″Wir können nicht mit geraubter Kunst leben″ | Geschichte | DW | 05.11.2013
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Geschichte

"Wir können nicht mit geraubter Kunst leben"

In München wurden 1400 Bilder gefunden, viele davon wohl NS-Raubkunst. Wie geht Deutschland mit geraubten Werken um? Der Publizist Rafael Seligmann über schleppende Aufklärung, Rückgabe und seine Familie.

Während der NS-Herrschaft wurden tausende Kunstwerke teils berühmter Künstler als "entartet" diffamiert, aus jüdischem Besitz beschlagnahmt oder zu viel zu niedrigen Preisen aufgekauft. Seit vielen Jahren treten die Erben enteigneter Juden an Kunsthäuser heran, um die Provenienz, sprich: die Herkunft der Bilder zu klären. Inzwischen haben sich Deutsche Museen in einer gemeinsamen Erklärung die Selbstverpflichtung auferlegt, ihre Bestände auf Raubkunst zu prüfen. Doch immer wieder werden auch außerhalb der großen Museen geraubte Kunstwerke gefunden. Auch beim so genannten "Münchner Fund", der am 04.11.2013 publik wurde, könnten Gemälde aus ehemals jüdischem Privatbesitz dabei sein.

Herr Seligmann, in einer Münchner Mietwohnung sind gut 1400 Werke berühmter Künstler wie Pablo Picasso, Henri Matisse und Marc Chagall entdeckt worden – offenbar Raubkunst. Hat Sie der Fund dieser riesigen Sammlung mitten in München in einem einfachen Mietshaus überrascht?

Das Gemälde Löwenbändiger von Max Beckmann (Foto: dpa)

Das Gemälde "Löwenbändiger" von Max Beckmann gehört auch zum "Münchner Fund"

Ich muss zugeben, das Ausmaß hat mich überrascht. Nicht die Tatsache an sich. Dass Kunst requiriert, enteignet und geraubt wurde, ist bekannt. Ebenso, dass noch heute davon profitiert wird, dass ein Großteil nicht restituiert wurde. Aber mich erstaunt immer wieder, mit welcher Skrupellosigkeit noch heute damit umgegangen wird.

Auf der Pressekonferenz am Dienstag (05.11.2013) hieß es, die Kunstwerke seien 2012 entdeckt worden, nicht wie zunächst gemeldet wurde bereits 2011. Dennoch wurde die Öffentlichkeit offenbar nicht gleich informiert. Versucht Deutschland noch immer Fälle von Raubkunst zu verschleiern bzw. deren Aufklärung zu verzögern?

"Deutschland" ist ein großer Begriff für einen kleinen Mann. Aber es gibt Stellen in Deutschland – Museen, Kunstsammlungen, Privatpersonen, öffentliche Stellen – die es ganz gerne hätten, wenn die Kunstgegenstände, die sie oder ihre Vorgänger an sich gebracht haben, bei ihnen blieben und man sich auch selbst eine Prüfung ersparen könnte.

Mehrfamilienhaus in München Foto: dpa

In diesem Haus in München wurden die 1400 Werke gefunden

Viele jüdische Privatpersonen lassen mit teuren Anwälten seit Jahren nach den Werken forschen, die einst ihrer Familie gehörten. Welchen Eindruck haben Sie, wie unterstützt die Bundesrepublik sie dabei?

Sehr zögerlich. Erst das, was schon definitiv bekannt ist, wird auch zugegeben. Ich kenne eine Reihe von Personen, auch prominente Nachkommen jüdischer Familien, die über Jahre mühsam kämpfen und reisen mussten, um zu beweisen, dass ihrer Familie Kunst entwendet wurde. Das Muster war ja für gewöhnlich das gleiche: Bis zur so genannten "Reichspogromnacht" 1938 hat man die Kunst nicht einfach geraubt, sondern man hat einen Preis gezahlt, der viel zu niedrig angesetzt war. Damit hatte rechtlich alles seine Ordnung. Das war nichts anderes als Betrug, der staatlich sanktioniert wurde. Und das ist die Schwierigkeit. Wenn etwas geraubt wurde, dann kann man es beweisen, aber wenn ein viel zu niedriger Preis gezahlt wurde, dann liegt die Schwierigkeit darin, nachzuweisen, dass dieser Preis unter dem Marktwert lag.

Ihre Familie musste vor den Nazis aus Deutschland fliehen – ihre Mutter 1933 aus Berlin, ihr Vater im selben Jahr aus einem kleinen Ort in der Nähe der süddeutschen Städte Ulm und Augsburg. Haben Ihre Eltern ihnen von den Wohnungen oder Häusern, von geliebten Dingen berichtet, die Sie zurücklassen mussten?

Die Geschichte meines Vaters ist interessant. Er stammte aus einer etablierten Familie in Ichenhausen. Mein Vater und sein Bruder konnten 1933 nach der Warnung eines christlichen Freundes nach Palästina fliehen. Die Eltern kamen zwei Jahre später und mussten das Haus weggeben und zwar zu einem Preis, der deutlich unter dem Marktwert lag. Damit war für die gesamte Familie alles, was in dem Haus war – das waren keine großen Kunstschätze, aber es war das größte Haus am Ort, das waren liebgewonnene private Gegenstände - all das musste dort gelassen werden.

Das Porträt der Tilla Durieux von Oskar Kokoschka (Foto: Oliver Berg/dpa)

Hier konnte die Herkunft ermittelt werden: Kokoschkas Porträt der Tilla Durieux im Museum Ludwig Köln

Hat ihre Familie dafür jemals eine Restitutionszahlung bekommen?

Nein.

Inzwischen haben sich deutsche Museen immerhin dazu verpflichtet, ihre Bestände auf mögliche Raubkunstwerke zu prüfen. Ist es heute zu spät?

Es ist nie zu spät. Aber ich glaube kaum, dass es heute noch Überlebende gibt, denen Kunst geraubt wurde. Aber das spielt ja keine Rolle. Es gibt ein normales Erbrecht. Und ich sehe nicht ein, warum eine Familie, der Kunst, aber auch sonstiges Vermögen geraubt wurde, warum sie nicht ihre Rechte daran geltend machen sollte. Wenn es für Recht befunden wurde, sollten die Kunst- oder Vermögensgegenstände erstattet werden.

Welche Bedeutung hat gerade auch Kunst für die Erben und für eine - so zynisch das Wort klingt - "Wiedergutmachung"?

Ob jemand heute noch Kunst liebt oder nur den Vermögenswert, das ist unerheblich. Es ist Besitz. Die Frage der Restitution von Kunst ist vor allem eine Frage der moralischen Hygiene Deutschlands. Ist man bereit, sich von geraubter oder erpresster Kunst zu lösen - oder möchte man diese Kunstgegenstände behalten? Gegenüber Russland sagt man, Kunst, die aus Deutschland geraubt wurde, möchte man zurückhaben. Bei Kunst jüdischer Besitzer sagt man: Da ist ja etwas gezahlt worden. Ich meine, es ist im Sinne der deutschen Gesellschaft, geraubte Kunstgegenstände oder Vermögensgegenstände zurückzugeben.

Sie kennen Deutschland gleichermaßen wie die USA und Israel. Wie wird der Streit um Restitutionen im Ausland wahrgenommen?

Als ein Gradmesser. Es gibt aktuell ein Schreiben der israelischen Kulturministerin Limor Livnat an den deutschen Staatsminister für Kultur, Bernd Neumann, darin steht: Wie man mit dieser Kunst umgeht, ist für uns von größter Bedeutung, weil es auch ein Spiegel für die Beziehung der Deutschen zu den Juden ist. Für mich ist das der entscheidende Punkt.

Wie sollte Deutschland Ihrer Meinung nach mit NS-Raubkunst verfahren?

Man sollte nicht warten, bis ein Betrug, Raub, Erpressung ans Licht kommt, sondern aktiv an der Aufklärung mitwirken. Wenn man weiß, dass Gegenstände erpresst oder geraubt werden, sollten diese entweder an die Erben zurückgegeben oder abgekauft werden oder man stellt sie aus – und es ist vielfach geschehen, dass die Erben gesagt haben, wir sind einverstanden, die Kunst in den Museen zu lassen. Aber man sollte zumindest mit den Erben zu einer Übereinkunft gelangen. Was auf keinen Fall geht, ist, das einzelne Personen private Sammlungen in Archiven oder einer heruntergekommenen Wohnung lagern. Wenn wir den Anspruch erheben, eine demokratische, eine humane, eine ehrliche Gesellschaft zu sein, und wir sind es, dann können wir nicht mit geraubter Kunst leben.

Rafael Seligmann ist Politologe, Publizist und Schriftsteller. Er wurde in Tel Aviv geboren, in den 1950er Jahren kehrte seine Familie, die in den 1930er Jahren aus Nazi-Deutschland fliehen musste, nach Deutschland zurück. Seligmann ist Autor mehrerer Sachbücher und Romane über die Situation von Juden in Deutschland. 2010 publizierte er die Autobiografie "Deutschland wird dir gefallen".

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