150 Jahre Bayreuther Festspiele – Es rappelt im Karton
2. Juli 2026
Die Bayreuther Festspiele feiern ihr 150. Jubiläum ab dem 25. Juli. Doch im Vorfeld gibt es einige kritische Stimmen. Im Zentrum der Vorwürfe steht die antisemitische Vergangenheit der Festspiele und wie man in Bayreuth damit umgeht.
Zu einer Gedenkfeier an die Opfer des Nationalsozialismus zu Beginn der Festspiele war der jüdische Publizist Michel Friedman eingeladen, um über Richard Wagners Antisemitismus und die nationalsozialistische Vergangenheit der Festspiele zu referieren. Für den angesagten Termin wurde Friedman kurzzeitig ausgeladen, dann nach einigem Hin und Her wieder eingeladen. Die Süddeutsche Zeitung sah das Ganze als eine "notorische Sehnsucht der Deutschen, von der eigenen Geschichte verschont zu werden."
Auch Anno Mungen, Leiter des Forschungsinstituts für Musiktheater an der Universität Bayreuth, wirft der Intendanz im Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" vor, "geschichtsvergessen" zu sein, weil man ausgerechnet zum 150. Jubiläum Wagners Oper "Rienzi", die Lieblingsoper Adolf Hitlers, in Bayreuth erstmals aufführen will. Dazu muss man wissen, dass Richard Wagner nicht nur ein großer Opernreformer, sondern selbst Antisemit war.
Das Besondere an den Richard-Wagner-Festspielen
Richard Wagner (1813 – 1883) inszenierte seine Opern am liebsten als "Gesamtkunstwerke", das heißt, alles sollte aus einer Hand kommen. Eigens dafür ließ der Komponist auch sein eigenes Festspielhaus bauen, das er mit dem berühmten 16-stündigen Opernzyklus "Der Ring des Nibelungen" 1876 in Bayreuth eröffnete.
Wagner selbst entwarf die Architektur, schieb die Libretti seiner Opern, führte Regie und bestimmte das Bühnenbild. Die Helden seiner Opern suchte er oft in den Mythen germanischer und nordeuropäischer Sagen, so auch beim Ring des Nibelungen. Die bedingungslose Liebe bis in den Tod ist bei Wagner ein häufiges Sujet.
Publikumsmagnet Bayreuth
Wagners Wunsch entsprechend wird bis heute nur jeweils eine Auswahl aus zehn seiner eigenen Opern bei den jährlichen Festspielen aufgeführt. Rund 60.000 Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt pilgern zu den Festspielen auf dem "Grünen Hügel", um das originale Ambiente aus Wagners Zeit zu erleben. Die unbequemen Sitze aus Holz ohne Polster und die geringe Beinfreiheit werden trotz hoher Eintrittspreise billigend in Kauf genommen, genauso wie der oft stickige Zuschauerraum im Sommer ohne Klimaanlage.
Das Orchester im Graben versenkt, die Bühne im Licht, die Zuschauer in kompletter Dunkelheit, der klare Klang im holzverkleideten Raum bis in die obersten Ränge - all das macht die besondere Atmosphäre des Festspielhauses aus. Sich dem auszusetzen in Zeiten von "kurzen knackigen Reels", die vom Sofa aus auf dem Handy konsumiert würden, sei sicher anachronistisch, meint Sven Friedrich, Leiter des Richard Wagner Museums in Bayreuth. "Aber vielleicht ist es gerade in seinem Anachronismus wieder spannend."
Richard Wagners Einfluss auf Adolf Hitler
Die Idee der Inszenierung von Licht und Dunkelheit hat lange nach Wagners Tod auch den Nationalsozialisten Adolf Hitler fasziniert. Wagner war Adolf Hitlers Lieblingskomponist, die Oper "Rienzi" seine Lieblingsoper. "Was Hitler an Rienzi gefallen hat, ist natürlich diese Figur des Aufsteigers, der zu großer Macht gelangt aufgrund seines Charisma", sagt Friedrich im Gespräch mit der DW.
Adolf Hitler liebte die gewaltigen Klänge der Musik mit immer wiederkehrenden einprägsamen Leitmotiven. Er instrumentalisierte Wagners Werke für Propagandafilme der Nationalsozialisten und zur perfiden Beschallung der sogenannten Konzentrationslager. In den Konzentrationslagern und durch weitere Massaker wurden in der NS-Zeit etwa sechs Millionen Juden ermordet. Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" spielten die Nationalsozialisten alljährlich am Vorabend ihrer Reichsparteitage. All das liegt wie ein Schatten über Bayreuth, ebenso wie der Antisemitismus Richard Wagners.
Ein Thema, das Intendantin Katharina Wagner mehrfach angegangen ist, unter anderem indem sie 2017 den deutsch- australischen Regisseur Barrie Kosky einlud, der aufzeigte, dass Richard Wagners Figur "Beckmesser" in der Oper die Attribute eines vermeintlich jüdischen Sängers trägt, der bei Kosky als "Sündenbock für das Trauma eines ganzen Volkes" herhalten muss.
Wagner und der Antisemitismus
Richard Wagner war überzeugter Antisemit und hatte schon 1850 ein Pamphlet gegen Juden verfasst. Er behauptete unter anderem, dass Juden keine eigene künstlerische Identität hätten und nur alles "nachplappern". "Es gibt immer ein antisemitisches Grundrauschen in Bayreuth, und auch Cosima, seine Frau, war antisemitisch", sagt Sven Friedrich. "Dass haben die Kinder und Kindeskinder, die hier in der fränkischen Provinz ohne große Impulse von außen aufwachsen sind, teils übernommen."
Mit Wagners Sohn Siegfried und besonders mit dessen Frau Winifred war Adolf Hitler eng befreundet. In der Villa der Wagners, wo heute das Richard Wagner Museum untergebracht ist, suchte Adolf Hitler Ruhe und Familienanschluss. "Das Festspielhaus war so etwas wie sein Hoftheater", sagt Friedrich mit den Worten des Schriftstellers Thomas Mann.
Die Nachkriegsära der Festspiele
Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sich Winifred Wagner und ihr Sohn Wieland sogenannten Entnazifizierungsverfahren unterziehen. Wieland und Wolfgang Wagner übernahmen die Intendanz der Festspiele. Auch das war umstritten, denn Adolf Hitler hatte dem erwachsenen Wieland Wagner in Kriegszeiten einige Vergünstigungen verschafft.
Aus finanzieller Not, und um den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen, inszenierte Wieland Wagner die Opern seines Großvaters spartanisch und kühl in einer neuen Sachlichkeit. Nach Wieland Wagners Tod übernahm sein Bruder Wolfgang Wagner und holte sich Hilfe bei der Regie. "Er hat dann die Festspiele auch für externe Regisseure geöffnet und den Weg für einen stilistischen Pluralismus geschaffen", sagt Museumleiter Sven Friedrich.
Bayreuths Weg in die Zukunft
Die Urenkelin von Richard Wagner, Katharina Wagner, hat gerade in den letzten Jahren versucht, die Bayreuther Festspiele ins moderne Zeitalter zu bringen. Mit Valentin Schwarz holte sie 2022 einen Regisseur nach Bayreuth, der den "Ring" nach dem Netflix-Prinzip als Familiensaga umsetzte. 2023 inszenierte Jay Scheib Wagners "Parsifal" mit Augmented Reality, um das Bühnenbild durch eine digitale Ebene zu erweitern. Bei der neue Ring-Inszenierung in diesem Jahr wird das Bühnenbild mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz gestaltet.
Und was die Neuinszenierung der Oper Rienzi anbelangt, bleibt es abzuwarten, wie die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka das Werk inszenieren werden. Sie wollen den "Fall Rienzi" als Gerichtsdrama neu aufrollen und auch die populistische Gesellschaft von heute ins Visier nehmen. Vor der Aufführung findet ein Konzert mit Musik jüdischer Komponisten - und mit dem Vortrag von Michel Friedman statt.