Autoren aus Israel und Gaza: Schreiben mit dem Trauma
17. Oktober 2025
Atef Abu Saif kann seine Empörung kaum verbergen. Die israelische Armee, sagt der palästinensische Schriftsteller im Gespräch mit der DW, habe nicht nur Häuser, sondern eine ganze Kultur zerstört. Mit Schreiben will er retten, was noch zu retten ist. Aber was ist zu retten, wo nur noch Schutt und Asche geblieben sind? Da bleibe nur die Erinnerung, sagt Abu Saif, nur die Beschreibungen von ihm und anderen Autoren.
Atef Abu Saif ist einer der bekanntesten palästinensischen Schriftsteller, wohl auch, weil er von 2019 bis 2024 Kulturminister in der Palästinensischen Autonomiebehörde und Sprecher der Fatah-Partei in Ramallah war. Gebürtig kommt er aus Jabaliya im Norden des Gazastreifens, einem ehemaligen Flüchtlingslager. Für sein politisches Amt war er mit der Familie ins Westjordanland gezogen.
Am 7. Oktober 2023 aber, dem Tag, an dem Hamas-Kämpfer bei einem terroristischen Angriff in Israel eindrangen und Hunderte Zivilisten töteten oder als Geiseln nahmen, war Atef Abu Saif mit seinem Sohn gerade zu Besuch im Gazastreifen. Und anders als in früheren Kriegen fürchtete er, als die Angriffe der Israelis begannen, diesmal stark um das Leben seines jüngsten Sohnes und um sein eigenes.
Erst nach fast drei Monaten, in denen er Leid und Zerstörung erlebte, Familienmitglieder getötet wurden und er selbst verletzt worden war, durfte er mit seinem Sohn den Gazastreifen verlassen. Über diese Zeit hat er im letzten Jahr ein Buch veröffentlicht: "Schau nicht nach links: Tagebuch eines Völkermords", ein Dokument des Schreckens, und auch eins, mit dem er sich seiner selbst vergewissern will. Seit er den Gazastreifen verlassen hat, hält sich Abu Saif an wechselnden Orten auf. "Ich lebe nicht", sagt er, "ich existiere." Aber als Schriftsteller fühle er eine Verpflichtung, Zeugnis abzulegen. Die Geschichten all der Opfer zu erzählen, die sonst vergessen würden.
"Es ist noch nicht vorbei"
Die deutsche Journalistin und Autorin Sarah Levy lebt in der Nähe von Tel Aviv. Die Jüdin sieht sich in der Pflicht weiterzuschreiben, weiter zu demonstrieren gegen eine Regierung, der sie vorwirft, "das Land weniger demokratischer" machen zu wollen. In Frankfurt hat Levy ihr neues Buch "Kein anderes Land. Aufzeichnungen aus Israel" vorgestellt, in dem sie beschreibt, wie sich das Land seit dem 7. Oktober 2023 und mit der Regierung Netanjahu verändert hat.
Sarah Levy ist 2019 von Deutschland nach Israel ausgewandert, mit einem Israeli verheiratet und Mutter eines dreijährigen Sohnes, der mehr als die Hälfte seines Lebens im Krieg gelebt hat. Die nächtlichen Bombardements haben ihn regelmäßig aus dem Schlaf gerissen.
Aber Sarah Levy vergleicht die Situation ihrer Familie immer auch mit der der Menschen im Gazastreifen, sieht ihr Leid, das Sterben. Und stellt fest, dass sie damit ziemlich allein ist: "Ich hatte relativ viele liberale, jüdische Freunde, die sich radikalisiert und die Palästinenser entmenschlicht haben." Seit seiner Entstehung sieht sich Israel immer wieder bedroht - das habe dazu geführt, dass bei vielen die Haltung vorherrsche: "Ich will nichts vom Leid anderer hören." Jetzt ist Waffenstillstand, die noch lebenden Geiseln sind wieder in Israel. "Frieden ist auch der Wunsch, nicht weiter zu hassen", sagt Levy, "und ich fürchte, davon sind wir noch weit entfernt."
"Wo Bücher sind, ist es friedlich"
Das Jahr der Geburt von Mahmoud Muna ist das Jahr, in dem sein Vater in Ost-Jerusalem den "Educational Bookshop" eröffnet hat, zu dem mittlerweile zwei weitere Geschäfte gehören. Die werden heute von Mahmoud und seiner Familie geleitet. Die Buchhandlungen sind spezialisiert auf palästinensische Kultur und Geschichte, Jerusalem sowie den Nahostkonflikt.
Es sind Bücher, die manchmal auch unbequeme Wahrheiten aufzeigen; das ist gewollt. Denn Mahmoud Muna möchte unbedingt, dass die Menschen auch Narrative in Fragen stellen, dass sie sich über Geschichte informieren, dass sie sich aber auch inspirieren lassen, um eine neue, eine andere Zukunft zu denken. "Wo Bücher sind, ist es friedlich", habe sein Vater immer gesagt. Mahmoud Muna ergänzt: "Unsere Buchhandlungen sind Orte, wo sich Menschen noch treffen können.
Muna ist berühmt als der "Buchhändler von Jerusalem", und so hat es auch international für Aufsehen gesorgt, als im Februar 2025 israelische Polizisten zwei seiner Buchhandlungen durchsuchten und ihn und einen Neffen in Gewahrsam nahmen. Nach zwei Nächten kamen sie frei, der Vorwurf der Anstiftung zum Terrorismus wurde fallengelassen. Macht ihm das Sorge?
Muna möchte nicht weiter darüber reden, auf den Panels der Frankfurter Buchmesse erzählt er lieber von seiner Vision, den Menschen zu helfen, die Welt besser zu verstehen. Und er spricht auch vom "Daybreak in Gaza: Geschichten über Leben und Kultur Palästinas": Es ist ein Werk, in dem er gemeinsam mit anderen Herausgebern mehr als 100 Menschen aus dem Gazastreifen ihre Geschichten erzählen lässt - vom Leben vor und im Krieg. Erzählungen aus einem Alltag, in dem es auch mal einen Schimmer Hoffnung geben darf.
"Die letzten zwei Jahre waren furchtbar"
Sigalit Gelfand leitet in Tel Aviv das "Israeli Institut for Hebrew Literature", das seit 1962 mit Steuermitteln die Übersetzung israelischer Autorinnen und Autoren in andere Sprachen fördern will. Sie hat in einer der internationalen Ausstellungshallen der Buchmesse einen Stand und organisiert auch einige Veranstaltungen mit israelischen Autoren. Damit füllt das Institut in diesem Jahr auch eine Lücke, denn 2025 kam nicht ein einziger Verlag aus Israel nach Frankfurt. Es hatte wegen des Gaza-Kriegs international Boykottaufrufe an die Verlage der Welt gegeben, die Buchmesse wegen Deutschlands Israel-Politik zu boykottieren. Zuhause blieben aber nur die Israeli.
Die letzten zwei Jahre, sagt Gelfand, waren furchtbar. Der weltweit wachsende Antisemitismus, die Ausgrenzung bei Kulturveranstaltungen. Ein Kollege wurde von einem Festival ausgeladen, ausländische Verlage reagierten zurückhaltend bei den Verhandlungen. Aber letztlich habe es immer geholfen, direkt im Einzelgespräch, Kontakte aufzunehmen, das Gespräch zu suchen.
Vielleicht wird das Erscheinen des ein oder anderen Buches verschoben, aber insgesamt ist Sigalit Gelfand zuversichtlich. Im letzten Monat hat sie internationale Verlage zu Gesprächen nach Tel Aviv eingeladen. 25 sind gekommen, in der israelischen Presse wurde das erfreut gefeiert. Jetzt hofft sie, dass der Waffenstillstand Bestand, dass der Hass ein Ende hat. Dass wieder so etwas wie Normalität entstehen kann.
Das wünschen sich wohl alle, Palästinenser und Israelis. Aber bis dahin ist es wohl noch ein langer Weg.