Türkische Kampfdrohnen im Ukraine-Krieg | Europa | DW | 06.03.2022
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Krieg in der Ukraine

Türkische Kampfdrohnen im Ukraine-Krieg

Im Internet kursieren zahlreiche Videos über angeblich erfolgreiche Einsätze türkischer Kampfdrohnen vom Typ Bayraktar TB2 gegen russische Streitkräfte. Welche Rolle spielt diese Drohne im Ukraine-Krieg wirklich?

Die Ukraine besitz seit 2019 die türkische Kampfdrohne Bayraktar TB2.

Seit 2019 besitzt die Ukraine türkische Kampfdrohnen vom Typ Bayraktar TB2.

Derzeit kursiert im Netz ein Video in diversen ukrainisch-türkischen Chatkanälen. Zu hören ist eine pathetische Hymne auf die türkische Kampfdrohne Bayraktar, die Kiew mehrfach erfolgreich gegen die russische Armee eingesetzt haben will. Sie unterlegt Bilder von angeblich russischen explodierenden Fahrzeugen und Artilleriegeschützen. Versehen mit englischen und türkischen Untertiteln wird fleißig Propaganda betrieben.

Mehrere Videos angeblich "erfolgreicher" Einsätze der Drohne verbreitet auch die ukrainische Regierung in den sozialen Kanälen. Vor einigen Tagen veröffentlichte die ukrainische Botschaft in der Türkei zwei solcher Videos auf Twitter. 

Wie häufig und wie erfolgreich die Ukraine diese Drohnen bisher tatsächlich eingesetzt hat, lässt sich jedoch nicht unabhängig verifizieren. Auch Moskaus Behauptung, einige Bayraktar-Drohnen abgeschossen zu haben, lässt sich nicht auf Richtigkeit überprüfen.

Fakt ist, dass die Ukraine diese Kampfdrohnen seit 2019 besitzt. In den vergangenen drei Jahren bis zum Ausbruch des Krieges sind rund 50 dieser Drohnen angeschafft worden.

An vergangenen Mittwoch teilte das ukrainische Verteidigungsministerium mit, dass eine nicht näher genannte Anzahl weiterer Bayraktar-Drohnen geliefert wurden und für den Kampfeinsatz bereit seien. Am Donnerstag sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, sein Land habe sehr von den Bayraktar-Drohnen profitiert.

Die türkische Seite äußerte sich - wie in derartigen Fällen üblich - bisher nicht zu der Angelegenheit. Nur aus Medienberichten, durch Angaben der Empfängerländer oder wenn diese Drohnen tatsächlich im Kampf eingesetzt werden, erfährt die Weltöffentlichkeit von ihrer Existenz.

Bayraktar TB2 ist der Kassenschlager der türkischen Rüstungsindustrie und Erdogans großer Stolz.

Bayraktar TB2 ist der erfolgreichste Exportartikel der türkischen Rüstungsindustrie und Erdogans großer Stolz.

Entwickelt von Erdogans Schwiegersohn

Die Drohne vom Typ Bayraktar TB2 wird von der türksichen Firma "Baykar", die zwei Brüdern gehört, entwickelt und produziert. Die 1984 gegründete kleine Firma wurde in der Zeit der AKP-Regierung zu einem regelrechten Rüstungsriesen. Sie gehört der Familie Bayraktar, der Familie des Schwiegersohnes des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sein Schwiegersohn Selcuk Bayraktar ist zugleich der technische Direktor der Firma.

Nach eigenen Angaben hat die Firma "Baykar" von 2006 bis 2021 ihre Exporte versiebenfacht. Allein die Kampfdrohne Bayraktar TB2 bescherte ihr Medienberichten zufolge Aufträge aus 16 Ländern; etwa aus der Ukraine, Aserbaidschan, Marokko, Tunesien, Katar, Kirgisien und Turkmenistan. Auch Polen hat vergangenes Jahr als erstes NATO-Mitglied die Bestellung von 24 Stück bekannt gegeben.

Mit mehr als 420.000 Flugstunden und Einsätzen in Irak und Syrien, in Berg-Karabach für Aserbaidschan gegen armenische Milizen und in Libyen gegen die Armee des Rebellenkommandanten Chalifa Haftar war Bayraktar TB2 bereits im Einsatz. Zuletzt soll die Drohne auch in Äthiopien im Einsatz gewesen sein. Ein Anschlag, bei dem im Januar 58 Zivilisten getötet worden sein sollen, wurde ihr zugeschrieben.

Bayraktar TB2 ist 6,50 Meter lang und besitzt eine Spannweite von zwölf Metern. Sie kann mehr als 24 Stunden in der Luft bleiben und hat eine maximale Geschwindigkeit von rund 220 Kilometern pro Stunde. Und: sie sei preiswerter als die westliche Konkurrenz, berichten Experten.

Kann die Drohne den Verlauf des Kriegs beeinflussen?

Über wie viele Kampfdrohnen der Ukraine verfügt und ob die Türkei die zusätzlich bestellten Drohnen auch ausgeliefert hat - dazu gibt es keine gesicherten Angaben. Wenn ja, können diese Kampfdrohnen den Verlauf des Krieges bestimmen?

Wolfgang Richter, der ehemalige Oberst und Militärexperte bei der SWP.

Wolfgang Richter, ehemaliger Oberst und Militärexperte bei der SWP in Berlin.

Wolfgang Richter, ehemaliger Oberst und Militärexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), bezweifelt das. Im Interview mit der DW merkt er an, dass eine Drohne jeweils ein Punktziel angreifen kann. "Das bedeutet, sie kann Panzer oder Artilleriegeschütze ausschalten". Auch wenn Kiew alle rund 60 türkischen Kampfdrohnen bekommen hätte, könnte sie der russischen Seite zwar empfindliche Verluste zufügen. Im Vergleich zum Bodenkampf bliebe die Wirkung der Drohnen dennoch begrenzt. 

Richter erinnert daran, dass alleine vor Kiew eine Militärkolonne mit rund 600 gepanzerten Kampffahrzeugen steht und Russland die Ukraine zeitgleich mit vier großen Gruppierungen angreift. Außerdem wisse man nicht, ob und wie viele Kampfdrohnen noch einsatzfähig sind oder ob Russland bereits einige von ihnen zerstört hat.

Wie positioniert sich die Türkei?

Seit Jahren pflegt der türkische Präsident Erdogan sowohl zu Russland als auch zur Ukraine gute Beziehungen. Während die Türkei an die Ukraine Kampfdrohnen lieferte, hat sie als NATO-Mitglied von Russland die Raketenabwehrsysteme vom Typ S-400 gekauft. Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sei diese Balancepolitik noch schwieriger geworden, sagt Daria Isachenko, Expertin für Sicherheits- und Verteidigungspolitik am Centrum für angewandte Türkeistudien bei der SWP. 

Dr. Daria Isachenko von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Daria Isachenko von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Ihr zufolge kann Erdogan es sich nicht leisten, eine der beiden Seiten zu präferieren, weil dies gravierende sicherheitspolitische sowie wirtschaftliche Konsequenzen für Ankara haben würde. "Russland ist kein Ersatz für Ankaras Beziehungen zum Westen und der Westen ist ebenso kein Ersatz für die Beziehungen der Türkei zu Russland" sagt sie der DW. Daher geht sie davon aus, dass Erdogan nur "das Notwendige im Rahmen des Möglichen" tun werde.

Ankara hat als Reaktion auf die russische Invasion zwar die türkischen Meerengen an den Dardanellen und die Zufahrt zum Schwarzmeer über den Bosporus für Kriegsschiffe blockiert. Türkei-Expertin Isachenko glaubt jedoch nicht, dass Ankara sich dem "Sanktionsregime" des Westens gegen Russland anschließen würde. "Weil hierauf schnell eine Antwort aus Moskau folgen kann" sagt sie. "Und das würde dann die türkische Wirtschaft schwer treffen, insbesondere in solchen Bereichen wie Tourismus, Baudienstleistungen und der Einfuhr von Weizen". Die Türkei bezieht 70 Prozent ihres Weizenimports aus Russland. 

 

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