Wem gehören die Kunstwerke? | Deutschland | DW | 26.11.2018
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Raubkunst

Wem gehören die Kunstwerke?

Deutschland mauert noch immer bei der Rückgabe von NS-Raubkunst, so der Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Aber auch afrikanische Länder beanspruchen Restitution.

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NS-Raubkunst – deutsche Kulturpolitik unter Druck

Pablo Picassos "sitzender Akt, sich den Fuß trocknend", heute im Berliner Museum Berggruen zu bewundern, war Raubkunst und wurde nach dem Krieg restituiert. Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg bereitet die Rückgabe eines afghanischen Wandpaneels vor, es gilt ebenfalls als Raubkunst. Das Gemälde "Seesturm" des Malers Hermanus Koekoek aus der Sammlung des verfolgten jüdischen Kunstsammlers Max Stern wurde vor wenigen Tagen, kurz vor dem Verkauf in Düsseldorf, zurückgegeben.

Drei Beispiele für Restitutionen, zwei davon betreffen die Enteignungen durch die Nazis. Doch für Ronald Lauder, den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, tut sich Deutschland immer noch schwer mit der Rückgabe geraubter Kunstwerke. Er will an diesem Montag in Berlin auf einem Fachkongress zum 20. Jahrestag der Washingtoner Prinzipien sprechen. 1998 hatten sich die 44 Unterzeichnerländer verpflichtet, Raubkunst aus öffentlichen Museen aufzuspüren und Lösungen für die Erben der NS-Opfer zu finden. Für Kunst in Privatbesitz gilt die Selbstverpflichtung allerdings nicht. Deutschland habe in diesen 20 Jahren "viel zu wenig getan", sagte Lauder der "Welt am Sonntag".

Hamburg: Raubkunst? Das Marmorpaneel aus Ghazni im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG/J. Hiltmann)

Das Wandpaneel aus Afghanistan im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe soll zurückgegeben werden

Hartmut Ebbing, der kulturpolitische Sprecher der FDP, stimmt Lauder "voll zu", das Thema Restitution werde nach wie vor in Deutschland "stiefmütterlich" behandelt, so Ebbing im Gespräch mit der Deutschen Welle. Als Land des Holocaust habe Deutschland hier eine "moralische Verpflichtung".

Vorbild Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Doch es tut sich was. Der Herkunft von Gemälden gilt jetzt in Berlin sogar eine Ausstellung. In "Biografien der Bilder. Provenienzen im Museum Berggruen. Picasso - Klee - Braque – Matisse" wird gezeigt, welche teils verschlungenen und manchmal kriminellen Wege die gezeigten Bilder hinter sich haben. Von 2015 bis 2018 untersuchten Experten 135 Werke aus der früheren Privatsammlung des jüdischen Kunstsammlers Heinz Berggruen, die vor 1945 entstanden und sich heute im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befinden, auf mögliche NS-Raubkunst.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung, glaubt, dass sein Haus sehr gründlich gearbeitet hat. Die Stiftung habe ihre Bestände systematisch auf ihre Herkunft geprüft und in den letzten Jahren über 350 Bilder restituiert. Lange hätten öffentliche Museen nur auf Nachfrage möglicher Erben in Einzelfällen reagiert, statt von sich aus aktiv zu werden. Parzinger habe sich von einem einfachen Gedanken leiten lassen, erklärte er der Deutschen Welle: "Letztlich sind alle Kulturgüter, die sich in öffentlichen Einrichtungen befinden und dort nach 1933 Eingang gefunden haben, per se verdächtig. Und es liegt an uns, die Rechtmäßigkeit des Erwerbs darzulegen, wenn die Vorbesitzer jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen waren."

Museum Berggruen erster Picasso-Raum, 2013 (Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Museum Berggruen / hc-krass.de)

Museum Berggruen: Der Herkunft der Kunst auf der Spur

Digitales Museum gefordert

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mag bei der Provenienzforschung vorbildlich sein. Ronald Lauder vom Jüdischen Weltkongress wirft deutschen Museen insgesamt aber vor, sie sperrten sich gegen digitale Listen ihrer Bestände und verhinderten so mögliche Rückgaben. Hartmut Ebbing fordert, öffentliche Museen müssten "die Kunstgegenstände, die in den Depots sind, die wir noch gar nicht kennen, registrieren, archivieren und digitalisieren, um den potentiellen Restitutionsberechtigten eine Möglichkeit zu geben, zu wissen, ob ein Gemälde in einem Museum ist." Die Bundesregierung tut seiner Meinung nach zu wenig und versteckt sich auch hinter finanziellen Argumenten. Diese Mittel müssten vom Staat bereitgestellt werden, "damit die Ausrede nicht mehr kommen kann: 'Wir haben kein Geld, wir haben kein Personal'".

Die bestehende Limbach-Kommission, die zu Fragen der Restitution von Raubkunst angerufen werden kann, hält Ebbing für nicht ausreichend. Denn sie werde nur tätig, wenn beide Seiten aktiv würden. Oft heiße es von Museen, es handele sich nicht um Raubkunst, "und damit wird das Verfahren gar nicht eingeleitet". Wichtig sei, dass bereits eine der beiden Seiten die Kommission anrufen könne. Lauder begrüßt, dass Kultur-Staatsministerin Monika Grütters die Limbach-Kommission bereits ein zweites Mal reformieren will. Diesmal müssten alle strittigen Fragen gelöst werden.

Hermann Parzinger (picture-alliance/dpa/T. Brakemeier)

Parzinger: "Wir wollen keine gestohlenen Dinge"

Hermann Parzinger gibt zu, es schmerze natürlich jedes Museum, einen Kunstgegenstand zu verlieren, aber: "Wir wollen keine gestohlenen Dinge in unseren Sammlungen, so weh es bei einem bedeutenden Werk tut." Oft gelinge es auch bei Rückgaben, "uns mit den Erben zu einigen, dass es als Dauerleihgabe bei uns bleibt oder dass wir es zurückerwerben können". 

Afrikanische Raubkunst

Bei NS-Raubkunst ist immerhin schon länger eine Diskussion im Gang, wie die Washingtoner Prinzipien zeigen. Ganz am Anfang steht man in Deutschland und Europa dagegen bei Kunst, die aus europäischen Kolonien in Afrika und Asien nach Europa kamen. Heute fordern viele der ehemaligen Kolonien die Kunstgegenstände zurück. In Frankreich setzt sich kein Geringerer als Präsident Emmanuel Macron dafür ein. In seinem Land ist das hochumstritten - und er hat damit auch Deutschland unter Zugzwang gesetzt.

In Deutschland sind es gleich zwei Anlässe im kommenden Jahr, die das Thema dann besonders auf die Tagesordnung setzen werden. 1919, vor genau 100 Jahren, verlor Deutschland im Zuge des Versailler Vertrages seine Kolonien in Afrika, Asien und dem Pazifik. Und 2019 soll auch das neue Humboldt-Forum seine Pforten öffnen und unter anderem wertvolle Kulturobjekte aus verschiedenen Erdteilen ausstellen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat gesagt, die deutsche Kolonialzeit sei viel zu lange "ein fast blinder Fleck" in der deutschen Erinnerungskultur gewesen.

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