″Stolz auf den Twitter-Missbrauch″ | Europa | DW | 14.05.2019
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Europawahlkampf

"Stolz auf den Twitter-Missbrauch"

Twitter hat hunderte Accounts von Nutzern gesperrt, die Falschinformationen zur Europawahl verbreitet haben sollen. Doch es trifft oft die Falschen, sagt Social-Media-Analyst Luca Hammer im DW-Interview.

Symbolbild Twitter - Tweet melden (picture-alliance/dpa/A. Warnecke)

Wahlkampf per Tweet-Petze? Nutzer können Inhalte melden, die gegen Twitter-Richtlinien verstoßen

DW: Vor der Europawahl häufen sich Fälle, in denen Twitter Accounts seiner Nutzer sperrt. Meistens mit der Begründung, die Tweets würden irreführende Informationen verbreiten. Was ist da los?

Luca Hammer: Twitter hat vor etwa zwei Wochen eine neue Richtlinie zur Integrität von Wahlen veröffentlicht. Da geht es darum, dass man verhindern möchte, dass Social-Media-Plattformen genutzt werden, um die Europawahl zu manipulieren. Damit also keine Falschinformationen zur Wahl verbreitet werden. Leider ist entweder die Richtlinie zu ungenau oder die Content-Moderatorinnen von Twitter sind nicht entsprechend geschult worden, wodurch es zu zahlreichen Fehlentscheidungen gekommen ist.

Das hat ja auch Politiker und Medien getroffen, die ganz offensichtlich harmlose Informationen verbreitet haben. Nutzer sammeln das unter #twittersperrt. Was macht Twitter falsch?

Das ist im Moment unklar. Mit dieser Richtlinie ist eine neue Meldeoption freigeschaltet worden. Jetzt werden wild irgendwelche Inhalte gemeldet und Twitter sperrt überraschend viele dieser Inhalte. Selbst Inhalte, die eigentlich gar nicht direkt mit der Wahl zu tun haben. Das trifft auch prominente Accounts und solche, die ganz offensichtlich nicht die Wahl manipulieren wollen, sondern die möglicherweise einen Witz machen. Teilweise wird auch nur ein Interview verlinkt.

Das heißt, dass Aktivisten das Melden von Accounts als Instrument missbrauchen könnten, um dem politischen Gegner zu schaden?

Es gibt auch Accounts, die das tatsächlich propagieren. Die ihre Follower dazu aufrufen, bestimmte Accounts zu melden oder nach bestimmten Inhalten zu suchen und diese zu melden. Und nachdem die Accounts gesperrt werden, bekommt die Person, die das gemeldet hat, eine Nachricht: "Vielen Dank für Deine Mithilfe. Wir haben den Account gesperrt." Und diese Nachrichten werden dann auch wieder gepostet. Man ist also tatsächlich noch stolz auf den Missbrauch von dieser Funktion. Und davon sind jetzt tatsächlich schon mehrere hunderte Accounts betroffen.

Was sagt denn Twitter selbst dazu? Haben die ihren Fehler eingestanden?

Sie halten sich noch sehr zurück. Das einzige waren bisher zwei Tweets dazu, in denen sie auch nicht konkret darauf eingehen. Aber sie gestehen Fehler ein, wie sie mit Meldungen umgehen, und sagen, sie werden das auch bessern. Zusätzlich wird Twitter im Ausschuss Digitale Agenda im Bundestag sein und dort noch einmal Rede und Antwort stehen.

Was könnte Twitter denn tun, damit so etwas nicht vorkommt? Brauchen sie mehr Moderatoren? Einen besseren Algorithmus?

Das ist im Moment noch unklar, weil wir noch nicht wissen, wo tatsächlich das Problem entsteht. Ob das eine bewusste Entscheidung von Twitter war, "Overblocking" zu betreiben, also lieber mehr Inhalte zu löschen oder zumindest zu sperren als eigentlich nötig wäre. Oder ob die Leute fehlerhaft geschult sind, die tatsächlich die Entscheidung treffen, ob etwas gesperrt wird. Es kann auch sein, dass dort politisch motivierte Personen sitzen, die dann entsprechende Entscheidungen treffen. Das weiß man im Moment leider nicht.

Luca Hammer Social Media Analyst (Tony Gigov)

Social-Media-Analyst Luca Hammer

Aber Twitter und seine Sperrpolitik sind auf jeden Fall ein Faktor in diesem Wahlkampf?

Man darf Twitter da nicht überschätzen. Es sind nur zirka fünf Prozent der deutschen Bevölkerung wöchentlich auf Twitter aktiv. Man hat aber natürlich einen sehr wichtigen Kommunikationsraum, weil dort sehr viele Politikerinnen und Journalistinnen sind und auch Bürgerinnen dort die Möglichkeit haben, sehr direkt mit Politikerinnen in Kontakt zu treten. Dadurch ist es natürlich interessant, diesen Kommunikationsraum zu stören - gerade jetzt in der heißen Phase des Wahlkampfs. Wenn man es dort schafft, dass Politikerinnen für mehrere Tage oder auch nur mehrere Stunden gesperrt sind, dann manipuliert man quasi den Wahlkampf. Und zwar mit der Funktion, die das verhindern sollte.

Ist das "Overblocking" eine Reaktion von Twitter darauf, dass man dem Unternehmen zuvor vorgeworfen hatte, zu wenig zu tun gegen all die Fake News zum Beispiel im US-Wahlkampf?

Auf jeden Fall. Konkrete Beispiele in dieser Richtlinie beziehen sich auf den US-Wahlkampf. Dort ist etwa darüber informiert worden, dass man auch erstmals per SMS wählen darf, was natürlich eine komplette Falschmeldung ist, was eine Lüge ist. Man weiß nicht, wie viele Personen das geglaubt haben, aber man weiß eben, dass das dort eingesetzt worden ist. Dass man versucht hat, Menschen zu demobilisieren, dass sie nicht zur Wahl gehen, sondern eben falsch wählen. Über Optionen, die es gar nicht gibt. Darüber hinaus gibt es einen sehr großen politischen Druck vor allem von der EU-Kommission, die zu Beginn des Jahres einen "Verhaltenskodex zur Bekämpfung von Desinformation" veröffentlicht hat. Den auch die großen Plattformen wie Facebook, Twitter, Google und Mozilla freiwillig unterschrieben haben. Darin verpflichten sie sich zu Maßnahmen gegen Manipulation und Falschinformationen. Und wenn die Plattformen das Problem nicht in den Griff bekommen, dann wird die EU weitere Maßnahmen vorschlagen oder sogar Regulierungen treffen.

Was können denn einzelne Nutzer tun, die betroffen sind?

Wenn Twitter den Account sperrt, dann ist in dieser Benachrichtigung direkt ein Link drin, wo man Einspruch erheben kann. Es gibt auch zusätzlich die Möglichkeit, über ein Formular Einspruch zu erheben. Dieser Einspruch dauert aber meistens etwas länger. Die Alternative ist, dass man sagt: ja, okay, es war zwar ein Witz, aber es könnte als Manipulation interpretiert werden und löscht den Tweet. Und dann hat man in der Regel innerhalb von zwölf Stunden wieder Zugriff auf seinen Account.

Der Social-Media-Analyst Luca Hammer berät Unternehmen und Organisationen im Umgang mit Plattformen wie Twitter oder Facebook.