UN und Rotes Kreuz stoppen alle Hilfslieferungen in Syrien | Aktuell Nahost | DW | 20.09.2016
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Aktuell Nahost

UN und Rotes Kreuz stoppen alle Hilfslieferungen in Syrien

Knapp eine Woche schwiegen die Waffen in Syrien, nun flammen überall im Land wieder Kämpfe auf. UN und Rotes Kreuz reagieren: Nach dem Angriff auf einen Hilfskonvoi stellen sie alle Hilfslieferungen im Land ein.

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UN-Konvoi mit Hilfsgütern bombardiert

Für Hunderttausende notleidende Zivilisten in belagerten Städten schwindet damit die Hoffnung, mit Hilfsgütern versorgt zu werden. Nur einige Konvois erreichten vor dem Ende der Waffenruhe ihre Ziele. Einer von ihnen wurde in dem Ort Orem al-Kubra südwestlich von Aleppo von Bomben getroffen. Dabei wurden nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und des Syrisch-Arabischen Roten Halbmonds 21 Menschen getötet und mindestens 18 von 32 Lastwagen zerstört.

Wie ein Sprecher des UN-Büros für Nothilfekoordinierung (OCHA) in Genf bekanntgab, werden daher bis auf weiteres alle Hilfsgütertransporte in dem Land gestoppt. Vor einer Entscheidung über die Wiederaufnahme der Hilfe für Zehntausende Syrer müsse die Sicherheitslage der UN-Mitarbeiter geprüft werden. Auch das Rote Kreuz wird nach Aussagen eines Sprechers vorerst alle Hilfslieferungen verschieben und die Sicherheitslage neu bewerten.

Absichtlicher Angriff auf UN-Hilfskonvoi?

Sollte sich herausstellen, dass der Angriff auf den Hilfskonvoi gezielt erfolgte, wäre dies ein Kriegsverbrechen, erklärte OCHA-Chef Stephen O'Brien. Aktivisten machten Syriens und Russlands Luftwaffe für die Bombardierung verantwortlich. Ein US-Regierungsbeamter, der namentlich nicht genannt werden wollte, erklärte, nur Russland oder das syrische Regime könnten hinter der "abscheulichen Attacke" stehen. Das US-Außenministerium erklärte, sowohl das syrische Regime als auch Russland hätten das Ziel des Hilfskonvois gekannt, dennoch seien die Helfer getötet worden.

Durch die Luftattacke zerstörter Lastzug des Hilfskonvois in Syrien (Foto: Reuters/A. Abdullah)

Ohne Worte

Russland wie auch Syrien wiesen allerdings energisch jegliche Verantwortung für die Attacke zurück. Russische und syrische Flugzeuge hätten "keinen Luftangriff auf einen Hilfskonvoi der UN im Südwesten von Aleppo" geflogen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau. Der Kreml hatte zuvor mitgeteilt, dass der Vorfall von der russischen Armee untersucht werde.

Auch die syrische Armee bestritt jede Verantwortung für den Luftangriff. Medienberichte, wonach syrische Flugzeuge den Hilfskonvoi bombardiert hätten, entsprächen nicht der "Wahrheit", berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf Militärkreise.

Steinmeier verurteilt Attacke "auf das Allerschärfste"

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilte den Angriff "auf das Allerschärfste". Dies sei "eine abscheuliche, eine terroristische Tat", sagte Steinmeier in New York im Vorfeld eines Treffens der internationalen Unterstützergruppe für Syrien. Er zeigte sich angesichts der jüngsten Eskalation der Gewalt in dem Bürgerkriegsland skeptisch, ob die am Montag von der syrischen Armee aufgekündigte Waffenruhe wieder hergestellt werden kann.

US-Außenminister John Kerry will die Hoffnung indes noch nicht aufgeben. Nach einem Treffen der internationalen Syrien-Unterstützergruppe in New York sagte Kerry: "Die Waffenruhe ist nicht tot." Andere Mitglieder der Gruppe berichteten allerdings von großen Spannungen. Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault sagte, das Treffen sei "ziemlich dramatisch" gewesen: "Die US-russische Verhandlung hat ihre Grenze erreicht."

Das Treffen der Syrien-Unterstützergruppe sei neben der Empörung über den Angriff auf den Hilfskonvoi geprägt gewesen "von der großen Sorge um die Feuerpause und das Schicksal der amerikanisch-russischen Vereinbarung" zur Waffenruhe, sagte Steinmeier anschließend . Ein erneutes Treffen sei für Freitag geplant, um zu "schauen, wie sich die Waffenruhe halten lässt".

Heftige Kämpfe im Großraum Aleppo

Unterdessen flogen Kampfjets weitere Luftangriffe auf Rebellengebiete, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP aus Aleppo berichtete. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, Kampfflugzeuge hätten ein Gebiet nördlich der Großstadt Aleppo bombardiert. Dort haben syrische Regierungstruppen laut einem Bericht der Nachrichtenagentur RIA mit Unterstützung der russischen Luftwaffe einen Angriff von Rebellen zurückgeschlagen. 40 Aufständische seien getötet worden, hieß es in der Meldung unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau.

Syrien/Aleppo: Zwei Männer sitzen auf einem Sofa, das in einer Straße mit zerstörten Häusern steht (Foto: Getty Images/AFP/K. Al-Masri)

Das Leiden der Bevölkerung in Aleppo geht weiter

Im Süden Aleppos sollen syrische Truppen rund 100 Kämpfer der Terrorgruppe Fatah-al-Scham-Front, ehemals Al-Nusra, getötet haben, meldete die Agentur Tass unter Berufung auf das russische Militär. Auch im Stadtviertel Mogambo im von den Regierungstruppen kontrollierten Westteil der Stadt war nach Angaben eines AFP-Korrespondenten Raketenbeschuss zu hören.

Auch in anderen Provinzen des Landes flammten die Kämpfe wieder auf. Heftige Gefechte gab es unter anderem in den von Rebellen kontrollierten östlichen Vororten von Damaskus, wie ein weiterer AFP-Korrespondent berichtete. Die syrische Armee hatte am Montag - noch vor der Aufkündigung der Waffenruhe - eine Militäroffensive in der Region angekündigt.

sti/ww/kle (afp, ap, dpa, rtr)

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