″Avengers″: Durch die Pubertät mit Superhelden | Filme | DW | 25.04.2019
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Blockbuster

"Avengers": Durch die Pubertät mit Superhelden

Das "Endspiel" der bunt gewürfelten Superhelden verspricht, weitere Kinorekorde zu brechen - auch dank junger Zuschauer. Warum Comic-Verfilmungen bei Jugendlichen so beliebt sind, erklärt Medienprofessor Werner Barg.

Deutsche Welle: In Zeiten von Netflix und Co. wird häufig vom Ende des Kinos gesprochen. Doch dann brechen Blockbuster wie jetzt "Avengers: Endgame" wieder alle Rekorde an den Kinokassen - vor allem bei den jugendlichen Zuschauern. Wie erklären Sie sich das?

Werner Barg: Meine Filmanalysen haben ergeben, dass Blockbuster in einer spielerischen Weise die Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen behandeln. Aus entwicklungspsychologischer Sicht hat man in der Pubertät und Adoleszenz sehr viel zu bewältigen: Loslösen von den Eltern, Veränderungen des Körpers, Findung der Sexualität und vieles mehr. Die Bewältigung dieser Aufgaben finden sich in den Blockbusterfilmen in fiktionaler Form wieder.

In Ihrem Buch "Blockbuster Culture - Warum Jugendliche das Mainstream-Kino fasziniert" haben Sie sich unter anderem "Spider-Man" genauer angesehen...

Ja. Hier gibt es zum Beispiel eine Szene, in der Spider-Man, gespielt von Tobey Maguire, vorm Spiegel steht und sieht, wie seine Muskeln wachsen. Das hat mit seinen Superkräften zu tun, bekommt aber zeitgleich noch eine erotische Komponente, da es dabei einen zufälligen Blickkontakt mit der Nachbarin gibt, gespielt von Kirsten Dunst, in die er verliebt ist.

Portraitfoto Werner Barg mit schwarzem, Brillengestell vor Palme (Foto: mdr)

Medienprofessor Werner Barg

Jugendliche können sich also gut in Helden wiederfinden, die, wie auch die "Avengers", eine Transformation durchmachen?

Ja, bei Spider-Man ist es beispielsweise so, dass die Hauptfigur zunächst ein gedisster Jugendlicher ist, der erst dank seiner Verwandlung eine Ich-Stärke entwickelt. Das heißt, diese Filme vermitteln den jugendlichen Zuschauern einen Mechanismus, den viele auch als sehr amerikanisch beschreiben: Steh zu dir! Sei, wie du bist, dann wirst du als Ich-Figur stärker werden! Bei Superhelden wie Spider-Man und anderen gibt es ein Wechselspiel zwischen Anerkennung, Entwicklung der eigenen Identität und Ich-Stärke. Dieser Aspekt spielt auch in der Entwicklungspsychologie von Jugendlichen eine Rolle.

Ist den Jugendlichen bewusst, dass sie auf der Leinwand ihre eigene Entwicklung mitverfolgen?

Nein, das ist eher ein unterschwelliger Prozess. Unabhängig vom Alter gibt es Studien darüber, dass Menschen einen Kinobesuch mit einem Traum vergleichen. Man geht in einen dunklen Raum, dann eröffnet sich einem eine völlig fremde Welt, die man am Ende wieder verlässt. Da wird Vieles unterbewusst angesprochen.

Nahaufnahme von Tobey Maguire als Spider-Man, der ein Netz auswirft (Foto: picture-alliance/Everett Collection/Columbia Pictures).

Spider-Man: Vom gedissten Jugendlichen zum Helden

Natürlich nehmen die Jugendlichen das Heldengefühl wahr. Und dieses Heldengefühl hat auch mit formalen Dingen zu tun, wie zum Beispiel der Tatsache, dass der Zuschauer - unabhängig vom Alter - quasi in einer Gottesposition im Kinosessel sitzt, mit der er Überblick über eine Welt hat, während die Figur auf der Leinwand immer nur im Hier und Jetzt handeln kann, wie der Mensch in der Realität eben auch. Vielleicht ist das auch ein Befreiungsgefühl für Jugendliche, die oft in sehr engen Zwängen stecken und sich in der Welt zurecht finden müssen und Orientierung suchen.

In Ihren Untersuchungen haben Sie auch herausgearbeitet, dass Teil des Blockbusters auch die Heldenreise ist, die von den jungen Zuschauern gebannt mitverfolgt wird. Dabei liegen die meisten Jugendlichen gerne mit Smartphone auf der Couch...

Der Punkt ist, die Heldenreise ist eine Fiktion und das Leben auf der Couch vor der Serie oder dem Handy die Realität. Man kann keine Eins-zu-Eins-Schlussfolgerung daraus ziehen. Nur weil Jugendliche auf der Leinwand Heldenreisen verfolgen und das für zwei Stunden auch spannend finden, verändert sich jetzt nicht ihr Leben. Es ist aber schon so, dass sie einfach auch bestimmte Handlungsanweisungen, Rollen-, Frauen- und Männerbilder, unterschwellig vermittelt bekommen.

Wichtig ist hierbei, dass dies nicht zu sichtbar sein sollte. Jugendliche sind nicht blöd - wenn man ihnen mit dem moralischen Zeigefinger kommt, dann steigen sie eigentlich sofort aus der Geschichte aus.

Blonder Jugendlicher liegt auf grauer Couch mit einem Smartphone in der Hand (Foto: picture alliance/dpa/T. Hase).

Realitätscheck: Statt Heldenreise ruft viele Jugendliche die Couch - und das Smartphone

Der Anteil der Jugendlichen ist mit rund 40 Prozent immer noch der größte unter den Kinobesuchern. Und das obwohl sie als Digital Natives bereits täglich andere Erzählformen konsumieren. Worin liegt der ungebrochene Reiz des Kinos?

Aus einer Studie der Filmförderungsanstalt FFA geht hervor, dass diejenigen, die oft Serien gucken, auch viel ins Kino gehen und umgekehrt. Man kann eigentlich generell für die Mediengeschichte feststellen, dass sich die Medien nicht ablösen, sondern dass sich mehrere Medien nebeneinander etablieren. Das war auch bereits beim Fernsehen so, als damals schon behauptet wurde, das Kino sei tot. Das Kino hat dann immer wieder Wege gefunden, weiter zu existieren. Hier geht es nicht nur um einen Film, sondern auch um ein soziales Event. Es gibt eine Reihe von Studien, die zeigen, dass gerade das Streaming und die ständige Verfügbarkeit von Inhalten dazu geführt hat, dass bestimmte Kultur-Events wie große Konzerte wieder zugenommen haben.

Was würden Sie sich für kommende Blockbuster wünschen?

Ich würde mir mehr Realität und Realismus in den Filmen wünschen. Derzeit kommt mir die Situation ein bisschen so vor wie am Ende der 1950er Jahre, wo es auch ein relativ festgefügtes Hollywood-Kino und Erzählstrukturen gab. Ich glaube schon, dass es eine Zeit lang noch mit den Heldengeschichten so weitergeht wie bisher, aber irgendwann wird sicherlich ein Ermüdungseffekt eintreten.

Das Gespräch führte Nadine Wojcik. Das Buch von Werner Barg: Blockbuster Culture ist beim Verlag Bertz + Fischer erschienen.

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