Fulminanter Film: ″Berlin Alexanderplatz″ | Filme | DW | 16.07.2020
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Literaturverfilmung

Fulminanter Film: "Berlin Alexanderplatz"

In Burhan Qurbanis Neuverfilmung von Alfred Döblins Roman ist ein Flüchtling der Protagonist. Der Film sorgte bereits bei der Berlinale für Aufsehen.

Franz Biberkopf kam aus dem Gefängnis. Francis überlebte den Untergang eines Flüchtlingsbootes im Mittelmeer nur knapp. Beide wollen in der deutschen Hauptstadt Berlin ein neues Leben anfangen. Beide sehnen sich nach Arbeit, Normalität, Liebe. Franz Biberkopf ist der literarische Held in Alfred Döblins berühmten Roman aus dem Jahre 1929, Francis Hauptfigur in der aktuellen Verfilmung von Regisseur Burhan Qurbani.

Den Sprung aus der Literatur ins Kino haben schon viele literarische Figuren geschafft. Auch, dass ein rund 90 Jahre alter Roman noch einmal verfilmt wird, ist so ungewöhnlich nicht. Verblüffend hingegen ist, wie Qurbani und sein Filmteam es geschafft haben, dem Roman aus den letzten Jahren der Weimarer Republik einen zeitgemäßen Auftritt zu verschaffen.

Neuverfilmung macht Flüchtling zum Protagonisten

Der Film, der bei der Berlinale Premiere feierte und jetzt Corona-bedingt verspätet in die Kinos kommt, nähert sich mit drei Stunden Spieldauer und der Unterteilung in verschiedene Kapitel auch in der Struktur dem mehrere hundert Seiten starken, neunteiligen Roman Döblins an. Eine erste Verfilmung im Jahre 1931 musste sich mit knapp 90 Minuten Spieldauer auf das Wesentliche beschränken. Rainer Werner Fassbinders mehrteilige Fernsehfassung von 1980 entsprach dann schon eher der literarischen Vorlage mit all ihren Motiven, Themen und Handlungssträngen - blickte aber ebenfalls zurück in die Zeit der Weimarer Republik. 

Filmstill des Kino-Neustarts Berlin Alexanderplatz von Burhan Qurbani zeigt einen Mann und eine Frau in nächtlicher Club-Szene, Frau packt dabei das Gesicht des Mannes mit beiden Händen (Foto: picture-alliance/dpa/Entertainment One).

Szenen einer Großstadt: Neuankömmling Francis (Welket Bungué) wird mit fremder Welt konfrontiert

Entscheidend dafür, dass die Filmversion von Burhan Qurbani nun auf großes Interesse stoßen dürfte, ist vor allem der zeitliche Transfer ins Hier und Jetzt. "Berlin Alexanderplatz" ist (auch) zu einer Flüchtlingsgeschichte geworden - und greift damit eines der schwelenden Probleme der globalisierten Welt im neuen Jahrtausend auf. Hauptprotagonist Francis flüchtet aus Westafrika nach Europa, landet dann nach Berlin.

Alfred Döblins Dreiecksgeschichte neu interpretiert

Hier versucht er sich zunächst ohne Anerkennung auf Asyl, aber mit legaler Arbeit durchzuschlagen, was auf Dauer misslingt. Durch den Kontakt mit dem Kriminellen Reinhold kommt er auf die schiefe Bahn. Später lernt er die Prostituierte Mieze kennen, in die er sich verliebt und mit der er eine Beziehung beginnt. In diesem Grundgerüst folgt Qurbanis Film dem Roman Alfred Döblins. Was sich unterscheidet, sind Zeit, Milieu und Charaktere.

Burhan Qurbani, Regisseur von Berlin Alexanderplatz sitzt vor einem Mikrofon bei der Berlinale-Pressekonferenz (Imago Images/snapshot/M. Krause).

Regisseur Burhan Qurbani bei der Pressekonferenz der Berlinale im Februar 2020

Im Zentrum, so Regisseur Qurbani in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur, stehe aber auch bei ihm der Blick auf das Individuum: "Ich finde, dass das Buch uns etwas über den Menschen erzählen will. Das Buch interessiert sich für den Menschen und wie er sich in diesem Moloch Großstadt bewegt." Das bleib aktuell: "Unser Film beschränkt sich vor allem auf den eigentlichen Plot: die Dreiecksgeschichte, diese Ménage-à-trois zwischen Franz, Mieze und Reinhold. Wie sie sich begegnen, aneinander zerren. Und wie Franz Biberkopf zu sich selbst finden muss."

Burhan Qurbani: "Berlin war für mich eine gefährliche Stadt"

Der Schauplatz der Handlung habe sich, so der Regisseur, im Übrigen nicht wesentlich verändert: "Berlin hat nichts von der Qualität, die es in den 1920er- oder 1930er-Jahren hatte, verloren. Das haben wir versucht, so stark wie möglich in unseren Film zu übersetzen."

Wenn man das Buch aufmerksam gelesen habe, dann werde man in seiner Filmversion viel wiedererkennen, sagt Qurbani. Auch Ästhetik und Form seien durchaus Vorbilder gewesen, urteilt der Regisseur: "Was mich total fasziniert hat, ist die Form des Romans. Die Montagetechnik, diese wilde Sprache, die Döblin hat, die religiösen und moralischen Bilder, die er aufbaut."

Afroamerikanischer Darsteller Welket Bungué hebt bei der Premiere Jacke vor Berlinale-Wand, auf dem Innenfutter ist ein Hashtag zum Thema Migration zu sehen ist (Foto: picture-alliance/dpa/B. Pedersen).

Premiere auf der Berlinale: Hauptdarsteller Welket Bungué wies auf die Aktualität der Neuverfilmung "Berlin Alexanderplatz" hin

Burhan Qurbani wurde in Westdeutschland geboren, in Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. Als Teenager kam er nach Berlin. Seine Eltern waren Ende der 1970er-Jahre aus Afghanistan emigriert. Auch wenn der Lebensweg Qurbanis nicht mit dem seiner Hauptfigur Francis zu vergleichen ist, sind eigene Erfahrungen in Drehbuch und Film eingeflossen: "Das Berlin, in das ich gekommen bin, war eine unglaublich gefährliche Stadt, weil es so viele Möglichkeiten gibt, sich abzulenken und sich zu verlieren und sich zu unterhalten", erzählt der Regisseur im Interview.

"Berlin Alexanderplatz" überzeugt auch ästhetisch

Mit einer völlig anderen Welt wird auch Francis konfrontiert. Neben all der Entbehrung, mit der Flüchtlinge konfrontiert werden, ist auch der Kultur-Sprung eine Herausforderung. Es ist das Verdienst des Regisseurs Burhan Qurbani, dass er einen der berühmtesten Romane der deutschen Literaturgeschichte nicht "nur" zu einem ergreifenden Flüchtlingsschicksal umgearbeitet hat. "Berlin Alexanderplatz" ist auch die visuell überzeugende Version eines Grundkonflikts unserer globalisierten Zeit: des Aufeinanderprallens verschiedener Kulturen.

Im Berliner Kino "International" werden Premiere und die folgenden Vorstellungen von einer Foto-Ausstellung des Regisseurs begleitet.

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