Junge Union startet in ″Zeit nach Merkel″ | Politik | DW | 16.03.2019
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"Deutschlandtag"

Junge Union startet in "Zeit nach Merkel"

Die jungen Konservativen wählen mit Tilman Kuban einen neuen Chef, der nicht mit markigen Sprüchen spart. Die Kanzlerin und ehemalige CDU-Chefin Angela Merkel spielt beim Deutschlandtag der Jungen Union keine Rolle mehr.

Deutschlandtag der Jungen Union Tilman Kuban (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

Tilman Kuban ist neuer Vorsitzender der Jungen Union

22.000 km, 60 Termine, sechs Kilogramm leichter: Allein dafür habe sich der Wahlkampf schon gelohnt, sagt Tilman Kuban. Als er auf die Bühne tritt, ist er kaum zu hören, so laut klatschen und rufen die jungen Konservativen im Berliner Kongresszentrum. "Tilman, Tilman", peitscht es zu Kuban hinauf.

Die Jugendorganisation der konservativen CDU/CSU ist zu einer außerordentlichen Versammlung zusammengekommen, um einen neuen Vorsitzenden zu wählen. Der Grund: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte im Dezember beim Parteitag den bisherigen Vorsitzenden der Jungen Union zu ihrem Generalsekretär auserkoren, "von der Tanzfläche weggeklaut", wie sie in ihrer Rede an diesem Nachmittag in Berlin betont.

Einer, der das Herz auf der Zunge trägt

Jetzt also Tilman Kuban. Der 31-Jährige war bisher Vorsitzender der Jungen Union im norddeutschen Bundesland Niedersachsen. Auf der Berliner Bühne punktet er heute mit markigen Sprüchen. Er schreit fast mehr, als dass er redet, aber diese Leidenschaft kommt gut an bei den 320 Delegierten. Am Ende gewinnt er mit 62,7 Prozent der Stimmen gegen seinen Kontrahenten aus dem ostdeutschen Thüringen Stefan Gruhner. Die Position an der Spitze der mit rund 100.000 Mitgliedern größten politischen Jugendorganisation Europas ist eine begehrte: Wie bei Ziemiak diente sie auch anderen Ex-Chefs schon als Sprungbrett für höhere Posten in der konservativen Union.

Deutschlandtag der Jungen Union Paul Ziemiak (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

Der ehemalige JU-Vorsitzende Paul Ziemiak spricht vor den Delegierten

Kuban ist einer, der, wie er selbst zugibt, "das Herz auf der Zunge trägt", einer, der "es bestimmt nicht allen recht machen wird." Ein Junge Union-Chef, der sagt: "Ich werde bis zum letzten Tag, bis zur letzten Patrone für die Meinungsfreiheit im Netz kämpfen", wenn es um den umstrittenen Artikel 13 und die Debatte um Uploadfilter geht. Und auch ein JU-Chef, der die Lacher im Berliner Kongresszentrum sicher erntet, als er "die Linken" dafür kritisiert, dass sie für die "Toilette des 3. bis 312. Geschlechts kämpfen", also einer, der sich mit diesem Spruch selbstbewusst an die Seite von CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer stellt.

Er ist damit auch ein Chef, der vielen jungen Konservativen aus der Seele spricht, in Zeiten, in denen die CDU und ihre bayerische Schwester CSU in der Großen Koalition um Kompromisse mit den Sozialdemokraten ringen müssen. Gerade, wenn die Mutterparteien sich mit Wohltaten zurücklehnen würden, müssten die Jungen sich für die Zukunft einsetzen, für Digitalisierung zum Beispiel, sagt Kuban.

Rückendeckung bekommen er und die jungen Konservativen von ihrer CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer. Als ehemalige JU-lerin erwähnt sie mehrmals, wie verbunden sie sich immer noch mit den Jungen in der Partei fühlt. Sie muntert die Junge Union dazu auf, der "kritische Motor in der Partei zu sein". Sie wünsche sich, dass die "JU uns Dampf macht, Druck macht, uns in Atem hält."

Deutschlandtag der Jungen Union Annegret Kramp-Karrenbauer (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

CDU-Bundesvorsitzende Kramp-Karrenbauer erntet Begeisterung beim Deutschlandtag

"Jetzt beginnt die Zeit nach Merkel"

Der neue JU-Chef gilt als Kritiker der Migrationspolitik von Kramp-Karrenbauers Vorgängerin an der CDU-Spitze: Angela Merkel. Die Kanzlerin erwähnt er aber an diesem Nachmittag mit keinem Wort. Auch ansonsten hat man das Gefühl, dass Merkel  - bei den Jungen zumindest - keine große Rolle mehr spielt. Kubans unterlegener Kontrahent Gruhner sagt sogar ganz offen: "Jetzt beginnt die Zeit nach Angela Merkel".

Auch ob die Große Koalition aus Konservativen und Sozialdemokraten bis zur nächsten Bundestagswahl 2021 halten wird, bezweifeln hier nicht wenige. Kuban selbst findet naturgemäß in seiner Kampfrede keine freundlichen Worte für den Koalitionspartner: Die Sozialdemokraten hätten eh schon jeden Zug gegen die Wand gefahren, sagt er. Wenn es darum geht "Europe back on track" zu bringen, könne man also allein auf den "klaren Wertekompass" der Konservativen setzen.

Zur Feier des Tages streift sich Kuban dann auch den neuen Kapuzenpulli der JU über. Darauf zu sehen: Zwölf Sterne im Kreis angeordnet, das Symbol für die Europäische Union. In der Mitte steht: jung, frei, europäisch. Kuban könnte der erste Europapolitiker an der Spitze der Jungen Union werden, er kandidiert mit guten Chancen bei der Europawahl im Mai.

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