Corona: Woran erkenne ich Verschwörungstheorien? | Wissen & Umwelt | DW | 16.05.2020
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Psychologie

Corona: Woran erkenne ich Verschwörungstheorien?

Verschwörungstheorien haben in Zeiten von COVID-19 Hochkonjunktur. Manche davon klingen sogar plausibel. Deshalb ist es wichtig zu wissen: Was sind die Merkmale von Verschwörungsnarrativen? Und was macht sie so beliebt?

Deutschland Köln | Demonstration | Roncalliplatz (picture-alliance/dpa/C. Hardt)

Demonstration vor dem Dom in Köln

Wir erleben eine Krise. Nicht nur eine gesundheitliche und wirtschaftliche, sondern auch eine psychologische Krise. Das Coronavirus, die daraus resultierende Lungenkrankheit COVID-19 und die zur Eindämmung der Pandemie getroffenen Maßnahmen haben das Leben von Millionen Menschen auf den Kopf gestellt. Auch wenn die Konsequenzen all dessen ganz unterschiedliche Auswirkungen auf jeden einzelnen haben, eint uns alle etwas: Ungewissheit.

Menschen mögen Ungewissheit nicht. Sie wollen wissen, was als nächstes passiert und warum. Und ob man nicht alles ganz anders machen müsste.

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Deshalb erfahren Verschwörungstheorien in jeder Krise besonderen Auftrieb. Weil sie versprechen, das Chaos mit einfachen Erklärungen lichten zu können. In einer Zeit, in der alle Gewissheiten von rechts auf links gekrempelt werden, scheint es für viele Menschen besonders verlockend, einem Narrativ zu folgen, das den oder die Schuldigen kennt. 

Wann ist eine Theorie eine Verschwörungstheorie?

In der Realität sind einfache Fragen oft gar nicht so einfach zu beantworten. Darüber, was eine Verschwörungstheorie ist, herrscht mitnichten wissenschaftlicher Konsens. Das sagt Sozial- und Rechtspsychologe Roland Imhoff von der Johannes Gutenberg Universität Mainz, der zu Verschwörungstheorien forscht. "Manche gehen davon aus, dass eine Verschwörungstheorie gleichzusetzen ist mit einer irrigen Annahme, die nicht der Realität entspricht." 

Imhoff ist überzeugt, dass dieser Ansatz weder der Forschung, noch der öffentlichen Kommunikation weiterhilft. Er plädiert dafür, die Wertung, also ob ein Verschwörungsargument tatsächlich wahr oder falsch ist, aus der Definition herauszustreichen. "Für mich ist eine Verschwörungstheorie die Annahme, dass ein Ereignis von einigermaßen großer Reichweite ursächlich auf den geheimen Plan von einigen wenigen Personen zurückgeht, die sich auf Kosten der Öffentlichkeit bereichern wollen." 

Mehr dazu: Forscher über Verschwörungstheorien: "Nicht nur die Domäne von paranoiden Spinnern"

Manchmal ist die Verschwörungstheorie die plausibelste Erklärung für den Verlauf eines Ereignisses. So wie die historisch gut belegte Fälschung der "Protokolle der Weisen von Zion" aus dem frühen 20. Jahrhundert. Verfasst wurde sie im Russischen Kaiserreich, vermutlich durch den zaristischen Geheimdienst. Diese antisemitische Verschwörung galt später Adolf Hitler als eine Rechtfertigung für den Holocaust. 

USA Antiklima Demo in Salem, Oregon (Imago Images/ZUMA Press/R. Loznak)

Die Botschaft ist: Ich kenne die Wahrheit! Ein gutes Gefühl

Check your facts!

Um den Wahrheitsgehalt einer Verschwörungstheorie erkennen zu können, müssen wir wissenschaftliche Maßstäbe ansetzen. "In der Wissenschaft gibt es selten absolute Wahrheiten, sondern nur Plausibilitäten und empirische Bestätigungen unterschiedlichen Grades", sagt Imhoff. Und die meisten Verschwörungstheorien seien extrem unplausibel.

Die erste Maßnahme ist, die Quelle zu überprüfen. Wer sagt was, wann und wo? Sind es der Spiegel, der NDR und die Deutsche Welle? Oder ist es jemand auf Youtube, vielleicht sogar mit Doktortitel, aber ohne nennenswerte wissenschaftliche Publikation?

"Wenn jedes Youtube-Video genauso vertrauenswürdig ist wie eine Tageszeitung mit festangestellten Redakteuren, dann verabschieden wir uns davon, als Gesellschaft eine kommunikative Übereinkunft über Realität zu erzeugen", sagt Imhoff. 

Zufälle gibt es nicht

Um ein Verschwörungsnarrativ erkennen zu können, ist es außerdem hilfreich seine Funktion zu verstehen: "Die Funktion einer Verschwörungstheorie ist es, sich über den Zufall zu erheben", sagt Imhoff. Das gefällt uns, denn "Menschen sind insgesamt sehr zufallsaversiv". Der Zufall beraube uns jeder Vorhersagbarkeit und Kontrolle.

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"In einer Verschwörungstheorie gibt es keine Zufälle, stattdessen hängt alles mit allem zusammen", so Imhoff. Verschwörungstheoretiker kämen in ihrer Argumentation oft von Hölzchen aufs Stöckchen.

"Jens Spahn war im Leadership-Program, das von einer Bank finanziert wird, in der der Großvetter eines Onkels von einer Frau arbeitet, die mal bei Bill Gates angestellt war", nennt Imhoff als Beispiel.

Logik? Muss nicht sein

So entsteht zwar noch lange keine Kausalität, aber das macht nichts. Mit logischen Widersprüchen haben Anhänger von Verschwörungstheorien oft gar kein Problem, weiß Imhoff aus Untersuchungen.

"Dieselben Menschen, die glauben, dass Lady Di vom britischen Geheimdienst umgebracht wurde, glauben auch, dass Lady Di auf einer einsamen Insel lebt, weil sie dem Trubel entkommen wollte", sagt der Psychologe. Das Narrativ selbst sei nicht so wichtig (und was mit Lady Di passiert ist auch nicht), wichtig sei der Glaube, dass die Mächtigen uns belügen.

Cui bono? - Wer profitiert?

Imhoff nennt es einen simplen rhetorischen Trick einer Verschwörungstheorie - und der geht so: Wenn ich darauf hinweise, wer von einem Umstand profitiert, liefere ich damit gleichzeitig den Beweis, dass der Profiteur auch kausal für den Umstand verantwortlich ist. "Das ist erkenntnistheoretisch natürlich kein gutes Argument. Nur weil ich als Bauer vom Regen profitiere, habe ich den Regen nicht gemacht."

Verschwörungstheorien liefern grundsätzlich immer mehr als die offizielle Erklärung. Mehr Erklärung, mehr Hinweise auf Zufälle, die - weil so zahlreich - keine Zufälle mehr sein können, mehr Wahrheit.

Was bringt mir die Verschwörung?

Mit kritischem Hinterfragen und investigativer Recherche hat das Anhängen von Verschwörungsnarrativen indes wenig zu tun - auch wenn die Anhänger das gerne vorbringen. "Das wirklich kritische investigative Suchen und Überprüfen von Quellen würde ja verlangen, dass man das symmetrisch macht", sagt Imhoff. Dann würden nicht nur die Mainstream-Medien kritisch unter die Lupe genommen, sondern auch der Hintergrund des Professors XY samt Youtube-Kanal einer Prüfung unterzogen.

Es lohnt sich zu schauen, ob Produzenten von Verschwörungsnarrativen, die sich gerne als mutige Underdogs inszenieren, die aufstehen und (endlich!) die Wahrheit sagen, eine politische oder wirtschaftliche Agenda haben.

Video ansehen 05:19

Fake-News schüren Angst vor Coronavirus

Der US-Amerikaner Alex Jones beispielsweise verbreitet mit seinem Unternehmen Infowars nicht nur Verschwörungstheorien, sondern verkauft im angegliederten Store neben Nahrungsergänzungsmitteln auch Sicherheitstechnik und Survival-Ausrüstung - und macht damit den propagierten Weltuntergang zum einträglichen Geschäft. 

Mehr dazu: Stammt SARS-CoV-2 aus einem Forschungslabor?

Das Verbreiten oder Anhängen von Verschwörungstheorien habe außerdem eine Aufwertung des Selbstbewusstseins zur Folge. "Das Gefühl, über exklusives Wissen zu verfügen und sich über die naive Masse erheben zu können, ist ein weiterer Grund für die Beliebtheit von Verschwörungstheorien", sagt Imhoff.

Gehe ich einer Verschwörungstheorie auf den Leim?

Untersuchungen zeigen, dass Menschen vor allem dann Verschwörungstheorien zuneigen, wenn sie das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. In einer immer komplexer werdenden Welt scheint sich das Gefühl des Kontrollverlusts von materiellem Besitz zu entkoppeln und sich auch gut gebildeter, wohlhabender Menschen zu bemächtigen. Der Wunsch nach Sicherheit eint uns alle.

Damit einher geht die Unfähigkeit, sich selbst in Frage zu stellen, schließlich würde das den Verlust der Sicherheit bedeuten. "Menschen sind so konzipiert, dass sie immer nach Bestätigung suchen", sagt Imhoff. Hier könnten die Menschen etwas von der Wissenschaft lernen: Sich selbst immer zuerst zu hinterfragen. 

Weg von der Verschwörung, zurück zu dir

Was aber, wenn der Protest gegen Impfdiktatur, Abschaffung der Grundrechte und lügende Mainstream-Medien von der Facebook-Timeline in die eigene Küche gespült wird und plötzlich am Esstisch sitzt? Was für ein Dialog kann es noch geben, wenn Logik nicht mehr zählt, Kausalität nicht von Korrelation unterschieden wird und die Presse, klar, nur noch Lügen erzählt?

Roland Imhoff erinnert an dieser Stelle an die Funktion der Verschwörungstheorie: Sie befriedigt das Bedürfnis nach Kontrolle über das eigene Leben, nach Sicherheit und Vorhersagbarkeit. "Im Dialog mit engen Freunden oder Familienmitgliedern ist es wichtig, diese Bedürfnisse, die dem Wunsch nach Erklärungen zugrunde liegen, ernst zu nehmen", meint er. Ohne die daraus folgende Begeisterung für Verschwörungsnarrative ernst zu nehmen. 

Absolute Sicherheit und Kontrolle gibt es sowieso nur in unseren Träumen von einer illusorischen Welt aus Zuckerwatte und Gänseblümchen - da ändert auch die beste Verschwörungstheorie nichts dran.

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