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Brasiliens Präsident Lula da Silva eröffnet Hannover Messe

19. April 2026

Brasilien ist Partnerland auf der weltweit größten Industrieschau, mit dem selbstbewussten Motto "The Industry of today“. Doch nicht nur wirtschaftlich, auch geopolitisch wird das Land für Deutschland immer wichtiger.

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Der brasilianische Präsident Lula da Silva und Bundeskanzler Friedrich Merz begrüßen sich lachend, Lula fasst mit der Hand an die Hüfte von Merz
Wieder beste Freunde? Der brasilianische Präsident Lula da Silva und Bundeskanzler Friedrich MerzBild: Michael Kappeler/dts Nachrichtenagentur/IMAGO

Ob Brasiliens Präsident Lula da Silva und Bundeskanzler Friedrich Merz nach der gemeinsamen Eröffnung der Hannover Messe an diesem Sonntag wohl zusammen tanzen gehen? Eher unwahrscheinlich, zum einen ist die niedersächsische Metropole nicht gerade für ihr ausschweifendes Nachtleben bekannt.

Vor allem aber galt die Zusage des Kanzlers, "Super, nächstes Mal gehen wir zusammen tanzen", nach einem Angebot Lulas wohl eher einem nächtlichen Ausflug in Belém. Die brasilianische Stadt also, über die sich Merz nach der Weltklimakonferenz November 2025 despektierlich geäußert hatte - was für einige Irritationen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Brasilien gesorgt hatte. 

Ein knappes halbes Jahr später scheint dieser Disput vor den deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen vergessen. Zu wichtig sind beiden Ländern die gemeinsamen wirtschaftlichen Beziehungen: Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika, mehr als 1.500 deutsche Unternehmen wie BASF, Bosch, Siemens und Volkswagen haben ihre Dependancen vor Ort.

Gleichzeitig ist Deutschland Brasiliens wichtigster Handelspartner in der Europäischen Union. Damit das so bleibt, hat der brasilianische Präsident in Hannover Hunderte Delegierte und mehr als 160 Aussteller im Schlepptau.

Brasiliens Industriepolitik: Vorreiter beim Ausbau erneuerbarer Energien

Lulas Botschaft ist klar, sagt Anton Hofreiter, Bundestagsabgeordneter der Grünen und Mitglied der deutsch-brasilianischen Parlamentariergruppe, der DW: "Europa und insbesondere auch Deutschland sollten sich noch stärker mit Brasilien beschäftigen, weil Brasilien ein potenziell enger Verbündeter der europäischen Demokratien ist. Sao Paulo ist eine der größten Industriestädte mit deutschen Investitionen. Ich hoffe, dass der Fokus weg geht von dem Streit um die Landwirtschaft und hin zu dem Bereich, wo die deutlich höhere Wertschöpfung für beide Länder liegt, nämlich im Industriebereich."

An dem 216-Millionen-Einwohner-Land sollte dies nicht scheitern: Seit zwei Jahren setzt Brasilien mit der ambitionierten Initiative "Nova Indústria Brasil" und Milliardeninvestitionen auf eine langfristige Industriepolitik zur Reindustrialisierung. Brasilien gehört dabei zu den globalen Vorreiterländern beim Ausbau von erneuerbaren Energien und will mit den Themen Nachhaltigkeit, Dekarbonisierung und Energiewende auch in Hannover punkten - fast 90 Prozent des Stroms stammten 2024 aus erneuerbaren Quellen.

Führt der Globale Süden den grünen Wandel an?

Einen Seitenhieb auf Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und auch auf den Bundeskanzler von der CDU kann sich Anton Hofreiter deshalb nicht verkneifen. Die Äußerungen von Merz über Belém hätten international viel Reputationsschaden verursacht. Mit seiner Kritik an Reiche ist der Grünen-Politiker indes nicht allein: Sie zielt auf ihr Festhalten an fossilen Energien wie Kohle, Öl und Gas ab, während Brasilien gerade sehr erfolgreich auf Wind und Sonne setzt.

"Wir haben aktuell keine Energiekrise, sondern eine Krise der fossilen Energien, an denen weiter festgehalten wird", sagt Hofreiter zu den Konsequenzen des Iran-Krieges. "Aber ich hoffe, dass Brasilien etwas mithilft, die hoch ideologisierte Energiepolitik von Wirtschaftsministerin Reiche zu kontern."

Mann mit Bart und langen Haaren (Anton Hofreiter, Bundestagsabgeordneter der Grünen und EU-Ausschussvorsitzender)
"Deutschland muss viel mehr mit Stimmen des Globalen Südens wie Brasilien zusammenarbeiten" - Anton HofreiterBild: privat

Brasilien sei ein strategisch wichtiger Partner und schon heute ein wichtiger Handelspartner mit einem Handelsvolumen von 21 Milliarden Euro im letzten Jahr, schreibt eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums auf Anfrage der DW.

"Deutschland will die wirtschaftliche Zusammenarbeit ausbauen: Bei der Sicherung von Rohstoffen, dem Hochlauf der erneuerbaren Energien, der industriellen Dekarbonisierung und der Digitalisierung." Brasilien habe enorm viel zu bieten. "Wir sehen nicht nur ein Land mit wichtigen Rohstoffen und einem attraktiven, wachsenden Markt. Sondern vor allem auch einen Ort für innovative industrielle Lösungen."

Deutschland und Brasilien setzen verstärkt auf Mercosur-Freihandelsabkommen

Neuen Auftrieb bekommen die bilateralen Beziehungen auf jeden Fall durch das Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay, welches ab dem 1.Mai 2026 vorläufig angewendet wird. Das brasilianische Parlament hatte dem Vertrag Anfang März zugestimmt. Rund 90 Prozent der Zölle für Industrie- und Agrarprodukte fallen dann weg.

"Brasilien würde sehr gerne seine Zusammenarbeit mit Europa in punkto Seltene Erden verstärken, weil es so viele Alternativen wie möglich haben möchte und nicht nur von China und den USA abhängen will", sagt der deutsch-brasilianische Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel der DW.

"Europa und auch Deutschland müssen da in die Offensive gehen und dürfen sich nicht auf den Lorbeeren der letzten Jahrzehnte ausruhen. China hat in Lateinamerika unheimliche Fortschritte gemacht, Europa dagegen im Vergleich an Einfluss verloren."

Mann im Anzug mit Mikrofon in linker Hand, die rechte Hand ist in Kopfhöhe erhoben (Oliver Stuenkel, Professor für Internationale Beziehungen an der Fundação Getulio Vargas (FGV) in São Paulo und Non-Resident Fellow des Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin)
"Eine Partnerschaft mit Europa ist aus brasilianischer Sicht wertvoller als noch vor 20 Jahren" - Politikwissenschaftler Oliver StuenkelBild: privat

Geopolitisch führt kein Weg mehr an Brasilien vorbei

Präsident Lula da Silva verstehe es dabei wie kein Zweiter, zwischen den verschiedenen neuen geopolitischen Machtblöcken zu jonglieren. Er habe sich längst als eine der führenden Stimmen des globalen Südens etabliert, sagt Stuenkel.

Vor einem Monat lobte Lula China als "besten Partner" seines Landes wegen der Investitionen chinesischer Automobilhersteller in Brasilien. Gegen Donald Trumps USA setzte er auf Härte statt Nachgiebigkeit und wehrte dadurch Strafzölle ab. Und 2025 besuchte er Wladimir Putin in Russland mit dem klaren Signal: Wirtschaftliche Interessen sind wichtiger als ideologische Allianzen.

Zölle als Waffe: Wer hat die besseren Karten?

"Die Story von Lula und seiner Regierung lautet: 'Wir wollen so pragmatisch sein wie es geht‘", analysiert der Professor für Internationale Beziehungen an der Getulio Vargas Stiftung in São Paulo. Brasilien habe kein Interesse, sich auf die Seite einer Großmacht zu schlagen, sagt Stuenkel.

"Man möchte als ein sicherer Hafen in einer geopolitisch unsicheren Welt mit vielen Akteuren zusammenarbeiten, um die Welt und die internationale Politik stabiler zu machen. Unabhängig von der politischen Positionierung der jeweiligen Regierungschefs, die ja im Falle von Lula und Merz auch unterschiedlich ist."