250 Jahre: Die USA und ihr Verhältnis zum Rest der Welt
3. Juli 2026
"Leben, Freiheit und das Streben nach Glück" zählten zu den "unveräußerlichen Rechten", die die Gründungsväter am 4. Juli 1776 in der Erklärung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staatenvon Großbritannien an erster Stelle nannten.
Seitdem sind 250 Jahre vergangen, in denen die jeweiligen Regierungen der USA immer wieder betonten, dass die Wahrung der Ideale der Demokratie, der Menschenrechte und der Grundfreiheiten die Triebfeder ihrer Außenpolitik sei.
Unter den US-Amerikanerinnen und -Amerikanern wachsen jedoch die Zweifel, ob die Vereinigten Staaten den bei ihrer Gründung postulierten Werten gerecht werden. In einer Umfrage im Jahr 2024 stimmten 74 Prozent der befragten Amerikaner der Aussage zu, die Demokratie in den USA sei "früher ein gutes Vorbild" gewesen, "in den letzten Jahren" jedoch nicht mehr.
Die DW hat sich angesehen, wie sich die Ziele der US-Außenpolitik und die bei ihrer Durchsetzung angewendeten Taktiken über die vergangenen 250 Jahre verändert haben, und hat festgestellt, dass US-Regierungen ihre Ziele zunehmend durch militärische anstelle von diplomatischen Mitteln verfolgen.
Militärische Macht vor Diplomatie
Laut den Politikwissenschaftlerinnen Monica Duffy Toft und Sidita Kushi haben die USA in den vergangenen 250 Jahren in mehr als 500 Fällen außerhalb der USA militärisch interveniert.
"Während die USA in der Vergangenheit bei vielen ihrer Gegner davon ausgingen, dass diese rational handeln, scheint dieser Glaube nach den Ereignissen vom 11. September geschwunden zu sein", stellt Kushi, Dozentin am Mount Holyoke College, einer Privatuniversität für Geistes- und Sozialwissenschaften in Massachusetts, fest.
"Damals dachte man: 'Wenn wir nicht auf der Basis der Vernunft mit unseren Feinden reden können, wenn wir nicht auf diplomatischem Wege mit unseren Feinden verhandeln können, dann bleibt uns nur der Einsatz von Gewalt'", erläutert Kushi. "Und mit dem drastischen Anstieg des Verteidigungshaushalts und einem entsprechend schrumpfenden Haushalt für das Außenministerium nach dem 11. September lief die Entwicklung in die Richtung: 'Wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles wie ein Nagel aus'."
Auch wenn Lateinamerika seit dem frühen 19. Jahrhundert am häufigsten zum Schauplatz US-amerikanischer Interventionen wurde, sind in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend die Länder Asiens, einschließlich des Nahen Ostens, in den Fokus solcher Interventionen gerückt.
"Unsere Daten zeigen eine deutliche Verschiebung vieler dieser Interventionen Richtung Nahost, Nordafrika und die Länder südlich der Sahara", sagt Kushi. "Viel davon kann durch den globalen Krieg gegen den Terror seit September 2001 erklärt werden. Es kann auch durch die Fähigkeiten der USA, in einer unipolaren Welt ihre Macht durchzusetzen, erklärt werden. Nach dem Ende des Kalten Krieges konnten die USA mit ihrer wachsenden militärischen Stärke ihre Macht weltweit verstärkt projizieren und natürlich auch ihre Interessen neu definieren, so dass die gesamte Welt in Verbindung mit US-amerikanischen Interessen steht."
US-Ziele: Staatenbildung, Regimewechsel
Doch der Fokus hat sich nicht nur in Bezug auf die Regionen verschoben, auch die Ziele haben sich verändert.
Die 1990er waren eine Zeit der humanitären Interventionen in der US-Außenpolitik, erläutert Kushi. "Das nationale Interesse wurde ausgeweitet, um auch den Kampf der USA gegen die schlimmsten humanitären Verbrechen in der gesamten Welt zu umfassen: im Balkan, Somalia und so weiter", sagt sie. "Viele dieser Interventionen aus unserem Datensatz zeigen, das andere Länder die USA aufforderten, militärisch einzugreifen."
Ein wesentlicher Bewegrund für militärische Interventionen der USA sind laut den von Kushi und Toft zusammengestellten Daten seit 2001 "die Aufrechterhaltung oder der Aufbau einer Regierung in einem anderen Land".
Allein in diesem Jahr gibt es zwei Beispiele für das militärische Eingreifen der USA mit dem Ziel, ein ausländisches Regime abzulösen: die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro im Januar und der Beginn des Krieges gegen den Iran im Februar.
Bei einem anderen Ziel ist ein gegenläufiger Trend zu verzeichnen: Der "Schutz von Wirtschaftsinteressen" war einst das vorrangige Ziel militärischer Interventionen, hat jedoch seit dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung eingebüßt.
Diplomatie kommt bei wirtschaftlichen Interessen zum Einsatz
Nicht, dass wirtschaftliche Interessen nicht mehr wichtig oder schützenswert seien, doch wie es scheint, hat sich die Strategie bei der Verfolgung dieses Ziels gewandelt: Seit den 1960ern bis in 1980er hinein hat die US-Regierung vermehrt Handelsabkommen abgeschlossen, wie das Projekt "Measuring American Diplomacy" der Politikwissenschaftler Calvin Thrall und Matt Malis zeigt.
"Diplomaten sind sehr gut darin, Exporte zu fördern, wenn ihnen dafür die Mittel und das Personal gegeben werden", sagt Thrall, Professor für Politikwissenschaften an der Columbia University. "Sie sind sehr gut darin, Investitionsabkommen zu verhandeln und Handelsstreitigkeiten beizulegen."
Mit Ländern, bei denen die US-Regierung keine wesentlichen wirtschaftlichen Interessen festgestellt habe, neigten die USA zu einer weniger engen Zusammenarbeit, so Thrall.
"Wir haben gegenwärtig keine Botschafter in Ländern wie Bolivien, Pakistan oder Malawi", führt er aus. "Insbesondere mit Blick auf den afrikanischen Kontinent werden diese Beziehungen von den Vereinigten Staaten oft widersprüchlich gehandhabt. Orte jedoch, die große Abnehmer US-amerikanischer Exporte sind, Orte, die wichtig für multinationale US-Unternehmen sind, diese Orte erhalten konsistente Aufmerksamkeit, egal, wer die Regierung stellt."
Laut den von Thrall und Malis zusammengetragenen Daten ist die Zahl der neu von den USA geschlossenen Abkommen seit den 1980ern, also sowohl unter von den Republikanern als auch von den Demokraten geführten Regierungen, gesunken.
US-Präsidenten ziehen es vermehrt vor, Exekutivabkommen mit anderen Staats- oder Regierungschefs abzuschließen, also Abkommen, die nicht vom Kongress ratifiziert werden müssen. Doch auch die Zahl dieser Abkommen hat unabhängig von der amtierenden Regierung abgenommen, insbesondere während der vergangenen zehn Jahre.
Lieber bilateral als multilateral
Dies deckt sich mit einem weiteren Trend: Die Vereinigten Staaten ziehen sich zunehmend aus multilateralen Abkommen zurück. Wie Thrall und seine Kollegen feststellen konnten, ziehen es US-Regierungen seit den 1980ern vor, bilaterale Abkommen - oft Handelsabkommen - abzuschließen.
"Bei bilateralen Abkommen kann der mächtigere Partner, in diesen Fällen also meist die USA, die Bedingungen des Abkommens diktieren", so Thrall.
"Wirklich bemerkenswert bei der aktuellen Regierung ist, dass sie, anders als frühere Regierungen, noch nicht einmal vorgibt, ein Interesse an der sogenannten liberalen Weltordnung oder wertebasierten Ordnung zu haben, "sagt Thrall. "Präsident Trump ist absolut gewillt, offen zu sagen: 'Wir sind wegen unserer finanzieller Interessen dabei. Es geht hier nicht um Werte oder darum, eine internationale Ordnung zu stützen'."
Wie Thrall und Malis feststellten, waren noch nie so viele US-Botschafterposten unbesetzt wie unter dieser Regierung. Dies könnte zu Nachteilen für die Vereinigten Staaten und ihre Interessen führen.
"Immer mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen zeigen, welch wichtige Rolle nicht nur Botschafter; sondern auch einfache Diplomaten dabei spielen, die von Staaten angestrebten Ergebnisse zu erzielen. Im Fall der USA beobachten wir eine historische Unterinvestition in die bürokratischen Möglichkeiten, international das zu erreichen, was sie gerne erreichen würden."
Diese Unterfinanzierung könnte auch zu mehr Konflikten führen, denn mit Ländern, in denen sie keinen Botschafter haben, geraten die USA häufiger in militärische Konflikte, wie Matlis feststellte.
In den Beziehungen der USA mit vielen anderen Regierungen habe es einen deutlichen Umschwung weg von Diplomatie hin zu Gewalt gegeben, sagt Kushi. "Und das ist nicht zwingend von Vorteil für die Sicherheit der USA und für die globale Sicherheit."
Das Image der USA leidet
Laut einer Umfrage des Pew Research Centers im April 2026 sagten 62 Prozent der befragten US-Amerikanerinnen und -Amerikaner, sie glaubten nicht, dass Präsident Donald Trump militärische Gewalt sinnvoll einsetze oder gute außenpolitische Entscheidungen treffe.
Dies deckt sich mit einer langfristigen Entwicklung: Seit den 1960ern befragt das Analyseunternehmen Gallup die Amerikaner zu ihrer Zufriedenheit mit der Position der USA in der Welt. Nach einen Rekordhoch von 71 Prozent im Jahr 2002 beträgt der Anteil unter den US-amerikanischen Erwachsenen, die glücklich mit der Stellung der USA sind, nur noch 38 Prozent.
Wie andere Länder auf die USA blicken, scheint sich in der jüngsten Geschichte ebenfalls verändert zu haben. Umfragen von Pew Research aus dem Jahr 2025 sowie der dänischen Organisation Alliance of Democracies und des Umfrageunternehmens Nira Data in diesem Jahr zeigen, dass das Image der USA im Ausland im Vergleich zu den Vorjahren gelitten hat.
Laut Alliance of Democracies hat sich das Bild der USA nur in drei der 48 Länder, in denen die Umfrage durchgeführt wurde, verbessert: in Israel, Russland und China.
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