Ukraine: Durchhaltewillen trotz Raketen und Frost
3. Februar 2026
Städte und kritische Infrastrukturen stehen in der Ukraine unter massivem russischem Beschuss. 20 Stunden am Tag oder mehr ohne Strom, Wasser und Heizung - all das müssen viele Ukrainer bei Außentemperaturen von minus 15 Grad ertragen. Kein Wunder, dass sich die allgemeine Stimmung in der Ukraine verschlechtert. Erschöpfung und Anspannung nehmen zu. Und doch will eine Mehrheit sich keinem Diktatfrieden hingeben. Dies zumindest ergeben Umfragen mehrerer Sozialforschungsinstitute.
Ukrainer nicht zu Kompromissen bereit
Angesichts des strengen Winters und der anhaltenden Angriffe aus Russland steige der Anteil derjenigen, die pessimistisch auf die Lage des Landes blicken, sagt Oleksij Antypowytsch, Gründer der "Rating Group". Dies spiegle aber eher eine veränderte emotionale Verfassung der Menschen wider als einen Wandel der politischen Einstellung. Trotz der widrigen Umstände seien die Ukrainer weiterhin nicht bereit, den Forderungen des Kremls nachzugeben und einen Frieden um jeden Preis zu akzeptieren. "Putins Beschuss und die Kälte als Druckmittel verschlechtern die Stimmung in der Gesellschaft. Das ändert aber nichts an der Haltung gegenüber Wladimir Putin, Russland und dem Krieg. Die Ukrainer wollen keine Zugeständnisse machen, weder territorial noch in irgendeiner anderen Hinsicht", sagte Antypowytsch der DW.
Andrij Bytschenko, Meinungsforscher vom ukrainischen Rasumkow-Zentrum, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. "Ein Großteil der Ukrainer weiß aufgrund jüngster und langjähriger Erfahrungen, dass eine Kapitulation oder die Unterzeichnung eines ungünstigen Friedensabkommens die Lage nicht verbessern wird. Den Ukrainern muss man nicht erklären, wer die Russen sind und wie alles begann - sie haben es in den Regionen Cherson, Charkiw und Kyjiw selbst gesehen. Die öffentliche Meinung in dieser Frage verändert sich nicht wesentlich. Deshalb halten die Ukrainer trotz allem durch", sagte Bytschenko im DW-Gespräch.
Wie eine Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) vom 9. bis 14. Januar 2026 ergab, sieht eine große Mehrheit der Ukrainer (69 Prozent) im Krieg weiterhin eine existenzielle Bedrohung. Die Menschen glauben, dass Russland entweder "einen Völkermord begehen" oder "die ukrainische Nation und Staatlichkeit zerstören" will. Im Februar 2025 lag dieser Wert bei 66 Prozent. 77 Prozent der Befragten meinen weiterhin, dass die Ukraine trotz des russischen Vormarsches weiterhin Widerstand leisten kann.
"Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Ukrainer trotz aller Schwierigkeiten im Krieg standfest und optimistisch bleiben", sagte Anton Hruschezkyj vom KIIS der DW. "Eine absolute Mehrheit glaubt, dass die Ukraine die Kraft hat, weiterhin wirksamen Widerstand zu leisten. Nur eine Minderheit hält den ukrainischen Widerstand für aussichtslos."
Ungebrochener Zusammenhalt
Die ständigen russischen Angriffe, die Zerstörung der Infrastruktur und die lange Dauer des Krieges hätten nicht zu mehr Kompromissbereitschaft bei den Ukrainern gegenüber Russland geführt, stellt auch Oleh Saakjan von der ukrainischen "Plattform für Resilienz und Zusammenhalt" fest. Im Gegenteil: Erschöpfung, angestaute Wut und Verärgerung würden in noch größeren Zorn gegen den Aggressor Russland umschlagen.
Der Politikwissenschaftler weist darauf hin, dass sich soziale Spannungen in der Ukraine periodisch in Form von Protesten entladen. Gleichzeitig seien diese aber eindeutig lokaler Natur und würden sich nicht gegen die Zentralregierung richten. "Es sind Reaktionen auf konkrete Untätigkeiten, auf fehlende Entscheidungen auf lokaler Ebene. Weder in der Öffentlichkeit noch in Umfragen lässt sich eine Zunahme von Spannungen gegenüber der Zentralregierung feststellen", betont Saakjan. Auch er sieht einen bedeutenden Teil der Ukrainer "bereit, den Krieg weiter durchzustehen".
Ukrainer helfen sich gegenseitig
Einer der größten Fehler Russlands sei schon zu Beginn der Invasion im Februar 2022 gewesen, die Stärke der ukrainischen Gesellschaft und ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation zu unterschätzen, meint der Militärexperte und ehemalige Berater im Verteidigungsministerium, Oleksij Kopytko. Und Russland schätze die Stimmung der Ukrainer nach wie vor falsch ein.
Kopytko betont, dass die ukrainische Gesellschaft über eine einzigartige Erfahrung verfüge: Gegenseitige Unterstützung geht weit über Familie und enge Freunde hinaus. Die Interaktion zwischen Menschen, die einander kaum oder gar nicht kennen, sei zu einem Schlüsselfaktor für das Überleben des Landes geworden: "Die Ukrainer neigen weiterhin dazu, sich gegenseitig blind zu vertrauen. Ein Schurke zu sein, gilt immer noch als schändlich. So hält die Ukraine all dem Grauen, das sie umgibt, weiterhin stand", so Kopytko.
Unterstützung für den Präsidenten
Laut einer KIIS-Studie glauben 69 Prozent der Ukrainer nicht, dass die aktuellen Verhandlungen zu einem dauerhaften Frieden führen werden. Dennoch interessierten sich die Menschen für den Verhandlungsprozess, betont Oleksij Antypowytsch: "Alle Hoffnungen und das Vertrauen richten sich in erster Linie auf Wolodymyr Selenskyj - nicht auf Russland, nicht auf die Verhandlungsgruppen und nicht auf einzelne ausländische Staatschefs."
Experten betonen, dass der soziale Zusammenhalt und die innere Geschlossenheit für die ukrainische Führung wichtige Faktoren bei den Friedensgesprächen seien. Politologe Saakjan betont: "Die uneingeschränkte Unterstützung für den Präsidenten ist für ihn ein Vorteil in den Verhandlungen. Die Ukrainer haben bereits schlechte Erfahrungen mit den Minsker Abkommen gemacht, die zu einem noch größeren Krieg führten. Daher sind sich die Ukrainer heute darüber bewusst, wie wertvoll ihr Zusammenhalt ist."
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk