Heimatliebe, Grünkohl und die CDU | Deutschland | DW | 01.04.2019
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Junge Union

Heimatliebe, Grünkohl und die CDU

Tilman Kuban ist seit kurzem Chef der jungen Konservativen und macht mit deftigen Sprüchen auf sich aufmerksam. Er steht für eine Zeit nach Angela Merkel. Für die Kanzlerin hat er nicht viel übrig.

Tilman Kuban ist einer, der die Ärmel hochkrempelt. Oder sich zumindest gerne dabei fotografieren lässt. Mit dem Motto "Anpacken" ist er in den Wahlkampf um den Vorsitz der Jungen Union (JU) gestartet. Und genau dieses "Anpacken" scheint gezogen zu haben bei den Mitgliedern der Jugendorganisation der CDU und ihrer bayerischen Schwester, der CSU.

Zum "Anpacken" gehören bei Kuban auch markige Sprüche. Einfach mal einen raushauen, statt immer nur politisch korrekt um den heißen Brei zu reden. Eine Art, die sicher nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass er Mitte März an die Spitze der JU aufgestiegen ist.

Eine Rede gespickt mit Populismus

Bei seiner Wahlkampfrede in Berlin spart Kuban nicht mit populistischen Sprüchen: Der 31-jährige Jurist wettert gegen den Kampf  "der Linken" für "das 3. bis 312. Geschlecht" und greift damit eine kontroverse deutsche Debatte auf, die sich um die Einführung des dritten Geschlechts dreht: divers neben männlich und weiblich. Und er kritisiert den Zustand der Bundeswehr in Deutschland, indem er Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen persönlich angreift: Es könne nicht sein, dass sie mehr Kinder als funktionierende Flugzeuge habe. Von der Leyen ist siebenfache Mutter und nebenbei auch Kubans CDU-Parteikollegin.

In Berlin schreit Tilman Kuban mehr, als dass er redet. Und ist trotzdem manchmal kaum zu hören, so laut branden das Johlen und die Lacher im Saal, immer wieder schwappen "Tilman, Tilman"-Rufe auf die Bühne. Nach der Wahl geht der neue JU-Chef weiter auf Konfrontation, auch mit der Ex-Chefin seiner Partei und Noch-Kanzlerin Angela Merkel, die er als "kein Idol von mir" bezeichnet.

In einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" prangert der JU-Chef eine "Gleichschaltung" in Bezug auf die Ausrichtung der CDU an. Viele in seiner Partei hätten sich deswegen nicht mehr wohlgefühlt. Der Begriff Gleichschaltung beschreibt, wie Machthaber in totalitären Systemen dafür sorgen, alle auf eine - nämlich ihre - Linie zu bringen. Damit hat Kuban sich gehörig Kritik eingebrockt, auch von denen, die seiner direkten Art sonst positiv gegenüberstehen.

Deutschlandtag der Jungen Union | Tilman Kuban (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

Der neue JU-Chef kurz nach seiner Wahl

Der CDU-Chef seines Heimat-Bundeslandes Niedersachsen Bernd Althusmann twitterte zum Beispiel: "Von einer Gleichschaltung einer demokratisch verfassten Volkspartei CDU zu sprechen, ist nicht akzeptabel!" Kuban selbst ruderte schnell zurück, nannte seine Wortwahl auf Facebook "unpassend", schränkte aber ein, er stehe dazu, dass andere Meinungen nicht von oben tabuisiert werden dürften.

Kritiker der ersten Stunde von Merkels Migrationspolitik

Mit "anderen Meinungen" umschreibt er vor allem seine Sicht der Dinge auf Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Als andere sich noch offen für die ankommenden Migranten zeigten, beklagte Kuban mit gut 30 weiteren Politikern in einem Brief an Merkel schon im Oktober 2015, dass die offene Grenze - also, dass die Kanzlerin die Grenze zu Österreich nicht geschlossen hatte - gegen geltendes Recht verstoße. Er spricht außerdem von einer "schweigenden Mehrheit" in der Partei, die den Kurs der Führung damals nicht mitgetragen habe.

Kuban repräsentiert einen Typus junger Konservativer, die das Ende der Ära Merkel einläuten. Die wollen, dass die Union aus CDU und CSU wieder so sehr konservative Werte verkörpert, dass anderen Parteien rechts von ihr die Luft zum Atmen fehlt. Konkret geht es Kuban natürlich dabei um die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD).

Thematisch setzt er dabei auf traditionell konservative Felder wie Wirtschaft fördern, innere Sicherheit stärken, geflüchtete Straftäter konsequent abschieben - und spricht gleichzeitig als JU-Chef die Jungen in der Partei an. Im Kampf gegen die Urheberrechtsreform der EU etwa hat Kuban sich mit an die Speerspitze der Gegner gestellt und von der JU verbreitete Katzen-Bildchen auf Social Media geteilt.

Deutschland Bundesvorsitzender der Jungen Union Tilman Kuban (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

Tilman Kuban mal zwei: Heimat- und Europaliebe

Eine Mischung aus weltmännisch und bodenständig

Gerade in den sozialen Netzwerken präsentiert sich Kuban als Kombination aus weltmännisch und bodenständig: Für die Europawahlen im Mai kandidiert er auf einem aussichtsreichen Listenplatz und könnte damit der erste Europapolitiker an der Spitze der Jungen Union werden. Kuban zeigt sich gerne mit Europaflagge oder mit dem neuen Sweatshirt der Jungen Union. Darauf zu sehen: die zwölf Sterne, die für die EU stehen. Er sagt, dass er dafür kämpfen will, dass auch seine und die nächste Generation in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben können. Seine Hauptforderungen sind vor allem wirtschaftlicher Natur: mehr Innovationen, mehr Investitionen in Technologie, eine europäische Elite-Uni für Künstliche Intelligenz.

Gleichzeitig betont er immer wieder, dass er fest verankert ist in Barsinghausen, ein 30.000-Einwohner-Städtchen im norddeutschen Bundesland Niedersachsen. Mit allem, was dazu gehört: Fußballverein, Freiwillige Feuerwehr, politisches Engagement in der Jungen Union seit Jugendtagen. Und natürlich mit dem obligatorischen Lokalpolitiker-Mythos, der im Kleinen begründet, warum man sich für das Große einsetzt. Bei Kuban ist es der jahrelange - und schließlich erfolgreiche - Kampf für einen Nachtzug, der ihn und andere Barsinghausener nach dem Feiern in der Großstadt zurück in die Kleinstadt bringen sollte.

In Videos zeigt er sich kickend, umringt von anderen aus der Gemeinde, auf Instagram postet er Bilder vom traditionellen Grünkohlessen, ab und an prostet er auf Fotos mit einem Humpen Bier und bastelt damit an seinem bodenständigen Image. In den sozialen Medien hat er sich bisher noch keine riesige Followerschaft aufgebaut: Auf Instagram folgen ihm knapp 4000 Menschen, auf Facebook sind es gut 7000. Eine große Plattform hat er trotzdem als Chef der größten politischen Jugendorganisation Europas. Sein Vorgänger wurde immerhin direkt aus dem Amt zum CDU-Generalsekretär befördert, andere frühere Vorsitzende schafften es bis ins Ministeramt, einer wurde Präsident des Europäischen Parlaments.

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