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PolitikArmenien

Warum in Armenien die Frauen nicht zum Wehrdienst eilen

2. März 2026

Seit bald drei Jahren versucht die armenische Regierung, Frauen für den Militärdienst zu gewinnen. Die Ergebnisse sind bislang bescheiden, es gibt nur ein Frauenbataillon im Land. Ein DW-Korrespondent hat es besucht.

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Frauen eines armenischen Bataillons marschieren in drei Reihen über einen Platz
Die Regierung in Armenien lockt Frauen mit finanziellen Anreizen zum MilitärdienstBild: Arshaluis Mghdesyan/DW

In einem Vorort von Jerewan, hinter dem hohen Zaun einer Garnison, herrscht vorbildliche Ordnung. Alles ist frisch renoviert, es gibt separate Kasernen und einen strengen Tagesablauf. Es ist das Gelände eines Frauenbataillons - ein Aushängeschild des armenischen Verteidigungsministeriums. Das Kommando haben ausschließlich Frauen, Schikanen untereinander sind hier unbekannt.

Wegen Personalmangels nach dem Krieg mit Aserbaidschan 2020 und dem Verlust der Region Berg-Karabach im Jahr 2023 versucht die armenische Regierung, Frauen mit finanziellen Anreizen zum Militärdienst zu motivieren. Doch im Januar musste Verteidigungsminister Suren Papikjan auf einer Pressekonferenz feststellen, dass die Initiative nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht hat. Konkrete Zahlen hat er nicht genannt. 

Frauen der armenischen Armee stehen in einer Reihe und halten Gewehre in der Hand
Laut den Soldatinnen gibt es innerhalb des Bataillons keine SchikanenBild: Arshaluis Mghdesyan/DW

Und warum bleibt der Ansturm von Frauen auf die Rekrutierungsbüros der Armee aus? DW-Recherchen zeigen, dass es an Risiken, patriarchalischen Strukturen und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen liegen könnte.

"Keine Frage des Geldes"

Ein freiwilliger sechsmonatiger Grundwehrdienst von Frauen wurde in Armenien im Juni 2023 eingeführt. Der Staat zahlt dafür einmalig eine Vergütung in Höhe von 1 Million Dram (etwa 2300 Euro), während der reguläre Wehrdienst für Männer in Armenien grundsätzlich unentgeltlich ist. Beim Abschluss eines Fünfjahresvertrages steigt die Vergütung für Frauen um ein Vielfaches. Die dennoch unbefriedigenden Rekrutierungszahlen führt Minister Suren Papikjan auf tief verwurzelte patriarchalische Strukturen zurück. "Wir müssen Stereotypen überwinden. Dabei sind Väter, Brüder, Ehemänner und das Umfeld hinderlich", erläutert der Minister.

Beobachter halten jedoch nicht nur familiäre Verbote für ausschlaggebend. Aus Sicht von Armine Margarjan von der Denkfabrik "Frauen und globale Sicherheitsarchitektur" in Jerewan bleiben die finanziellen Anreize wirkungslos wegen fehlender Sicherheitsgarantien und unklarer Karriereaussichten. 

"Es ist keine Frage des Geldes, sondern der Unsicherheit. Viele wissen nicht, dass der Wehrdienst unter guten Bedingungen in einem Frauenbataillon abläuft. Die größte Sorge ist: Was kommt danach?", sagt die Expertin, die Studien zum Militärdienst von Frauen geschrieben hat. Der Abschluss eines Dienstvertrags gleicht ihrer Ansicht nach einer Lotterie. Eine Frau laufe Gefahr, nach der Grundausbildung auf inkompetente Vorgesetzte zu treffen und auch insgesamt keine passenden Begleitumstände vorzufinden.

Frauen der armenischen Armee bei einer Sportübung
Die Initiative, Frauen zum Militärdienst zu bewegen, stößt auf ProblemeBild: Arshaluis Mghdesyan/DW

In Armenien haben Frauen mehrere Möglichkeiten, um in die Streitkräfte integriert zu werden. Die erste Option ist ein Vertrag für bis zu 35-Jährige, der bei einem Dienst in einem Frauenbataillon und Bestehen einer Prüfung einen Sold von bis zu 1000 Euro garantiert. In einem Land, in dem das durchschnittliche Monatsgehalt bei etwa 600 bis 700 Euro liegt, ist dies durchaus ein finanzieller Anreiz

Die zweite Möglichkeit ist ein sechsmonatiger Wehrdienst für Frauen im Alter von 18 bis 27 Jahren, der getrennt von Männern absolviert wird und nach Abschluss eine Zahlung von 2300 Euro garantiert.

Unmittelbar nach dem Wehrdienst kann ein Fünfjahresvertrag mit einer Gesamtprämie von umgerechnet 11.000 Euro unterzeichnet werden, ohne Entlassung in die Reserve. Diese Summe wird zusätzlich zum monatlichen Gehalt von rund 1000 Euro nach Vertragsende einmalig ausgezahlt. Die vierte Option sieht eine Ausbildung an der Militärakademie vor.

"Frauen sind viel motivierter"

Ein DW-Korrespondent konnte das Frauenbataillon besuchen, in das große Hoffnungen gesetzt werden. Hier dient die 19-jährige Susanna Tonojan. Sie hat sich zunächst für einen sechsmonatigen Wehrdienst entschieden, will aber später Pilotin werden - als erste Frau in den Luftstreitkräften des modernen Armeniens.

Portrait der Soldatin Susanna Tonojan
Susanna Tonojan hat sich für einen sechsmonatigen Dienst in der Armee gemeldetBild: Arshaluis Mghdesyan/DW

"Meine Entscheidung hat zunächst heftige Reaktionen in meiner Familie ausgelöst, aber dann haben mich alle unterstützt", sagt sie der DW und nimmt dabei eine aufrechte Haltung ein. In vier Wochen Kasernenleben hat sie eine strenge Disziplin gelernt. Ihre Ängste hätten sich als unbegründet erwiesen, Hygiene und Dienstbedingungen in ihrem Bataillon seien "auf höchstem Niveau".

Angelina Arutjunjan, ebenfalls 19 Jahre alt, hat einen Vertrag für drei Jahre abgeschlossen. Sie verbindet den Dienst mit einem Studium an zwei Hochschulen. Ihre Motivation ist sehr persönlich. Ihr Großvater fiel im ersten Karabach-Krieg und ihr Vorbild ist Robert Abadschjan. Der Soldat kam 2016 bei Kämpfen in Berg-Karabach ums Leben und wurde posthum in Armenien mit vielen Auszeichnungen geehrt. "Natürlich hatten sowohl ich als auch meine Familie Ängste. Aber das hat mich nicht abgehalten ... Ich glaube, dass ich Stereotypen durchbrechen werde", erklärt Angelina selbstbewusst gegenüber der DW.

Die Kommandantin des Bataillons, Majorin Armine Grigorjan, dient seit zwölf Jahren in der Armee. Sie findet, mit Frauen sei es einfacher zu arbeiten. Aber auch sie habe anfangs Zweifel gehabt. "Frauen sind viel motivierter, hier wird nicht über Befehle debattiert", sagt sie der DW.

Portrait der Kommandantin Armine Grigorjan
Armin Grigorjan befehligt ein Frauenbataillon der armenischen ArmeeBild: Arshaluis Mghdesyan/DW

Für Minister Suren Papikjan ist es ein Erfolg, dass rund 70 Prozent der Frauen nach einem halben Jahr Wehrdienst in der Armee bleiben und Offizierinnen werden wollen. Dies bestätigt auch Kommandantin Armine Grigorjan. Ihren Beobachtungen nach bewirbt sich "der Großteil" bei der Militärakademie, weil die gewonnenen Erfahrungen den Frauen bei der Berufswahl helfen würden.

"Frauen nur als Dienstpersonal"

Anders wird die Situation von Ani Owannisjan bewertet. Die Veteranin einer Spezialeinheit hat den Dienst in der Armee nach zwölf Jahren aus Enttäuschung quittiert. Sie findet, dass Frauen nach wie vor überwiegend als "Dienstpersonal" betrachtet würden. "In gefährlichen Situationen wird auf Frauen als letztes zurückgegriffen, unabhängig von ihrem Wissen und ihrer Erfahrung. Das ist ein kulturelles Problem. Man traut Frauen militärische Dinge nicht zu", beklagt sie und kritisiert, dass Frauen nur bis zu einem bestimmten Rang aufsteigen könnten. Tatsächliche Führungspositionen blieben ihnen versperrt. "Frauen können weder Kommandantin einer Garnison noch Leiterin einer Abteilung für Kampfausbildung werden. Solche Posten sind praktisch ausgeschlossen", beklagt sie im DW-Gespräch. Nur Bürojobs würden den Frauen angeboten.

Auch die junge Soldatin Angelina Arutjunjan kennt dieses Problem. Sie sagt, sie müsse sich manchmal mit Vorurteilen von Männern auseinandersetzen, die Frauen nur in der Rolle als Hilfspersonal sähen. Allein die Existenz ihres Bataillons sei jedoch ein Beweis dafür, dass solche Stereotypen zu bröckeln beginnen.

Portrait der Soldatin Angelina Arutjunjan
Angelina Arutjunjan hat einen Dreijahresvertrag mit der Armee geschlossenBild: Arshaluis Mghdesyan/DW

Was Frauen vom Dienst beim Militärs abschreckt, ist laut Armine Margarjan vom Zentrum "Frauen und globale Sicherheitsarchitektur" weniger die Diskriminierung durch Männer, sondern vielmehr die Grausamkeit des Krieges. Margarjan erinnert an die tragischen Ereignisse von September 2022 an der südöstlichen Grenze Armeniens. Während eines aserbaidschanischen Angriffs wurden armenische Soldatinnen gefoltert, getötet und verstümmelt. Entsprechende Videoaufnahmen wurden im Internet verbreitet. Nicht nur Angst vor dem Tod, sondern auch vor Demütigung und Folter wirke demotivierend. Dies könne durch keinen finanziellen Anreiz aufgewogen werden.

Gibt es Parallelen zu Israel?

In der armenischen Öffentlichkeit wird oft das "israelische Modell" als Vorbild genannt. In Israel gilt eine allgemeine Wehrpflicht, auch für Frauen. Angesichts der vergleichbaren Größe des Staatsgebiets und der komplexen geopolitischen Lage erscheint es vielen als logisch, sich an den Erfahrungen Israels zu orientieren. Doch es gibt wesentliche Unterschiede zwischen den Ländern, vor allem in der Wirtschaft. So beträgt das BIP Israels über 500 Milliarden Dollar, gegenüber etwa 28 Milliarden Dollar in Armenien. Experten betonen zudem institutionelle Unterschiede.

Nach Angaben des International Republican Institute (IRI) in Washington führt Armeniens Armee zusammen mit der Armenischen Apostolischen Kirche traditionell die Rangliste der Institutionen an, denen die Öffentlichkeit am meisten vertraut. Dieses hohe Vertrauen schlägt sich jedoch nicht in der Bereitschaft von Frauen nieder, sich zum Militärdienst zu melden. Genaue Angaben zur Anzahl oder zum prozentualen Anteil von Frauen in den Streitkräften liegen nicht vor.

Beobachter sind überzeugt, dass es nicht möglich ist, allein mit finanziellen Anreizen weiterzukommen. Mit Blick auf die Vergütung für den Grundwehrdienst betont die Veteranin Ani Owannisjan: "Eine wirtschaftliche Motivation funktioniert nicht, denn 200.000 Dram pro Monat (umgerechnet etwa 450 Euro) kann man auch als Zivilist verdienen, ohne sein Leben zu riskieren."

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk