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PolitikUkraine

Wider Willen an die Front? Ethnische Ungarn im Ukrainekrieg

Anna Pshemyska | Keno Verseck (beide Transkarpatien)
7. April 2026

Viktor Orban behauptet, ethnische Ungarn in der Ukraine würden im Übermaß rekrutiert. In Absprache mit dem Kreml agiert er als Retter von Kriegsgefangenen. Was stimmt daran? Und was ist Propaganda? Die DW war vor Ort.

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Ein Soldat in Uniform geht durch einen mannshohen, schwach erleuchteten Schützengraben
Ein ukrainischer Soldat im Oktober 2025 an der Front Bild: Oleg Petrasiuk/Ukrainian Armed Forces/REUTERS

Wenn Peter Filipovics Zeit hat an der Front, im Osten der Ukraine, liest er auch Nachrichten aus Ungarn. In diesen Tagen vor allem über die Wahlkampagne von Viktor Orban. Denn darin geht es meistens um sein Heimatland, die Ukraine - um das Land, das er, als ukrainischer Ungar aus Transkarpatien, gerade gegen den russischen Aggressor verteidigt.

Ungarns Premier Orban und Politiker seiner Partei Fidesz sprechen von der Ukraine als "korruptem Mafia- und Terroristenstaat". In ihren Wahlkampfvideos heißt es beispielsweise - ohne Belege -, dass sich der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj von den Euro-Milliarden, die die Ukraine aus Brüssel erhalte, goldene Toiletten bauen ließe.

Vor Kurzem, so erzählt Peter Filipovics in einem Videotelefonat mit der DW, habe er von der Affäre um die Renovierung des Nationalbank-Gebäudes in Budapest gelesen. Davon, wie der ehemalige Chef der ungarischen Nationalbank, György Matolcsy, sich in dem Bankgebäude Toiletten mit goldenen Klopapierhaltern habe bauen lassen. Anders als die Behauptungen über Selenskyj ist diese Geschichte wahr. "Als ich das las", sagt Peter Filipovics, "dachte ich, wenn sie in Ungarn von Korruption in der Ukraine sprechen, dann sollen sie am besten erstmal in den Spiegel blicken."

Collage von vier Bildern, die jeweils einen Soldaten zeigen - Peter Filipovics, ungarischstämmiger ukrainischer Soldat aus Transkarpatien
Soldat Peter Filipovics hat sich freiwillig für den Einsatz gemeldetBild: privat

Peter Filipovics, 42 Jahre, stammt aus der westukrainischen Grenzstadt Tschop (ungarisch: Csap). Derzeit ist er Kommandeur einer Militäreinheit im Osten der Ukraine - wo genau und bei welcher Truppengattung, das darf aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht werden. Er sei als ukrainischer Ungar bei Weitem keine Ausnahme, sagt Filipovics. Es gebe viele wie ihn, die aus Überzeugung an der Front seien und die ungarische Regierungspropaganda als Beleidigung empfänden.

Kooperation mit dem Kreml

Die ukrainischen Ungarn stehen seit Langem im Fokus der Öffentlichkeit. Derzeit leben nach inoffiziellen Schätzungen rund 80.000 ethnische Ungarn in der Ukraine, fast ausschließlich in Transkarpatien im Westen. Die Minderheit macht rund 0,23 Prozent der Bevölkerung in dem 35-Millionen-Einwohner-Land aus. Doch Viktor Orban hat sie zu einem zentralen Thema seiner Außenpolitik und auch seiner Wahlkampagne gemacht.

Er und seine Regierung behaupten seit Jahren, die ukrainischen Ungarn würden unterdrückt. Wehrfähige Männer der ungarischen Minderheit würden besonders brutal und massenhaft "zwangsrekrutiert", manchmal zu Tode gequält. Zugleich organisiert Orbans Regierung in Kooperation mit dem Kreml periodisch die Überstellung von ungarischstämmigen ukrainischen Kriegsgefangenen aus Russland nach Ungarn - ohne ukrainische Behörden zu informieren. Der Kreml stellt das als "humanitäre Geste" dar, die Orban-Regierung als "Rettungsmission".

Was sagen Betroffene in der Ukraine, ukrainische Behörden, Politiker der ungarischen Minderheit und Experten in Transkarpatien zu alldem? Die DW war in Transkarpatien unterwegs und hat die ungarische Propaganda mit der Realität vor Ort verglichen und Stellungnahmen eingeholt.

Werden Ungarn "zwangsrekrutiert"?

Der in Ungarn von der Orban-Regierung und regierungsnahen Medien verwendete Begriff "Zwangsrekrutierung" wird von unabhängigen ungarischen Beobachtern abgelehnt, da Rekrutierung im Kriegszustand immer Zwang beinhalte und der Begriff indirekt auch die Legitimität der ukrainischen Landesverteidigung in Frage stelle.

Zuständig für die Rekrutierung und Mobilisierung sind in der Ukraine die Territorialen Rekrutierungszentren. Ihre Patrouillen sind in der Ukraine unbeliebt, da sie wehrfähige Männer zum Teil direkt von der Straße weg mobilisieren, zum Teil unter Gewaltanwendung. In sozialen Medien kursieren immer wieder Videos von gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Mitarbeitern von Rekrutierungszentren. Manche sind real, andere gefälscht. Es gibt Beobachtungen, dass regierungsnahe ungarische Medien diese gefälschten Videos, oft russischen Ursprungs, verbreiten.

Ein Grab mit einem Bild von einem Soldaten, umgeben von vielen Fahnen
Grab eines gefallenen ungarischstämmigen Soldaten in einem Dorf in Transkarpatien, UkraineBild: Keno Verseck/DW

Allerdings kritisiert der Ombudsmann der Ukraine Dmytro Lubinets, der die Einhaltung der Menschenrechte in der Ukraine überwacht, in einem aktuellen Bericht schwerwiegende Rechtsverletzungen und unhygienische Zustände im Rekrutierungszentrum von Uschhorod, der regionalen Hauptstadt Transkarpatiens. Das System der Rekrutierung müsse insgesamt geändert werden, so Lubinets. Öffentliche Kritik und eine Diskussion um die Reform des Rekrutierungssystems gibt es in der Ukraine seit Langem.

Aus Furcht vor einer Mobilisierung durch eine Kontrolle auf der Straße verlassen derzeit viele wehrfähige Männer in der Ukraine nicht mehr ihre Wohnungen. Auch in Transkarpatien ist das zu bemerken. Vor allem in den Dörfern sind kaum Männer im wehrfähigen Alter auf den Straßen zu sehen. Laszlo Zubanics, der Vorsitzende des Demokratischen Verbandes der Ungarn in der Ukraine (UMDSZ), sagt der DW, es sei ein offenes Geheimnis, dass sich viele Männer zuhause versteckten.

Sind übermäßig viele ukrainische Ungarn an der Front?

Die ukrainischen Streitkräfte führen keine ethnischen Statistiken. Nach übereinstimmenden Schätzungen ungarischer Politiker Transkarpatiens, darunter auch solcher, die Orban nahestehen, dienen derzeit etwa 400 bis 500 ukrainische Ungarn an der Front. Das liegt weit unter dem Anteil der Ukrainer in der zurzeit rund 850.000 Personen starken Armee und wäre verhältnismäßig auch weniger als der Anteil von Ungarn an der Gesamtbevölkerung. 

Mehrere Reihen von Gräbern, auf denen blau-gelbe Ukrainefahnen stehen
Friedhof gefallener Soldaten in der Stadt Uschhorod in der Region TranskarpatienBild: Keno Verseck/DW

Offiziell lehnt das Rekrutierungszentrum im Gebiet Transkarpatien eine Stellungnahme gegenüber der DW ab. Ein Mitarbeiter sagt der DW jedoch unter Zusicherung der Anonymität, dass die Zahl der mobilisierten ukrainischen Ungarn nach seinem Eindruck tatsächlich unterdurchschnittlich sei.

Einer der prominentesten und erfolgreichsten Kommandeure in der ukrainischen Armee, Robert Browdi, Kampfname "Madjar", der Befehlshaber der Drohnenstreitkräfte, ist übrigens ungarischstämmig und stammt aus Transkarpatien. Die ungarische Regierung verhängte gegen ihn im August 2025 ein Einreiseverbot; er sei für Angriffe auf die Druschba-Ölpipeline verantwortlich.

Wieso kommen Kriegsgefangene nach Ungarn?

Zuletzt fand eine Überstellung zweier ungarischstämmiger Kriegsgefangener aus Russland nach Ungarn Anfang März 2026 statt, während eines Besuches des ungarischen Außenministers Peter Szijjarto in Moskau beim russischen Präsidenten Wladimir Putin. Von einem der beiden Gefangenen hatte das ungarische Staatsfernsehen zuvor ein russisches Propagandavideo ausgestrahlt, in dem der verletzte Mann berichtet, dass die ukrainische Armee ihn im Stich gelassen habe. Zugleich dankt er seinen russischen "Befreiern". Szijjarto durfte die beiden Kriegsgefangenen mit Genehmigung Putins in seinem Regierungsflieger mitnehmen und postete Videos davon auf Facebook. Später besuchte Orban die beiden Soldaten in einem ungarischen Krankenhaus und postete ebenfalls Facebook-Videos davon.

Überstellungen von Kriegsgefangenen an Drittstaaten ohne Einbeziehung des Ursprungsstaates sind völkerrechtswidrig. Ukrainische Kriegsgefangene werden laut Berichten der Vereinten Nationen und diverser Menschenrechtsorganisationen in Russland unter Missachtung des Genfer Kriegsgefangenen-Abkommens behandelt und fast ausnahmslos schwer gefoltert. Daher spielen Aktionen wie die der Orban-Regierung der russischen Propaganda in die Hände.

Die ukrainische Aktivistin Vlasta Repasi aus der Stadt Uschhorod, die sich in Transkarpatien seit Jahren um ehemalige Kriegsgefangene kümmert, sagt der DW, es sei wichtig, die Kriegsgefangenen "nicht zu verurteilen oder gar als Verräter zu sehen", wenn sie in Propagandavideos negativ über die Ukraine sprächen. "Ihre Aussagen sind in Russland und wahrscheinlich auch in Ungarn unter Druck zustande gekommen. Wir wissen nicht, was sie durchmachen mussten", so Repasi.

Ein Mann in einem weißen Pullover sitzt auf einer Bank im Grünen
Soldat Oleksij Tschorpita war knapp drei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Er berichtet, dass ihm eine Entlassung nach Ungarn angeboten worden sei - im Gegenzug für eine schlechte Darstellung der UkraineBild: Keno Verseck/DW

Der ehemalige Kriegsgefangene Oleksij Tschorpita, 23, der aus Tschop stammt und im Mai 2022 in russische Kriegsgefangenschaft geriet, berichtet der DW, ihm sei in Russland 2023 vorgeschlagen worden, nach Ungarn überstellt zu werden. "Ich sollte dafür in einem Video negative Aussagen über die Ukraine machen und die ukrainische Armee auffordern, die Waffen niederzulegen. Ich habe das abgelehnt", erzählt Tschorpita. Er bezahlte dafür mit weiteren anderthalb Jahren Gefangenschaft, ehe er im April 2025 ausgetauscht wurde. Derzeit ist er in der Stadt Mukatschewo (ungarisch: Munkacs) in medizinischer und psychologischer Behandlung, unter anderem wegen der Folgen von Folter.

Kampf gegen russische Besatzer

Peter Filipovics kämpfte schon 2014 als freiwilliger Soldat der ukrainischen Streitkräfte, als Russland seinen Krieg im Osten der Ukraine begann. Später arbeitete er mehrere Jahre im Ausland, zuletzt Anfang 2021/22 in der Tschechischen Republik, als Lackierer in einer Möbelfabrik. Ende Februar 2022, wenige Tage nach dem Beginn des vollumfänglichen russischen Krieges gegen die Ukraine, kehrte er in seine Heimat zurück und meldete sich als Freiwilliger. Seit März 2022 ist er ununterbrochen an der Front im Einsatz. Mehrmals wurde er verletzt, er hat mehrere Auszeichnungen erhalten.

Sei Traum sei es, erzählt Filipovics, nach Kriegsende nach Tschop zurückzukehren. In einem Dorf in der Nähe des Grenzstädtchens leben auch seine Eltern. Aus der Ukraine weggehen würde er nicht. Schon gar nicht in ein Orban-Ungarn - vor allem, weil es ihm zu prorussisch sei. "Ich möchte kein Land wie Russland und keine russischen Besatzer als Nachbarn haben", sagt er. "Deshalb bin ich hier an der Front und dafür kämpfe ich."

Porträt eines lächelnden Mannes mit Brille und blonden Locken
Keno Verseck Redakteur, Autor, Reporter