Wer ist die Hamas und wer unterstützt sie? | Nahost | DW | 15.05.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Nahostkonflikt

Wer ist die Hamas und wer unterstützt sie?

Seit 2007 beherrscht die Organisation den Gazastreifen und initiiert von dort immer neue Angriffe auf Israel. Das geht nur mit ausländischer Unterstützung und massenhaft Waffen.

Gazastreifen Hamas Militärparade

Betende Kämpfer: So initiierte sich die Hamas bei einer Parade 2019

"Radikal-islamisch" - dieses Stichwort fällt in einigen deutschen Medien immer wieder im Zusammenhang mit der Hamas, die im Gazastreifen seit 2007 politisch an der Macht ist. Im Zuge der jüngsten Eskalation hat sich diese Zuschreibung gewandelt: Inzwischen ist auch häufiger von einer islamistischen Terrororganisation die Rede. Auch die meisten westlichen Staaten kommen zu einer ähnlichen Bewertung.

Ausnahmen sind Norwegen und die Schweiz, die mit Verweis auf ihre Neutralität auch Kontakte zur Hamas unterhalten. Andere Länder gehen in ihrer Unterstützung noch viel weiter.

Wie kam die Hamas zu ihrer heutigen Stellung?

Die Hamas wurde in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre gegründet und stand schon damals in Opposition zur PLO, der Palästinensischen Befreiungsorganisation von Jassir Arafat. Umstritten ist, ob sie in ihren Anfangstagen sogar mit Geld von der israelischen Regierung als Gegengewicht aufgebaut wurde - ein Szenario, das heute alle Seiten vehement von sich weisen. Anders als die PLO spricht die Hamas Israel das Existenzrecht ab; das Hamas-Emblem zeigt den Jerusalemer Felsendom und zwischen palästinensischen Fahnen den Umriss eines ungeteilten Palästinenserstaates, der auch das israelische Staatsgebiet mit einschließt.

USA Washington | Bill Clinton steht zwischen Yasser Arafat und Yitzahk Rabin

Yitzhak Rabin, Bill Clinton, Jassir Arafat: Die Hamas erkannte den Friedensschluss von Oslo nicht an

Arafat schloss 1993 im Rahmen des Osloer Prozesses Frieden mit Israel und beendete damit die Erste Intifada. Die Hamas erkannte diesen historischen Schritt nicht an und verübte weiter Anschläge auf israelischem Gebiet. 2006 holte die Hamas dann bei Wahlen im Gazastreifen die absolute Mehrheit, die sie ein Jahr darauf mit einer putschartigen Aktion festigte. Im Westjordanland herrscht die gemäßigte Fatah-Partei unter Mahmud Abbas, weshalb die palästinensischen Gebiete nicht nur geografisch, sondern auch politisch entzweit sind.

Von Gaza aus führte die Hamas ihre als "Selbstverteidigung" deklarierten Angriffe auf Israel weiter und leistete sich drei heftige Schlagabtausche mit der israelischen Armee: 2008/09, 2012 und 2014.

Wer unterstützt die Hamas?

Der Gazastreifen ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt und mit den befestigten Grenzen zu Israel und Ägypten im Süden und Osten sowie dem Mittelmeer im Westen wirtschaftlich weitgehend isoliert. Große Teile der Bevölkerung leben in bitterer Armut und sind auf humanitäre Hilfe angewiesen - die auf Druck des damaligen US-Präsident Donald Trump jedoch stark zurückgefahren wurde.

Wenn die Hamas angreift, dient ihr die Bevölkerung als menschlicher Schutzschild. So werden die Raketen häufig aus Wohngebieten abgefeuert oder Kommandozentralen in Wohnhäusern eingerichtet. Die Hamas gräbt immer wieder Schmuggeltunnel zum Waffentransport, vor allem in Richtung Ägypten. Allerdings hat die dortige Regierung kein Interesse daran, dies zuzulassen.

Sheikh Hamad bin Khalifa al-Thani in Gaza

Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani auf Besuch in Gaza 2012, rechts im Bild winkt der Hamas-Premier Ismail Hanijeh

Einer der wichtigsten Geldgeber und ausländischen Verbündeten für die Hamas ist Katar. Der Emir besuchte 2012 als erstes Staatsoberhaupt überhaupt die Hamas-Führung in Gaza. Der kleine Golfstaat hat bislang mehr als 1,5 Milliarden Euro überwiesen. Allerdings hofft Israel, dass Katar wie mehrere andere arabische Staaten dem von Trump initiierten "Abraham-Accord" beitritt und diplomatische Beziehungen zu Israel aufnimmt.

Ein weiterer wichtiger Verbündeter der Hamas ist die Türkei. Noch unmittelbar vor der jüngsten Raketenangriffen der Hamas hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan dem politischen Kopf der Hamas, Ismail Hanijeh, im Gespräch seine Unterstützung zugesagt.

Hinzu kommen eine Reihe nichtstaatlicher Initiativen und Vereine, so auch aus Deutschland. Laut dem Magazin "Der Spiegel" gehen die hier von Hamas-nahen Vereinen gesammelten Spenden in die Millionen.

Bildergalerie Nahost Konflikt

Die Hamas feuerte binnen weniger Tage mindestens 1800 Raketen aus Gaza ab

Woher kommen die Raketen?

Der Raketenbeschuss, den die Hamas seit Montag auf Israel richtet, übersteigt die vorherigen Höhepunkte der Eskalation allein schon zahlenmäßig: Am Dienstag gab die Hamas an, binnen weniger Minuten 130 Raketen abgefeuert zu haben. Mit dieser Menge gelangt sogar das israelische Luftabwehrsystem "Iron Dome" an seine Grenzen. Bis Freitag zählte die israelische Armee mehr als 1800 von Gaza abgefeuerte Geschosse. Dabei ist jede Abwehrrakete der "Eisenkuppel" um einiges wendiger, präziser und sicher auch teurer als die der Angreifer.

Die Hamas-Geschosse kamen lange Zeit vor allem aus dem Iran. Der auf Raketen im Nahen Osten spezialisierte Analyst Fabian Hinz sagte dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ZDF: "Es war bekannt, dass verschiedene Gruppierungen ihr Raketenarsenal massiv ausgebaut haben. Und auch, dass die Zahl der ihnen zu Verfügung stehenden Raketen in den Tausendern liegt, wurde von israelischen Quellen mehrfach bestätigt." So zitierte die "Jerusalem Post" in dieser Woche Geheimdienstquellen, wonach die Größe des Hamas-Arsenals bis zu 6000 Raketen umfasse. Dazu kämen bis zu 8000 weitere Raketen im Besitz der Gruppe Islamischer Dschihad, die teilweise mit der Hamas kooperiert.

Hinz zufolge waren die iranischen Raketen lange über den Sudan und schließlich von ägyptischer Seite aus in den Gazastreifen hineingeschmuggelt worden. Das geht jedoch nicht mehr so leicht, seitdem der sudanesische Diktator Omar al-Baschir 2019 von der Macht entfernt wurde. Inzwischen soll die Hamas den Großteil ihrer Raketen - teils mit ausländischer Hilfe - vor Ort im Gazastreifen selbst herstellen.