U-Boot-Brand: Viele Fragen, wenige Antworten | Europa | DW | 01.08.2019
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Russland

U-Boot-Brand: Viele Fragen, wenige Antworten

Seit dem Brand auf einer Tiefseestation der russischen Marine, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen, ist ein Monat vergangen. Langsam sickern Details durch, doch bisher bleiben viele Fragen offen. Ein Überblick.

Vierzehn Seeleute, darunter hochrangige Offiziere, starben am 1. Juli bei einem Brand auf einer Tiefseestation in geheimer Mission in der Barentssee. Die Öffentlichkeit erfuhr davon einen Tag später. Seither wurden die Opfer in St. Petersburg beigesetzt, in der Presse gab es neue Details, und Präsident Wladimir Putin traf sich mit den Hinterbliebenen. Doch es gibt immer noch mehr Fragen als Antworten.   

Was geschah in der Barentssee?

Seit der ersten Erklärung des russischen Verteidigungsministers Sergej Schojgu gibt es kaum neue Erkenntnisse. Alle Informationen über das U-Boot und seine Mission sind als Staatsgeheimnis eingestuft. "Im Rahmen der geplanten Arbeiten zur Erforschung des Meeresgrunds in russischen Gewässern der Barentssee brach ein Brand an Bord eines Forschungs-Tiefseeapparats der Nordflotte aus", sagte Schojgu beim Treffen mit Putin am 2. Juli. "14 Seeleute sind durch Rauchvergiftung ums Leben gekommen". Vier Besatzungsmitglieder und ein ziviler Fachmann wurden gerettet.

Später sagte Schojgu, dass das Feuer in der Batterieabteilung ausgebrochen war, und dass die Tiefseestation einen Atomantrieb hat. Der Reaktor sei nicht betroffen, die Station sei zum Stützpunkt in Seweromorsk geschleppt worden und werde repariert.

Russlands Präsident Putin und Verteidigungsministers Schoigu (rechts) besprechen den Vorfall auf dem U-Boot, 2. Juli

Verteidigungsminister Schoigu informiert Russlands Präsident Putin über den Brand auf dem U-Boot (2. Juli)

Den bisher detailliertesten Bericht  veröffentlichte die Moskauer Zeitung "Kommersant" Ende Juli. Danach ereignete sich das Unglück auf der Tiefseestation AS-31, bei der das umgebaute Atom-U-Boot "Podmoskowje" als Träger dient. Die Besatzung sei dabei gewesen, einen Kontrollgang vor einem Einsatz abzuschließen. Beim Andocken an das Träger-U-Boot sei in der Batterieabteilung Rauch ausgetreten. Ein Teil der Besatzung habe sich auf das Träger-U-Boot gerettet, während zehn Offiziere mehr als eine Stunde lang versuchten, das Feuer zu bekämpfen. Sie, aber auch vier Mitglieder der Ersatzbesatzung starben vermutlich bei der Explosion der Batterie. "Kommersant" schreibt, dass die Batterie nach 2014 eingebaut worden war und aus russischer Produktion stammte; zuvor war eine ukrainische Batterie verwendet worden.

Was man über die Tiefseestation weiß 

Offizielle Angaben über die Tiefseestation gibt es nicht. In Presseberichten ist mal von AS-31, mal von AS-12 die Rede. Einige nennen sie "Losharik", nach einem sowjetischen Trickfilm über ein aus Kugeln zusammengesetztes Pferd. Hintergrund für den Spitznamen ist eine Besonderheit der Konstruktion: Die Tiefseestation besteht aus mehreren sphärischen Bauteilen aus druckfestem Material unter einer Hülle, die wie ein konventionelles U-Boot aussieht. Es heißt, die Station könne bis zu 6000 Meter tief tauchen. Das weist darauf hin, dass sie für Einsätze im Atlantischen oder Pazifischen Ozean konzipiert wurde, wo es solche Tiefen gibt. Bisher gibt es nur wenige zivile Tauchboote, die so tief tauchen können. Militärische U-Boote werden in Tiefen von einigen hundert bis maximal 1000 Meter eingesetzt.

Michael Kofman, Experte der Washingtoner Denkfabrik Center for Naval Analyses (CNA), schreibt in seinem Blog, dass AS-31 "Losharik" rund 70 Meter lang sei. Die Station sei in den 1990er Jahren gebaut und Anfang der 2000er in Dienst gestellt worden.

Russische U-Boote in der Nähe transatlantischer Kabel

U-Boote für große Tiefen zu bauen sei ein "sehr kompliziertes Vorhaben", sagt Andreas Burmester, Mitglied der Geschäftsleitung von ThyssenKrupp Marine Systems, die U-Boote auch für die Deutsche Marine baut. "Im Allgemeinen gilt, dass man versucht, in diese Tiefen (bis 6.000 Meter - Anm. d. Red.) keine Menschen zu bringen; lediglich zu bestimmten Forschungszwecken wird es gemacht", so Burmester im Gespräch mit der DW. "Neben den Belastungen für die Außenbordventile gibt es bei der Auslegung des Druckkörpers große Herausforderungen, weil unter anderem hochfeste Spezialmaterialien zum Einsatz kommen müssen, die sich nicht einfach verarbeiten lassen. Weiterhin wird der Druckkörper sehr schwer, so dass schnell ein Gewichts- und Volumenproblem bei der Konstruktion entsteht." Sein Fazit: "Am Ende ist es sehr, sehr teuer."

Russische Nordflotten-Basis im Seweromorsk (Archivbild)

Eine Basis der russischen Nordflotte im Hafen von Seweromorsk im Norden Russlands

Für die US-Navy sind russische Tiefseestationen kein Geheimnis. Die Washington Post zitierte im Dezember 2017 den Kommandeur der NATO-U-Boot-Streitmacht, Konteradmiral Andrew Lennon, wonach die Allianz über russische Tiefseestationen Bescheid wisse, die von umgebauten Atom-U-Booten getragen werden. Solche Stationen seien in der Lage, Tiefseeforschung, aber auch Aufklärung zu betreiben, so Lennon. Man glaube, dass sie auch dafür ausgestattet werden können, um "Objekte am Meeresgrund zu manipulieren". Lennon erwähnte in diesem Zusammenhang, dass russische U-Boote immer öfter in der Nähe der Kommunikationskabel im Nordatlantik gesichtet worden seien.

Stephen Blank von der US-Thinktank American Foreign Policy Council sagte in einem DW-Gespräch, U-Boote seien die "Kronjuwelen" der russischen Marine. Sie seien besser als ihre Vorläufer aus sowjetischer Zeit, vor allem dank neuen IT-Technologien und neuer Elektronik. Tiefsee-Stationen wie "Losharik" könnten dafür eingesetzt werden, "um Orte für Atom-U-Boote zu suchen, wo diese sich aufhalten und zu Einsätzen ausrücken können", sagt Blank. Solche Stationen könnten aber auch im Nordatlantik Transatlantikkabel abhören oder im Ernstfall beschädigen. Die NATO sei darüber informiert und habe eine Kommandozentrale aus der Zeit des Kalten Krieges wiederbelebt. Außerdem habe die NATO als Antwort auf Russlands Aktivitäten im Atlantik ihre U-Boot-Abwehr verstärkt.

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