommen wird. Würden Sie nach Ihren Erfahrungen diese These stützen?

Aus der Fanszene kennt ja niemand Dietmar Hopp persönlich. Und es gibt ja auch eine Reihe von Stellungnahmen von Fanszenen, die erklären, dass es nicht um Hopp geht. Viele würdigen ja auch das regionale Engagement Hopps. Die Kritik richtet sich gegen das Modell Hoffenheim, das sehr eng mit dem Mäzenatentum von Hopp in Verbindung gebracht wird. Es ist aber völlig klar, dass es auch ein Dietmar Hopp nicht ertragen muss, über viele Jahre so beleidigt zu werden. Das ist kontraproduktiv.

Gibt es auch Fangruppen, die der Auffassung sind, dass man mit den Protestaktionen über das Ziel hinausgeschossen ist?

Die Fanszenen sind sehr vielschichtig. Da wird man sicher viele Leute finden, denen das zu viel war. Es wird Leute geben, die sich eher zurückhalten. Aber es wird auch welche geben, die noch einen Schritt weiter gehen würden. Ich halte es tatsächlich nicht für ausgeschlossen, dass es bis zu Spielabbrüchen weiter getrieben wird. Dass diese Spirale der Eskalation weiter gedreht werden könnte. Dass würde aber nicht nur dem Fußball, sondern auch der Fankultur massiven Schaden zufügen.  

Michael Gabriel im Porträt (Foto: picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Fanexperte Michael Gabriel: Gang zurück schalten

Die Fangruppen haben sich mit ihren Aktionen eine große öffentliche Aufmerksamkeit verschafft. Glauben Sie, dass die Proteste jetzt weitergehen werden?

Ich würde mir wünschen, dass alle Beteiligten mal einen Gang zurück schalten und für sich überlegen, wie die gemeinsamen Interessen wieder in den Blick kommen können. Wenn die Konflikte sich noch weiter vertiefen, wird das auf beiden Seiten in eine Sackgasse führen.

Die Vereine reagieren ungewohnt harsch auf diese Protestaktionen. Schalke 04 etwa hat angekündigt, es soll für den Klub künftig keine Dreistufen-Eskalation mehr geben, sondern nur noch eine Stufe. Bei der ersten Beleidigung soll das Spiel künftig abgebrochen werden. Ist das der richtige Weg?  

Eindeutig nein. Die Kommunikation zwischen den Vereinen und den Fanszenen hat deutlich an Stabilität gewonnen, auch auf Schalke. Solch eine Handlungsweise negiert die Kommunikationswege und greift auch nicht auf die Ressourcen zurück, die es in der Kommunikation gibt. Mein Appell wäre zu schauen, wie man die Leute auf seine Seite ziehen und sie überzeugen kann. Die allermeisten Vereine haben ja auch einen Zugang zum so genannten harten Kern. Das ist auch langfristig der bessere Weg.   

Trotz der scheinbar guten Kommunikation zwischen beiden Seiten in den vergangenen Jahren kam es dennoch zu dieser Eskalation. War alles umsonst?

Man darf nicht außer Acht lassen, was die Beweggründe für die Fans waren. Das Thema Kollektivstrafen hat eine enorm hohe Bedeutung und ist äußerst sensibel für die Fanszene. Gerade dieses Thema bietet aber auch Chancen, dass man wieder an einen Tisch kommen kann. Wenn es nur um ein weiteres Kräftemessen geht, dann gibt es nur Verlierer.

Werden die Fans nach ihrer Meinung in Sachen Kollektivstrafen denn ungerecht behandelt?

Das Gefühl ist zumindest weit verbreitet. Nehmen wir das Beispiel, als die Fans von Eintracht Frankfurt im internationalen Wettbewerb nicht nach Lüttich und nicht nach London fahren durften. Da ging es vielleicht um 40 Leute, die Mist gebaut haben. Deshalb dürfen dann 10.000 Fans nicht zu den Spielen fahren. Wenn wir solch eine Atmosphäre haben, in der sich alle - und in diesem Fall zu Recht - als unschuldige Opfer fühlen, dann sinkt natürlich die Bereitschaft, gegen Fehlverhalten in der eigenen Gruppe vorzugehen.

Sehen Sie überhaupt eine Lösungsmöglichkeit für die bestehenden Konflikte?

Ich glaube, dass wir auf beiden Seiten sehr viele verantwortungsvolle Leute haben, die den Fußball und die Fankultur schützen wollen. Nicht zuletzt deshalb hat sich der Fußball so gut entwickelt. Und ich glaube, dass wir auch aus dieser sehr verfahrenen Situation noch gut rauskommen können. Erst einmal müsste aber unbedingt die Eskalationsspirale gestoppt werden.

Michael Gabriel, Jahrgang 1963, ist Sportwissenschaftler mit einer Zusatzausbildung in Sozialarbeit. Seit 2006 leitet er die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt am Main. Die KOS, finanziert je zur Hälfte vom Bundesfamilienministerium sowie von DFB und DFL, begleitet die sozialpädagogisch arbeitenden Fanprojekte in Deutschland.

Das Interview führte Jörg Strohschein.

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