David Seymour: Magnum-Gründer und Menschenrechtsfotograf | Kunst | DW | 07.07.2021
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Fotografie

David Seymour: Magnum-Gründer und Menschenrechtsfotograf

Mit seiner Kamera fing David Seymour das Leid der Kinder als Opfer des Krieges ein. Auch seine Porträts waren berühmt. Sein Markenzeichen: Anteilnahme.

"Chim war davon angetrieben, dass Kinder im Krieg immer am meisten leiden", sagt Carole Naggar, die Biografin David Seymours, den alle Chim nannten und der die bekannte Fotoagentur Magnum mitbegründete. Seymour verließ als Jude 1932 Polen und kehrte 1948 aus den USA zurück, um Kinder und Jugendliche im verwüsteten Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu fotografieren. Seine Aufnahmen rückten sie als Opfer von Krieg und Konflikten in den Fokus. 

"Mit dieser Arbeit war Chim bahnbrechend", so Naggar.  Seine sensiblen Bilder der jungen Überlebenden des Krieges berühren bis heute und haben den Fotojournalismus aus Kriegs- und Krisengebieten beeinflusst. Am 10. November 2021 jährt sich Seymours Todestag zum 65. Mal. 

Soldaten der Internationalen Brigaden stehen nebeneinander und halten die Hand an die Stirn

Soldaten der Internationalen Brigaden, die im Spanischen Bürgerkrieg gegen den faschistischen General Franco mitgekämpft haben, werden im Oktober 1938 in Barcelona verabschiedet

Bereits im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) machte Seymour - damals trug er noch seinen polnischen Namen Dawid Szymin - berühmte Aufnahmen der republikanischen Truppen, die gegen den faschistischen Diktator Franco kämpften. Als Sozialist ergriff er in seinen Bildern dabei Partei für die republikanischen Truppen und fotografierte die leidende Zivilbevölkerung - ein Novum.

Fotografen David Seymour Anfang der 1950er-Jahre, ihm hängen mehrere Kameras um den Hals

David Seymour Anfang der 1950er-Jahre

Als Chim 1948 den Auftrag annahm, für das Fotoprojekt "Children of Europe" die Aufnahmen zu machen, war er bereits ein erfolgreicher Fotojournalist. Außerdem hatte er die bis heute renommierte Fotoagentur "Magnum" 1947 mitgegründet - zusammen mit seinen Freunden und Kollegen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson und George Rodger.

 "Chim hoffte, mit den Fotos des 'Children of Europe'-Projekts die internationale Aufmerksamkeit auf die Not der Kinder zu lenken: oftmals Waisen, verkrüppelt vom Krieg, unterernährt und krank", sagt Naggar. Statt seines üblichen Tageshonorars von 100 US-Dollar habe er 2600 Dollar akzeptiert - für einen Auftrag, der mehrere Monate dauerte.

Einfühlsam und voller Anteilnahme fotografierte Chim, der 1942/43 die US-Staatsbürgerschaft erhielt und seitdem David Robert Seymour hieß, im Sommer 1948 Kinder in Griechenland, Italien, Österreich, Polen und Ungarn. 

Motiv aus David Seymours Children of Europe: Mehrere Kinder, teilweise mit Krücken, spielen 1948 auf einer Wiese Ball

Kinder in der Villa Savoia, einem Kinderheim in Rom 1948. Seymour wollte in seinen Fotos auch zeigen, wie kriegsversehrte Kinder sich ihre Kindheit stückweise zurückholen

Bereits 1947 hatte er in Frankreich und Deutschland den Alltag von Kindern zwischen Ruinen und Überresten des Zweiten Weltkriegs fotografiert. Der Bildband "Children of Europe" erschien 1949 und sollte die Arbeit der UN und von UNICEF dokumentieren, das Kinderhilfswerks war direkt nach dem Krieg am 11. Dezember 1946 gegründet worden und feiert 2021 sein 75-jähriges Jubiläum.

"Chim war der erste Menschenrechts-Fotograf", sagt Naggar, die in Büchern und anderen Veröffentlichungen über Seymours Leben und Arbeiten geschrieben hat. "Er begann damit eine Tradition, in der Fotografen für Menschenrechts-Organisationen arbeiten. Ihm folgten unter anderem Susan Meiselas, Sebastião Salgado und Fazal Sheikh." UNICEF Deutschland prämiert seit dem Jahr 2000 in einem internationalen Wettbewerb jährlich das "UNICEF-Foto des Jahres", in dem "die Persönlichkeit und Lebensumstände von Kindern weltweit auf herausragende Weise dokumentiert" werden. 

Seymour wurde 1948 Vize-Präsident der Fotoagentur Magnum und 1954 - nach dem Tod von Robert Capa in Vietnam - deren Präsident. Er galt als hervorragender Geschäftsmann und Verhandler, fotografierte aber auch weiterhin selbst.

Ingrid Bergman 1953, sitzt auf einem roten Sessel und lächelt

Ingrid Bergman 1953: Die Porträtfotos der schwedischen Schauspielerin sorgten dafür, dass auch andere Stars sich von Seymour ablichten lassen wollten

1950 ging er nach Rom und entwickelte seinen eigenen, neuen Stil der Porträtfotografie: Schauspielerinnen und Schauspieler, Künstler und Musiker rissen sich darum, von ihm aufgenommen zu werden. Seine vertrauenswürdige, sensible Art kam ihm laut Naggar bei diesen persönlichen Aufnahmen zugute. "Chims Spezialität war es, Stars zu entdecken, bevor sie zu Stars wurden." Dazu zählen die Schauspielerinnen Ingrid Bergman, Irene Papas, Joan Collins oder Gina Lollobrigida. "Bei den Fotos ging es ihm mehr um Intimität als um Glamour."

Seymours Familie: Opfer des Holocaust in Polen

Mit dem Umzug nach Italien wollte Seymour nach Ansicht seiner Biografin auch Abstand zu den Erlebnissen der Vorjahre schaffen: Während des Zweiten Weltkriegs war der US-Soldat Seymour in London stationiert. Er wertete für die alliierten Truppen gegen Nazi-Deutschland Bilder und Luftaufnahmen aus. Als Vorbereitung auf die Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944, dem sogenannten D-Day, war die Arbeit der "photography interpreter" von Bedeutung. Für das Fotoprojekt "Children of Europe" kehrte der am 20. November 1911 in Warschau geborene Chim auch nach Polen zurück. Hier sah er die Zerstörungen in seiner alten Heimat und bekam endgültige Klarheit darüber, dass seine Eltern und große Teile seiner jüdischen Familie während des Holocausts von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. 

"Chim hat an Humanität und Anteilnahme geglaubt"

In Italien habe er sich "neu erfinden" wollen, so Naggar: "Er sagte: 'Ich bin ein Südländer'. Er fühlte, dass Italien und Griechenland die Wiege der Zivilisation waren, und liebte es, von Geschichte umgeben zu sein. Seine sensible fotografische Arbeit setzte er fort und machte Aufnahmen von italienischen Analphabeten, die schreiben lernen oder vom Wiederaufbau einer Schule nach dem Bürgerkrieg in Griechenland. Carole Naggar, die Ende 2021 ein neues Buch über David Seymour herausbringt, erklärt: "Chim hat an Humanität und Anteilnahme geglaubt, und sein Einfluss auf die Fotografie war riesig." Für ihre Biografie habe sie sich jeden einzelnen Kontaktabzug seiner Fotos angesehen, um Chims Arbeitsweise umfassend zu verstehen - bis zum letzten vom Suez-Krieg.

Eine Frau in den Ruinen der ägyptischen Stadt Port Said nach israelischen Bombenangriffen 1956 trägt einen Sessel durch die Straße

In den Ruinen der ägyptischen Stadt Port Said nach israelischen Bombenangriffen 1956 - eine der letzten Aufnahmen David Seymours vor seinem Tod

Die ägyptische Armee unter Präsident Gamal Abdel Nasser hatte im Sommer 1956 den Suez-Kanal besetzt, eine wichtige internationale Wasserstraße. Frankreich, Großbritannien und Israel nahmen das nicht hin, es folgte der Suez-Krieg gegen Ägypten. Seymour reiste im November 1956 an den Kanal, um den Konflikt zu fotografieren. Als Chim am 10. November dann mit seinem Kollegen Jean Roy auf einen ägyptischen Posten zufuhr, wurde das Feuer auf das Fahrzeug eröffnet. Beide Journalisten wurden tödlich getroffen.

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