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Politik

Corona: Warten auf den Impftermin

8. Januar 2021

Seit dem 27. Dezember wird in Deutschland geimpft. Doch das Serum ist knapp und die Alten, die zuerst geimpft werden sollen, scheitern an Online-Terminbuchungen und überlasteten Telefon-Hotlines. Der Ärger ist groß.

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Coronavirus - Impfzentrum in Potsdam
Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/POOL

Wer sich in Deutschland vor einer Erkrankung an Covid-19 schützen und daher impfen lassen will, braucht derzeit vor allem eins: viel Geduld. Bestimmt einhundertmal habe sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 angerufen, schreibt eine Nutzerin auf Facebook. Nach vielen Stunden sei sie endlich durchgekommen. "Habe für meine Mutter einen Impftermin am kommenden Freitag bekommen", jubelt sie und schmückt ihren Post mit einem roten Ausrufezeichen und einem hochgereckten Daumen.

Selbstverständlich ist so ein Erfolg nicht, davon zeugen viele, zum Teil wütende, Einträge in den sozialen Medien. Immer wieder beschweren sich Menschen darüber, dass sie tagelang erfolglos versucht hätten, die telefonische Hotline zu erreichen. Andere schreiben, dass sie zwar einen Zuständigen erreicht hätten, aber alle Termine ausgebucht gewesen seien.

Die Kapazitäten reichen noch nicht aus

Seit dem 21. Dezember sind bundesweit Callcenter mit rund 1100 Beschäftigten in Betrieb, die anfangs wöchentlich bis zu 200.000 Anfragen bearbeiten konnten. Weil das nicht reicht, soll die Maximalkapazität nun schrittweise auf wöchentlich 500.000 Anrufe hochgefahren werden.

Online-Buchungen scheinen besser zu funktionieren. Allerdings müssen dort die Anmeldeformulare, in denen neben persönlichen Daten auch Vorerkrankungen angegeben und andere medizinische Fragen beantwortet werden müssen, ohne die Unterstützung eines Gesprächspartners ausgefüllt werden.

Er könne trotzdem nur dazu ermuntern, die Internet-Variante zu nutzen, schreibt ein weiterer User auf Facebook, schränkt aber ein, dass natürlich "Kinder/Enkelkinder den Eltern oder den nicht so PC-Affinen beim Antrag helfen" müssten.

Über 80 und fit im Umgang mit dem Internet?

Abgesehen vom medizinischen Personal und Menschen, die in Pflegeheimen versorgt werden, sind es die über 80-Jährigen, die zuerst geimpft werden sollen. Eine Altersgruppe, die laut statistischem Bundesamt in Deutschland rund 5,4 Millionen Menschen umfasst, die in weiten Teilen weder einen Computer haben, noch Erfahrung im Umgang mit Online-Buchungen.

Deutschland Senioren mit Computer und Laptop
Senioren am Computer, das ist in Deutschland kein häufiges BildBild: Fotolia/photopitu

So sind es in der Regel die Angehörigen, die sich nun darum kümmern, einen Termin für die Menschen zu finden, die in ihrer Familie das potenziell höchste Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Entsprechend dringend werden Impftermine gewünscht.

Jedes Bundesland macht es anders

Ob und wie schnell man einen bekommt, hängt derzeit vor allem vom Wohnort ab. Infektionsschutz ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Auch die Impfkampagne führen sie in Eigenregie durch. Dabei verfahren sie weder zeitlich noch organisatorisch einheitlich. Eine Liste, die auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts einsehbar ist und täglich aktualisiert wird, zeigt, dass in Mecklenburg-Vorpommern bereits viermal so viele Menschen geimpft wurden wie in Thüringen oder auch in Baden-Württemberg.

Das ist eigentlich verwunderlich, denn in dem großen, südwestlich gelegenen Bundesland werden bereits seit Ende Dezember Termine in Impfzentren vergeben. Um die bemühten sich in den ersten Tagen auch Bürger aus dem angrenzenden Rheinland-Pfalz, weil der Impfstart dort erst im Januar sein sollte. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart sah man den "Impftourismus" gar nicht gerne, weil die Impfstoff-Kontingente an die Bundesländer nach Einwohnerzahlen verteilt werden.

Gesundheitsminister Manne Lucha schrieb an seine Kollegin im rheinland-pfälzischen Mainz, Sabine Bätzing-Lichtenthäler: "Wenn nun mehr Termine an Personen aus anderen Bundesländern vergeben werden, deren Landesregierungen andere Strategien vorsehen, führt dies zu einer Ungleichverteilung des so knappen Gutes Impfstoff."

In NRW werden Briefe verschickt

Inzwischen sind in Rheinland-Pfalz schon mehr Menschen geimpft als in Baden-Württemberg. Nördlich von Rheinland-Pfalz, im einwohnerstärksten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, werden bis Ende Januar erst einmal ausschließlich Ärzte und Pflegepersonal sowie Heimbewohner versorgt. Über 80-Jährige, die noch zuhause wohnen, sind erst im Februar dran und dann auch nur, wenn sie zuvor einen Brief per Post erhalten haben, in dem "der Ablauf von der Terminvereinbarung bis zur zweiten Impfung erläutert" wird, wie es auf der Webseite des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums heißt.

Gleichzeitig wird auf eine weitere Differenzierung hingewiesen. Wer nicht in der Lage sei, ein Impfzentrum persönlich aufzusuchen, müsse "leider Geduld haben". Der derzeit zur Verfügung stehende Impfstoff sei "ausgesprochen empfindlich" und könne "nicht von Haus zu Haus transportiert werden". Aber, so informiert die Webseite, weitere Impfstoffe seien in der Zulassung, "die in den eigenen vier Wänden eingesetzt werden" könnten. 

Selbst Hausärzte sind nicht umfassend informiert

Nicht nur in Nordrhein-Westfalen gibt es viele Menschen, die nicht mehr mobil sind oder sogar bettlägerig und oft von ihren Angehörigen gepflegt werden. Die fragen in den sozialen Medien häufig nach, wie sie eine Impfung organisieren können. "Im Anmeldeformular habe ich dazu keine Info gefunden", schreibt eine Userin im Internet.

Ihr Post zeigt, dass offenbar auch Hausärzte nicht immer wissen, wie die staatlichen Planungen aussehen. "Der Hausarzt war heute zum Hausbesuch bei meinem Opa und hat zur Online-Anmeldung geraten", schreibt die Enkelin. "Er meinte so etwas wie mobiles Impfen würde vom Impfzentrum koordiniert für Menschen die bettlägerig sind." Das aber gilt derzeit eben nur für Alters- und Pflegeheime, wo viele Menschen an einem Ort zeitgleich mit dem empfindlichen Impfstoff von Biontech/Pfizer versorgt werden können.

Warten auf Moderna und Astrazeneca

Viele Bundesländer planen, Impfungen zu Hause von den Hausärzten durchführen zu lassen, sobald zunächst der Impfstoff von Moderna verfügbar ist, der bereits gebrauchsfertig geliefert wird, einfacher in der Handhabung ist und im normalen Kühlschrank gelagert werden kann. Gleiches gilt für das Präparat der Universität Oxford und des Pharmakonzerns Astrazeneca.

Vor allem in ländlichen Gebieten könnte die Impfung durch den Hausarzt für viele ältere Menschen die bessere Variante sein. Denn die temporär eingerichteten Impfzentren liegen in der Regel in größeren Städten und um die zu erreichen, müssen häufig mehr als 40 Kilometer gefahren werden. Gerade alte Menschen fahren aber oft nicht mehr selbst Auto. Mit dem Taxi wird die Fahrt sehr teuer, deshalb werden in manchen Regionen jetzt Sammel-Taxis und Shuttle-Busse eingerichtet. Doch die Fahrt mit anderen ist wegen der Infektionsgefahr auch nicht ohne Tücken.