Warum sterben mehr Männer an COVID-19? | Wissen & Umwelt | DW | 24.06.2020
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Coronavirus

Warum sterben mehr Männer an COVID-19?

Männer, Frauen und Kinder infizieren sich gleich häufig mit dem neuen Coronavirus. Aber Männer erkranken oft schwerer an COVID-19 und sterben häufiger daran. Frauen und Kinder sind dagegen weniger gefährdet.

Seit Beginn der Pandemie gibt es Vermutungen, weshalb Männer unter der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus stärker leiden: Männer achten weniger auf ihre Gesundheit, rauchen häufiger, ernähren sich schlechter. Gerade die ältere Generation hätte einen ungesunden Lebensstil. Außerdem gingen Männer generell später zum Arzt, so die Vermutungen. 

Daten der Forschungsinitiative Global Health 50/50 aus mehr als 20 Ländern bestätigen, dass sich Frauen zwar ähnlich häufig wie Männer infizieren. Aber Männer erkranken oft schwerer an COVID-19 und sterben eher an der Infektion. Bei den Sterberaten liegt die Verteilung etwa bei einem Drittel zu zwei Dritteln.

Sicherlich liegt dies auch an den Vorerkrankungen. Männer leiden beispielsweise viel öfter an Herzkreislauferkrankungen, an denen sie ebenfalls häufiger sterben als Frauen.

Entscheidend ist zudem die Altersstruktur: Laut Robert Koch-Institut (RKI) starben quer durch alle Altersgruppen bis zu den 70- bis 79-Jährigen jeweils mindestens doppelt so viele Männer wie Frauen. Erst danach gleicht sich das Verhältnis zunächst an und kehrt sich ab der Altersgruppe der 90- bis 99-Jährigen erneut um.

Vermutlich liegt das aber vor allem daran, dass es deutlich mehr hochbetagte Frauen als Männer gibt. Die Gründe für diesen Geschlechterunterschied kann auch das RKI nicht benennen.

ACE2-Rezeptor als Haupteinfallstor?

Eine wichtige Rolle könnte der ACE2-Rezeptor spielen, denn der dient bei den durch Coronaviren ausgelösten Krankheiten COVID-19, SARS und MERS als eine Art Einfallstor. Auch bei MERS seien Männer stärker betroffen gewesen, sagt Bernhard Zwißler, Direktor der Klinik für Anästhesiologie am LMU Klinikum.

Illustration 2019 Novel Coronavirus Sars-CoV-2 (imago/Science Photo Library)

Coronaviren nutzen ACE2-Rezeptor als eine Art Einfallstor in die Wirtszelle

Laut einer Studie vom University Medical Center Groningen kommt dieser ACE2-Rezeptor bei Männern in einer höheren Konzentration vor. Diesen Geschlechterunterschied entdeckten die Forschenden bei der Untersuchung eines möglichen Zusammenhangs zwischen dem ACE2-Rezeptor und chronischer Herzinsuffizienz.

Laut Bernhard Zwißler wird gerade untersucht, ob die Gabe von ACE-Hemmern als Blutdrucksenker dazu führt, dass Zellen vermehrt den ACE2-Rezeptor bilden und dadurch anfälliger für eine Infektion sind. Denkbar sei das durchaus, bewiesen aber ist noch nichts.

Schützen Östrogen und ein stärkeres Immunsystem die Frauen?

Im Vergleich ist das weibliche Immunsystem widerstandsfähiger als das der Männer. Verantwortlich ist vor allem das weibliche Geschlechtshormon Östrogen, das das Immunsystem anregt und so schneller und massiver gegen Krankheitserreger vorgeht. Das männliche Testosteron dagegen hemmt die körpereigene Abwehr.

Mann beim Niesen (picture-alliance/dpa/PA/Jordan)

Mann, in die Ellenbeuge nießen! Enthalten Witzeleien über den "Männer-Schnupfen" einen wahren Kern?

Dass das Immunsystem von Frauen auf Virus-Infektionen grundsätzlich schneller und stärker reagiert als das von Männern, zeigt sich laut Virologen auch bei anderen Virus-Erkrankungen, etwa bei der Grippe oder auch bei einfachen Erkältungen. 

Demnach scheinen sogar die Witzeleien über den "Männer-Schnupfen" einen wahren Kern zu enthalten.

Dafür erleiden Frauen häufiger Auto-Immunerkrankungen, bei denen das Immunsystem überreagiert und die eigenen Zellen angreift - eine mögliche Komplikation auch bei COVID-19.

Zudem gibt es "genetische Gründe", die Frauen bevorteilen, so der molekulare Virologe Thomas Pietschmann gegenüber der DW. Grund sei, dass "einige immunrelevante Gene, beispielsweise Gene, die dafür verantwortlich sind, Erreger zu erkennen, auf dem X-Chromosom kodiert werden". Weil Frauen zwei X-Chromosomen besitzen und Männer nur eines, genießen Frauen hier Vorzüge. 

Sonderfall Indien

Überraschenderweise zeigen Forschungen aus Indien, dass dort Frauen ein höheres Risiko haben, an COVID-19 zu sterben als Männer. Demnach liegt die Sterblichkeitsrate bei infizierten Frauen insgesamt bei 3,3 Prozent, bei infizierten Männern dagegen bei 2,9 Prozent. In der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen seien 3,2 Prozent der infizierten Frauen gestorben, im Vergleich zu 2,1 Prozent der Männer. In der Altersgruppe der 5- bis 19-Jährigen starben ausschließlich Frauen.

Indien I Coronavirus (picture-alliance/H. Bhatt)

Wird der Gesundheit von Frauen in Indien im Vergleich weniger Aufmerksamkeit geschenkt?

Die Gründe für diesen indischen Sonderfall werden derzeit intensiv erforscht. Vermutet wird, dass Frauen unter anderem deshalb stärker betroffen sind, weil es in Indien einfach mehr ältere Frauen als Männer gibt.

Außerdem werde der Gesundheit von Frauen im Vergleich weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Frauen gingen dementsprechend auch seltener zum Arzt und versuchten es oftmals zunächst mit einer Selbstmedikation. Erst vergleichsweise spät ließen sie sich testen oder behandeln.

"Wie viel auf biologische Faktoren zurückzuführen ist und wie viel mit sozialen Faktoren zusammenhängt, ist unklar. Das Geschlecht kann im indischen Umfeld ein kritischer Faktor sein", so SV Subramanian, Professor für Bevölkerungsgesundheit an der Harvard-Universität, gegenüber der BBC.

Bereits an der Spanischen Grippe 1918 starben in Indien deutlich mehr Frauen als Männer. Frauen waren anfälliger für die Infektion, weil viele von ihnen unterernährt waren, weil sie zudem oftmals in unhygienischen und schlecht belüfteten Wohnungen eingesperrt waren und weil sich Frauen viel häufiger als Männer um die Pflege der Erkrankten kümmerten.

Warum sind Kinder weniger gefährdet?

Beim neuartigen Coronavirus zählen Kinder überraschenderweise nicht zu den Schwächsten der Gesellschaft - bei den meisten Kindern verläuft die Erkrankung vergleichsweise milde und oftmals sogar symptomfrei. Von den in Deutschland seit Beginn der Pandemie an COVID-19 gestorbenen 8882 Menschen, waren nur drei unter 18 Jahre alt.

Woran das liegt, ist noch nicht abschließend geklärt. Mediziner nehmen an, dass bei Kleinkindern das bereits angeborene "unspezifische System" wirkt. Als Schutz vor den ersten Krankheitserregern übergibt die Mutter schon dem Fötus und später dem Neugeborenen über die Muttermilch ihren eigenen spezifischen Immunschutz.

Pakistan Baby in einem öffentlichen Park in Lahore (picture-alliance/dpa/G. Büttner)

Mediziner nehmen an, dass bei Kleinkindern das bereits angeborene "unspezifische System" wirkt

Zu dieser angeborenen Immunabwehr gehören beispielsweise Fress- und Killerzellen - das sind weiße Blutkörperchen, die alle Krankheitserreger angreifen, die über die Schleimhäute oder die Haut in den Körper eindringen.

Diese "passive Immunisierung" reicht gewöhnlich, bis Kinder ihr eigenes Abwehrsystem aufgebaut haben. Bis etwa zum zehnten Lebensjahr entwickeln Kinder ihre spezifische Immunabwehr. Und auch danach bleibt ihr Abwehrsystem das ganze Leben lang lernfähig, wenn neue Krankheitserreger auftauchen.

Kinder sind keine "Infektionstreiber"

Die Altersverteilung bei COVID-19 unterscheidet sich jedenfalls deutlich von anderen Infektionskrankheiten, bei denen Kinder häufig als "Infektionstreiber" gelten, weil sie einen Virus schnell in der ganzen Bevölkerung verbreiten.

Dies sei bei dem neuartigen Coronavirus nicht der Fall, hat eine vielbeachtete Studie ergeben, die von der Landesregierung von Baden-Württemberg in Auftrag gegeben worden war. Sie dient jetzt als Grundlage für eine möglichst schnelle und umfassende Rückkehr zum Regelbetrieb bei den Kitas und Schulen, wenn Hygienestandards und Abstandsregeln eingehalten werden.

Frankreich | Gesichts-Visier als Schutz vor dem Coronavirus (Getty Images/AFP/D. Meyer)

Kitas und Schulen können öffnen: Kinder sind offenbar keine "Infektions-Treiber" bei COVID-19

Ungeklärt bleibt aber weiterhin, ob infizierte Kinder genauso ansteckend sind wie infizierte Erwachsene. In einer ebenfalls viel diskutierten Studie hatte der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin gezeigt, dass Kinder genauso viele Viren im Rachen aufweisen wie Erwachsene. Zu diesem Ergebnis kamen auch andere, internationale Studien.

Allerdings ist die reine Anwesenheit von Viren in den Atemwegen noch kein Nachweis, dass diese Viren auch genauso stark weitergegeben werden. Da Kinder seltener Symptome haben, also beispielsweise weniger husten, könnte es sein, dass sie zwar infiziert sind, aber weniger Menschen anstecken, hatten Kinderärzte und Fachärzte für Hygiene in einer Stellungnahme von vier Fachgesellschaften erklärt.

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