Warum in Dänemark die Corona-Einschränkungen fallen - trotz Rekord-Inzidenzen | Europa | DW | 01.02.2022
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Corona-Pandemie

Warum in Dänemark die Corona-Einschränkungen fallen - trotz Rekord-Inzidenzen

Eine Inzidenz von mehr als 5200 - und trotzdem dürfen die Dänen seit Dienstag wieder in Diskos oder auf Großveranstaltungen. Auch die Maskenpflicht ist passé. Wie passt das zusammen?

Junger Mann mit Maske unter dem Kinn lächelt eine Frau an

Die Maske darf ab: In Dänemark gelten ab Dienstag kaum noch Corona-Einschränkungen.

Seit zwei Jahren steckt die Welt nun schon in der Corona-Pandemie. Im vergangenen Winter waren die Verhältnisse noch klar: Je höher die Inzidenzzahlen, desto besorgter die Gesichter der Gesundheitsexperten und Politiker, und desto strenger die Einschränkungen.

Aber spätestens seitdem die hochansteckende Omikron-Variante um sich greift, hat sich das geändert. Inzidenzen in den Tausenden führen nicht mehr zu Lockdowns, die früher schon galten, wenn die Hunderter-Marke überschritten wurde. Ein wichtiger Unterschied zum vergangenen Winter ist, dass heute Millionen von Menschen gegen das Coronavirus geimpft sind.

Trotzdem klingen Nachrichten wie die, die nun aus Dänemark kommen, immer noch überraschend: Zum 1. Februar hat das nordeuropäische Land fast alle Corona-Einschränkungen abgeschafft, und das trotz einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 5200 auf 100.000 Einwohner.

"Wir sagen 'Auf Wiedersehen' zu Einschränkungen und 'Hallo' zu dem Leben, das wir vor Corona kannten", sagte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen.

Dänemark hebt fast alle Corona-Maßnahmen auf

Wie ist die aktuelle Corona-Lage in Dänemark?

Das Land erlebt zur Zeit Rekordinfektionszahlen. Am 1. Februar lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Menschen innerhalb der letzten sieben Tage bei 5236. Das ist wesentlich höher als beispielsweise im Nachbarland Deutschland, wo die Sieben-Tage-Inzidenz am 1. Februar bei 1206 lag.

Wichtig dabei: Der internationale Vergleich hinkt etwas, weil jedes Land unterschiedliche Teststrategien fährt. Deutschland etwa hat seit kurzem den Zugang zu den als "Goldstandard" geltenden PCR-Tests für bestimmte Gruppen priorisiert, weil die Labore mit der Auswertung nicht mehr hinterherkommen. In Dänemark dagegen kann sich jeder online für einen gratis PCR-Test anmelden.

Aber die Inzidenz ist auch nicht mehr der einzige entscheidende Wert. Durch die Impfungen haben viele Infizierte bei ihrer Corona-Erkrankung nur einen milden Verlauf oder sogar gar keine Symptome. Und in Dänemark sind laut des Portals "Corona in Zahlen", das sich auf die täglichen Erhebungen der Johns Hopkins University stützt, 81,4 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft, während mehr als 61 Prozent bereits ihren Booster bekommen haben. In Deutschland sind nur 74 Prozent der Bevölkerung zweimal geimpft und 53 Prozent geboostert.  

Menschen stehen vor einem Corona-Testzentrum in Aalborg an

Lange Schlangen vor den Testzentren, wie hier in Aalborg kurz vor Weihnachten, könnten in Dänemark bald der Vergangenheit angehören.

Welche Einschränkungen fallen weg?

Ab dem 1. Februar gehört die Maskenpflicht der Vergangenheit an. Die Menschen in Dänemark müssen keine Impf- oder Genesenennachweise mehr vorzeigen und sich nicht mehr testen lassen. Bei Großveranstaltungen gelten keine Kapazitätsgrenzen mehr. Auch in Stadien darf wieder jeder letzte Platz besetzt werden, und der Besuch von Clubs und Bars ist ebenfalls wieder erlaubt.

Was ist die Begründung?

Laut Ministerpräsidentin Frederiksen schaue man nun, wie viele Menschen nach einer Infektion ernsthaft erkrankten und zum Beispiel auf die Intensivstation eingewiesen werden müssten - und diese Zahl gehe nach unten. Die Letalitätsrate, also die Anzahl der an Corona-Infizierten, die verstirbt, ist mit 0,22 Prozent ebenfalls verhältnismäßig niedrig. In Deutschland beispielsweise liegt sie bei 1,18 Prozent, in Spanien, wo ähnlich viele Menschen zweimal geimpft sind wie in Dänemark, bei 0,94 Prozent.

"Praktisch alle Infektionen in Dänemark sind jetzt Omikron [-Fälle]", twittert Michael Bang Petersen. Der Politikwissenschaftler leitet das größte Projekt zum Verhalten der Bevölkerung in der Pandemie und berät die dänische Regierung in Corona-Fragen. "Die Kombination von Omikron und dem hohen Anteil Geboosterter sorgt dafür, dass Infektion und ernsthafte Erkrankung nicht mehr aneinander geknüpft sind."

Das betont auch der dänische Gesundheitsminister Magnus Heunicke. Innerhalb von zwei Wochen habe sich zwar der Inzidenzwert von rund 3000 auf mehr als 5000 gesteigert. Aber gleichzeitig habe sich die Zahl der Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen seit Anfang Januar halbiert, zitiert tagesschau.de den Minister.

Weiter zu machen mit den Einschränkungen bringt außerdem Kosten für "Wirtschaft, Wohlbefinden und demokratische Rechte" mit sich, schreibt Petersen auf Twitter. Und die würden zu "Pandemie-Erschöpfung" führen.

"Lockdowns verursachen Misstrauen, von daher ist es klug, Maßnahmen zu lockern, wenn das möglich ist", so Petersen. "Wenn es noch nicht vorbei ist - wenn Lockdowns wieder eingeführt werden müssen - wird die Gesellschaft so viel Vertrauen und Solidarität brauchen, wie sie nur irgend aufbringen kann."

Welche Regeln bleiben noch bestehen?

In Krankenhäusern und Pflegeheimen ist die Maske weiterhin Pflicht, und Besucher müssen hier den Geimpft- oder Genesenennachweis vorzeigen, um besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen zu schützen.

Vier Wochen lang soll es noch Einreisebeschränkungen für Ungeimpfte geben. Danach gilt: Wer weder geimpft noch genesen ist, darf nach Dänemark einreisen, muss sich aber in den Tagen vor oder spätestens bis zu 24 Stunden nach der Ankunft auf Corona testen.

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