Was tun gegen lokale Corona-Ausbrüche? | Europa | DW | 22.06.2020
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Kampf gegen COVID-19

Was tun gegen lokale Corona-Ausbrüche?

Deutschland und seine Nachbarn lockern Corona-Maßnahmen, gleichzeitig kommt es in vielen Teilen des Kontinents zu lokalen Ausbrüchen. Wie alarmierend sind solche Cluster? Experten geben Entwarnung - jedoch nur teilweise.

Coronavirus Göttingen gesperrter Wohnkomplex (picture-alliance/dpa/S. Rampfel)

In Göttingen wurde ein ganzer Gebäudekomplex wegen der Corona-Pandemie abgeriegelt

Wenn die "New York Times" in den vergangenen Jahren mal über Gütersloh berichtet hat, dann ging es eigentlich immer um Bertelsmann. Eines der weltweit größten Medienunternehmen hat in der Stadt mit 100.000 Einwohnern seinen Sitz, unterhält aber auch in New York eine Zentrale. Doch angesichts des massiven Corona-Ausbruchs beim Fleischverarbeiter Tönnies im gleichnamigen Kreis ist Gütersloh in den vergangenen Tagen auch international wieder in die Schlagzeilen geraten.

Von den rund 7000 getesteten Mitarbeitern des Schlachtbetriebes sind bisher mehr als 1550 positiv auf das Coronavirus getestet worden. Alle Mitarbeiter wurden unter Quarantäne gestellt, Nordrhein-Westfalens Landesregierung hat mittlerweile einen Lockdown für den gesamten Kreis verfügt. Auch in anderen Teilen Deutschlands gab es größere Corona-Herde: Im Berliner Stadtteil Neukölln stehen nach einem Ausbruch 370 Haushalte unter Quarantäne, bisher sind knapp 100 Bewohner positiv getestet worden. In Göttingen wurde ein Hochhauskomplex abgeriegelt, rund 120 Menschen aus dem Haus sind infiziert. Schlagzeilen machten auch größere Ausbrüche nach Gottesdiensten. 

Coronavirus - Verl - Ausbruch bei Tönnies (picture-alliance/dpa/D. Inderlied)

Corona-Ausbruch bei Tönnies: Bundeswehrsoldaten begeben sich zu Wohnhäusern, um weitere Menschen zu testen

Lokale Ausbrüche in großen Teilen Europas und in Israel 

Solche lokalen Häufungspunkte von Infektionen, auch "Cluster" genannt, gibt es nicht nur in Deutschland. Während fast alle Länder in Europa ihre Maßnahmen lockern, kommt es in vielen Teilen des Kontinentes zu solchen Cluster-Ereignissen, meist innerhalb von Familien, in Betrieben oder Gastronomien. In Wales sind in einer Geflügelfabrik in Anglesey bis zum Wochenende 158 Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Auch hier wird über einen örtlichen Lockdown beraten, in Fabriken in Yorkshire und Wrexham wurden ebenfalls etliche Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. "Wenn wir innerhalb der Gesellschaft beginnen, die Maßnahmen zu lockern, dann werden solche Cluster-Ausbrüche passieren und wir erwarten das auch", hieß es seitens der Gesundheitsbehörde in Wales. 

In einem österreichischen Pflegeheim in Liesing starben in den ersten beiden Juni-Wochen sechs Bewohner mit zum Teil schweren Vorerkrankungen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion. Im Mai waren in Post-Paketzentren in Wien und Niederösterreich mehr als 70 Mitarbeiter positiv getestet worden, so dass das Bundesheer anrücken musste. Und nach einem Treffen von Mitgliedern des Rotary Clubs in der Salzburger Altstadt vor gut einer Woche sind bislang 14 Teilnehmer positiv auf das Coronavirus getestet worden - Hunderte Kontaktpersonen wurden und werden ermittelt und getestet.

Israel Coronavirus | Corona-Wassertests in Ashkelon (Getty Images/AFP/M. Kahana)

Corona-Wassertests in Ashkelon, Israel: Das Land fürchtet eine zweite Welle

In Israel verordnete die Regierung bereits in einer frühen Phase der Pandemie einen flächendeckenden Lockdown, setzte sogar den Inlandsgeheimdienst ein, um das Virus zu bekämpfen. Mit Erfolg: Die Fallzahlen blieben vergleichsweise niedrig, Mitte Mai wurden viele Regelungen dann abrupt gelockert. Doch nun fürchtet das Land angesichts von 300 Neuinfektionen pro Tag eine zweite Welle. Vor allem an Schulen sind die Infektionszahlen wieder deutlich angestiegen - rund 200 der 500 Schulen im Land sind wieder dicht.

Cluster ist nicht gleich Cluster 

Peter Klimek forscht an der Medizinischen Universität Wien am Complexity Science HUB und ist Teil eines Teams von Wissenschaftlern, das die österreichische Regierung im Zuge der Corona-Pandemie berät. Er sagt: Bei plötzlich gehäuft auftretenden Infektionszahlen komme es auf die Art der Cluster an. "Wenn das kleinere Gruppen sind, dann ist das nicht besorgniserregend, weil ich die Kontakte dann nachverfolgen kann." Anders sei das, wenn etwa im Nachgang einer Großveranstaltung gehäuft Infektionen aufträten. "Wenn jetzt bei einer Großveranstaltung ein Cluster auftritt, wird die Aufarbeitung und Rückverfolgung eines Clusters natürlich deutlich schwieriger", so der Experte.

Es mache einen Unterscheid, ob die Fälle aus einem einzigen Cluster kommen, wo die Infektionsketten nachvollzogen werden können, sagt Klimek. "Oder ob es 50 Fälle sind, die alle unabhängig voneinander in anderen Teilen des Landes wegen Symptomen zum Arzt gegangen sind." Wenn innerhalb kurzer Zeit mehrere schwer zurückzuverfolgende Cluster auftreten würden, dann könne dies schon ausreichen, um ein ganzes Land in den Lockdown zu führen.

Konzentration auf die vier Ts

Die wichtigsten Maßnahmen bei solchen lokalen Ausbrüchen seien die vier Ts, sagt Klimek: Tracking, Tracing, Testing und Treatment. Kontakte von Infizierte müssten schnell nachverfolgt werden, Infizierte isoliert und behandelt und das Umfeld der Betroffenen getestet werden. Wenn das gut funktioniere, könnten lokale Ausbrüche gut unter Kontrolle gehalten werden, so der Experte.

Video ansehen 04:05

Kann eine Tracing-App funktionieren?

Doch nicht immer scheinen die vier Ts auszureichen, wenn man sich das Infektionsgeschehen in Europa und Israel ansieht. In Bulgarien führt die Regierung die Maskenpflicht wieder ein: Ab dem 23. Juni muss in Shoppingmalls, Läden, Kinos und Theatern wieder ein Nasen-Mundschutz getragen werden, nachdem die Maskenpflicht Mitte Juni aufgehoben worden war. Doch steigende Infektionszahlen in den vergangenen Tagen haben die Regierung zu dem Schritt veranlasst.

Israel: Shutdown könnte zurückkommen

Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat die Bevölkerung angesichts der steigenden Infektionszahlen ermahnt. "Wenn wir nicht sofort unser Verhalten hinsichtlich Masken und Abstandhalten ändern, werden wir - gegen unseren Willen - die Shutdowns zurückbringen, sagte er. Einzelne Viertel im Tel Aviver Stadtteil Jaffa wurden bereits abgeriegelt, ebenso wie zwei Beduinen-Kommunen im Süden des Landes.

In Luxemburg versucht die Regierung dagegen mit flächendeckenden Tests der gesamten Bevölkerung eine zweite Corona-Welle zu verhindern. Dafür wurden die 600.000 Bewohner des Landes sowie 300.000 Grenzgänger in Gruppen unterteilt, die dann abwechselnd und regelmäßig getestet werden sollen - um neue Infektionsketten sofort identifizieren und unterbrechen zu können.

"Gibt keine Eier legende Wollmilchsau"

Welche zusätzlich zu den vier Ts geltenden Maßnahmen einen erneuten Ausbruch am Ende verhindern oder bestehende Ausbrüche schnell eindämmen, sei von Land zu Land unterschiedlich, sagt Forscher Peter Klimek. "Es gibt nicht die Eier legende Wollmilchsau an Maßnahmen, mit der man alleine sicher dadurch kommen wird. Ganz im Gegenteil: Das ist ein Mix an Maßnahmen."

Coronavirus Schutzwirkung von Masken (picture-alliance/dpa/H. Schmidt)

Maßnahmen wie Masken sollten nach Experteneinschätzung frühzeitig eingesetzt werden

Wichtig für jeden Maßnahmen-Mix seien die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregelungen und die Einschränkung von Kontakten. Auch bei den Schul- und Gastronomie-Schließungen könne man im Nachhinein sehen, dass sie einen klaren Effekt gehabt hätten. Dazu zählten auch Gesichtsmasken. Je früher die Maßnahmen bei kommenden Ausbrüchen eingesetzt würden, desto effektiver seien sie, so der Forscher.

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