Made in China 2025: Der stille Machtwechsel
20. Januar 2026
In einer mehr als hundert Meter langen Halle surren unzählige Roboter, überall piepst und blinkt es. Im Moment arbeitet nur etwa ein Dutzend Menschen hier - den Rest erledigen Hochleistungsroboter.
Nur selten bekommen Journalisten die Hightech-Fabrik aus China zu sehen. Wenn, dann sind die Anweisungen klar: Keine Bilder, Smartphones werden zugeklebt und für kurze Ton-Aufnahmen braucht es die Zustimmung des Pressesprechers. Schilder weisen auf Chinesisch, Englisch und Deutsch darauf hin, dass Fotografieren strengstens verboten ist.
Das Werk, um das so ein Geheimnis gemacht wird, steht nicht irgendwo in China, sondern in Arnstadt, einer kleinen Gemeinde in Thüringen. Es gehört CATL, dem chinesischen Weltmarkführer für E-Autobatterien. Hier werden 14GWh Batterien hergestellt - genug für mindestens 200.000 Elektroautos.
Beliefert werden unter anderem europäische Autohersteller. Für CATL verkürzt die direkte Produktion in Europa die Transportwege für die schweren, brennbaren Batterien und vermeidet auch geopolitische Risiken wie Strafzölle. Doch das Werk von CATL steht auch für die Veränderung der Handelsbeziehungen zwischen China und Deutschland und der EU.
Von "Made in Germany" zu "Made in China 2025"
Das Label "Made in Germany" galt für China jahrzehntelang als Vorbild moderner Produktionsstandards. Bereits in den 1980er-Jahren beeindruckte das VW-Joint Venture in Shanghai die chinesischen Partner. Mehr als 20 Jahre später setzte Deutschland auf intelligent vernetzte Produktion, um Produktivität und Effizienz zu steigern - das Ganze unter dem Schlagwort Industrie 4.0.
Die chinesische Fertigungsindustrie wollte da bereits lange ihr Image als Billiganbieter hinter sich lassen. Deutschlands Industrie-4.0-Initiative bot eine Möglichkeit, denn das Land der Ingenieure suchte den Schulterschluss mit China. 2014 vereinbarten beide Länder Kooperationsabkommen. Unternehmer aus China waren damals fasziniert von den Musterfabriken von Siemens.
Und nur kurze Zeit später - im Mai 2015 - präsentierte Peking einen Strategieplan zur Modernisierung der eigenen Industrie mit dem Ziel, in Schlüsselbranchen weltweit führend zu werden. Der Titel: "Made in China 2025".
Chinas technologischer Aufstieg
Heute hat China das in vielen Bereichen erreicht oder ist zumindest ein ernstzunehmender Konkurrent. Oliver Wack vom Interessenverband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) verweist auf den steigenden Wettbewerbsdruck. "2018 lieferten chinesische Maschinenbauer Waren im Wert von 20 Milliarden Euro in die EU. 2024 waren es 40 Milliarden, dieses Jahr vielleicht 50 Milliarden." Deutschland exportiere aber noch immer mehr Maschinen nach China als umgekehrt, so Wack.
In anderen Branchen wie grüner Energie, Elektromobilität und Bahntechnik ist der Druck noch größer. Carlo Diego D'Andrea von der EU-Handelskammer Shanghai erklärte in einem ARD-Interview, dass Chinas Solar- und Windkapazität die aller Länder weltweit übertreffe. Auch bei Drohnen dominiere China mit 70 Prozent Marktanteil den Weltmarkt. Ähnlich sei die Situation bei E-Autos.
Europa und "Made in China 2025"
Kurz nach der Verkündung der "Made in China 2025"-Agenda vor zehn Jahren hat Peking verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Modernisierung seiner Industrien voranzutreiben. Einheimische Konzerne wurden motiviert, Spitzentechnologien oder sogar ganze Unternehmen aus Europa aufzukaufen. Die Übernahme des traditionsreichen deutschen Roboterherstellers Kuka durch das chinesische Unternehmen Midea im Jahr 2016 war der Höhepunkt.
Das Mercator Institute for China Studies warnte damals bereits, dass Technologietransfer zwar kurzfristige Gewinne, aber langfristige Risiken für Deutschland und Europa bergen könnte. Clas Neumann, damals Vizepräsident von SAP, sah das 2016 anders: China könne Deutschland in manchen Branchen "kurzfristig nicht überholen; es dauert mindestens 20 bis 30 Jahre, diese Prozesse und Technologien zu beherrschen."
Doch China investierte massiv in Forschung: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen von 1,37 Prozent des BIP 2007 auf 2,56 Prozent im Jahr 2022, finanziert überwiegend aus Unternehmensgewinnen und aus staatlichen Zuschüsse. Die haben sich von 2014 bis 2024 vervierfacht. Nur die USA geben aktuell mehr für Forschung aus.
Camille Boullenois, China-Expertin der in New Yorker Beratungsfirma Rhodium Group, erklärte, dass Peking durch massive Subventionen die Hauptziele von "Made in China 2025" erreicht habe: Verringerung der Abhängigkeit von westlicher Technologie und Gewinnung von Marktanteilen. Selbst in Bereichen, in denen China noch hinterherhinkt, wie Luft- und Raumfahrt oder Hochleistungshalbleiter, werde China "bei der aktuellen Entwicklung innerhalb weniger Jahre aufholen", so Boullenois.
Sie kritisiert aber die massiven Subventionen als nicht nachhaltig: "Chinas Industriepolitik hat zu enormer Verschwendung und schwächerem Wirtschaftswachstum geführt." Zu viel Geld in Schlüsseltechnologien vernachlässigte notwendige Strukturreformen, was den schwachen Binnenkonsum erkläre. "Chinas Wirtschaftssystem ist stark produktionsorientiert. Unternehmen neigen zu Überinvestitionen, wodurch die Produktionskapazität die Inlandsnachfrage übersteigt. Diese Überkapazitäten überschwemmen den Exportmarkt und stellen eine Herausforderung für europäische Firmen dar."
Gleichzeitig sieht Boullenois Chancen: Die Zusammenarbeit könne profitabel sein, wenn chinesische Unternehmen in Europa lokal produzieren. "Selbst mit Subventionen und Kostenvorteil verfügt die EU über Instrumente, um fairen Wettbewerb zu gewährleisten."
"Made in China" ist auch "Made in Germany"
Das Batteriewerk von CATL in Arnstadt ist ein Beispiel. Aktuell stammen nur etwa zehn Prozent der über 1700 Mitarbeiter im deutschen CATL-Werk aus China. Der chinesische Konzern kooperiert zudem mit lokalen Hochschulen und Handelskammern, um junge Talente zu fördern. Die Fabrik verfügt außerdem über ein Ausbildungszentrum, in dem rund 20 Auszubildende verschiedene Berufe wie beispielsweise Mechatronik erlernen.
Der Arnstädter Bürgermeister Frank Spilling lobt: "Absolut Mehrwert! Junge Leute müssen nicht mehr irgendwo anders hin, sie können hier eine Ausbildung beginnen. Das ist das Beste, was uns passieren kann. Ein spannendes Segment, ein Marktführer, der sich in Arnstadt ansiedelt, ist rundum gut für unsere Stadt." Außerdem hätten sich bereits Zulieferer in der Gegend niedergelassen.
Win-Win - aber wie?
Auch das Fraunhofer-Institut zog der Standort an. Direkt neben dem CATL-Werk befindet sich heute das "Batterie-Innovations- und Technologie-Center BITC" (Fraunhofer IKTS BITC), wo CATL-Ingenieure und deutsche Wissenschaftler gemeinsam an Batterieschwellung forschen, um die Lebensdauer von Batteriezellen zu verlängern.
Roland Weidl, Leiter des Forschungszentrums, sagt gegenüber der DW, dass die Zusammenarbeit "eine Win-Win-Situation für die Industrie, Forschung und Wirtschaft ist. Lernen kann man an allen Stellen voneinander." Er betonte, dass Fraunhofer Institut und CATL in unterschiedlichen Gebieten Technologienführer sind. "Kooperation entsteht heutzutage nur wenn beide Partner denken, dass sie davon etwas haben."
Weidl sieht den Erfolg chinesischer Technologieunternehmen eng mit Pekings kontinuierlicher Förderung von Zukunftstechnologie verbunden. Die Kontinuität sei entscheidend, da Chinas Vorsprung bei aktueller Batterietechnologie groß sei, Europa aber bei zukünftigen Generationen noch aufholen könne.
Darauf, dass chinesische Firmen einst stark vom Technologietransfer westlicher Unternehmen profitiert haben, weist Camille Boullenois von der Rhodium Group hin. Europa könne daraus lernen: Den eigenen Binnenmarkt nutzen, um Investitionen anzuziehen und damit lokale Wertschöpfung schaffen und Technologieaustausch fördern.
Die EU erwägt derzeit, Bedingungen für chinesische Unternehmen festzulegen, die in Europa investieren wollen. Darunter klare Regeln für Technologietransfer sowie die lokale Wertschöpfung und Beschäftigung. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič sagte im Oktober 2025, die EU begrüße zwar ausländische Investitionen, diese müssten jedoch "echte Investitionen" sein. Dies bedeute, dass solche Investitionen neue Arbeitsplätze innerhalb der EU schaffen und den Technologietransfer ermöglichen, "genau wie es damals europäische Unternehmen taten, als sie in China investierten".