Umweltverträgliche Luftfahrt - ein Widerspruch? | Wirtschaft | DW | 21.08.2019
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Die Zukunft des Fliegens

Umweltverträgliche Luftfahrt - ein Widerspruch?

Muss man sich schämen, wenn man fliegt? Das fragen sich immer mehr Menschen. Kein Wunder, dass Klimaneutralität Top-Thema auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz war. Aber wie soll das gehen? Aus Leipzig Sabine Kinkartz.

Deutschland Luftfahrtkonferenz in Leipzig | Elektrisches Flugzeug (DW/S. Kinkartz)

Elektrisch fliegen? Das ist derzeit nur in kleinem Maßstab möglich

Der Hoffnungsträger der Luftfahrtindustrie ist klar und durchsichtig, bewegt sich etwas träger als Wasser und riecht dezent nach Petroleum. Es ist sogenanntes e-Crude, synthetischer Rohölersatz, den die Dresdner Firma Sunfire auf der ersten nationalen Luftfahrtkonferenz in Leipzig an einem kleinen Stand in einem großen Schraubglas präsentiert. Produziert wird es in einem einzigen Schritt unter Einsatz von Wasser, CO2 aus der Luft und Ökostrom. Gelungen ist das der Firma in erwähnenswertem Maßstab erstmals Anfang dieses Jahres.

E-Crude ist ein Rohstoff. Bevor damit ein Flugzeug betankt werden kann, muss der synthetische Treibstoff erst in einer Raffinerie zu Kerosin verarbeitet werden. Aber für die Luftfahrtindustrie ist die "Power-to-Liquid" genannte Technologie ein großer Schritt in die richtige Richtung - wenn auch ein derzeit noch sehr teurer. Drei- bis fünfmal so viel wie normales Kerosin kostet der synthetische Kraftstoff, dessen Produktion in den kommenden Jahren auch in Deutschland forciert werden soll. Eine erste Pilotanlage ist für das Jahr 2022 geplant.

Immer mehr statt weniger Flugreisen

Allerdings werden Jahrzehnte ins Land gehen, bis der Kraftstoff in großem Maßstab produziert und beigemischt werden kann. Man werde in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren nicht auf normalen Treibstoff verzichten können, heißt es in der Luftfahrtbranche.

Deutschland Leipzig | Nationale Luftfahrtkonferenz - Präsentation Synthetisches Rohöl (DW/S. Kinkartz)

Hoffnung im Schraubglas - E-Crude auf der Luftfahrtkonferenz

Gleichzeitig wächst aber die Nachfrage nach Flugreisen weltweit enorm. Die Zahl der Passagiere soll sich von 4,3 Milliarden im Jahr 2018 auf 8,2 Milliarden im Jahr 2037 fast verdoppeln. Das wird auch den Anteil, den die Luftfahrt am Ausstoß klimaschädlicher Emissionen hat, weiter wachsen lassen. Aktuell liegt er bei nur 2,8 Prozent weltweit, während Autos, Busse und Lastwagen 18 Prozent des CO2 ausstoßen.

Trotzdem hat die Klimadebatte die Luftfahrtindustrie immer stärker ins Kreuzfeuer der Kritik gerückt. Flugverkehr sei die umweltschädlichste Art zu reisen, kritisieren Umweltschützer und fordern eine deutliche Reduzierung der Flugreisen. Die Branche ist alarmiert und verspricht Besserung. "Wir wollen erreichen, dass die luftverkehrsbedingten CO2-Emmissionen auf null sinken", so Klaus-Dieter Scheurle, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft auf der Luftfahrtkonferenz in Leipzig.

Klimaneutral Fliegen?

Neue Verfahren zur Kerosinherstellung, alternative Antriebe sowie klimaoptimierte Flugverfahren könnten in Zukunft ein nahezu CO2-neutrales Fliegen ermöglichen, beteuert Scheurle. Seine Branche sei bereit, sich bei Pilotprojekten zum Aufbau industrieller Anlagen zur Herstellung von Power-to-Liquid-Kraftstoff zu beteiligen. Auf den synthetischen Kraftstoff setzt auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Allerdings sei das alternative Kerosin noch viel zu teuer. Deswegen sei die Politik dringend gefragt, "in die Marktentwicklung CO2-neutraler Kraftstoffe oder andere Maßnahmen, die den
Luftverkehr klimafreundlicher machen, zu investieren".

Tatsächlich hat die Bundesregierung das Problem bereits erkannt. Die Luftfahrtkonferenz geht auf einen Beschluss aus dem Koalitionsvertrag zurück. Alle zwei Jahre will sich die Politik künftig mit der Wirtschaft und den Gewerkschaften zusammensetzen. Im "Leipziger Statement für die Zukunft der Luftfahrt" wird der Wille bekräftigt, umwelt- und klimaschonende Technologien, Digitalisierung und neue Mobilität voranzutreiben. Ziel sei ein CO2-neutrales Fliegen. Gleichzeitig sollen der Luftfahrtstandort Deutschland und die Arbeitsplätze in der Branche nachhaltig gesichert werden.

Keine Einschränkungen erzwingen

330.000 Menschen sind in Deutschland unmittelbar in der Luftfahrt beschäftigt, rechnet man alles zusammen, sind es 850.000. Ein Viertel des deutschen Exports wird mit Flugzeugen in alle Welt transportiert. Die Branche sei "alles andere als ein vernachlässigbarer Teil unserer Wertschöpfung", betonte die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Leipzig. Sie ist gegen erzwungene Einschränkungen bei der Mobilität.

Die Luftfahrtindustrie müsse aber zeigen, dass "Wachstum nicht immer mit mehr Wachstum klimaschädlicher Emissionen verbunden ist", sondern dass man das eine vom anderen entkoppeln könne. Die Branche sei schon immer ein Innovationsmotor gewesen und es könne eine wirtschaftliche Chance sein, in effiziente und nachhaltige Technologien zu investieren. Deutschland müsse zum "führenden Standort für klimaverträglichere Flugzeugtechnologien" werden, sagt die Kanzlerin.

Mehr Geld für Forschung und Entwicklung

Um den Druck für Innovationen zu erhöhen, denkt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer über eine Erhöhung der Luftverkehrsteuer nach. Darüber habe er bereits mit Finanzminister Olaf Scholz gesprochen, so Scheuer in Leipzig. 1,2 Milliarden Euro hat der Staat im vergangenen Jahr durch diese Abgabe eingenommen. Dem CSU-Minister schwebt vor, das Geld, das bislang in den Bundeshaushalt fließt, gezielt in die Forschung zu neuen Luftfahrttechnologien zu investieren. "Die Einnahmen aus der Lkw-Maut gehen ja auch zu 100 Prozent wieder in die Straßen-Infrastruktur", so Scheuer. "Wir sollten auch in der Luftverkehrsbranche einen solchen Kreislauf schaffen."

Erste Nationale Luftfahrtkonferenz in Leipzig (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Die Kanzlerin mit ihren Ministern Scheuer (2. von links) und Altmaier (hinter Merkel)

Dieser Meinung ist auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, der froh ist, dass Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften in der Luftfahrt den Schulterschluss suchen. In Leipzig warb auch er für mehr "ökoeffiziente Technologien". Dazu zähle auch das elektrische und hybrid-elektrische Fliegen, das der Minister als "zentrale Elemente strategischer Industriepolitik" bezeichnet. Sein Haus werde dazu beitragen, dass die entsprechenden Technologien rechtzeitig zum Entwicklungsstart für die nächste Flugzeuggeneration bereitstünden, versicherte der CDU-Minister.

Allerdings wird da wohl noch viel Forschung nötig sein. Um eine vergleichbare Energiemenge zu erzeugen, wird für eine Batterie derzeit das 70-fache Gewicht und Volumen von Kerosin benötigt. Da passen nicht mehr viele Passagiere in das Flugzeug.

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