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Politik

Spritpreisrekorde: Wie Regierungen weltweit damit umgehen

16. April 2026

In vielen Ländern sind die Treibstoffkosten auf Rekordniveau. In Deutschland etwa kostet ein Liter Diesel teils 40 Prozent mehr als vor dem US-israelischen Angriff auf den Iran. Was tun?

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Deutschland Siegen 2026 | Anzeigetafel einer Tankstelle zeigt u.a. 2,37 für Diesel und 2,23 Euro für Super
Rekordpreise an deutschen Tankstellen: Noch waren Benzin und Diesel an deutschen Tankstellen so teuerBild: Rene Traut/Rene Traut Fotografie/picture alliance

Nie waren Benzin und Diesel in Deutschland so teuer wie im April 2026. Laut dem Vergleichsportal Clever Tanken kostete Diesel im Durchschnitt der 100 größten deutschen Städte zwischenzeitlich pro Liter mehr als 2,43 Euro, Super E10 (Benzin mit 95 Oktan und zehn Prozent Ethanol-Anteil) mehr als 2,18 Euro. Selbst in der Ölkrise der 1970er Jahre blieb der Spritpreis in Deutschland - kaufkraftbereinigt - deutlich unter zwei Euro. 

Kein Wunder: Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) hat der Iran-Krieg einen weit größeren Angebotsschock auf die globale Kraftstoffversorgung ausgelöst als das damalige Ölembargo der arabischen OPEC-Staaten. Zudem trafen Lieferausfälle nur bestimmte westliche Länder, die Israel im Jom-Kippur-Krieg halfen, sich gegen die Angreifer Ägypten und Syrien zu verteidigen.

Heute betrifft der steigende Weltmarktpreis für Öl und Flüssiggas (LNG) praktisch alle Länder, wenn auch unterschiedlich stark. Um den Weltmarkt zu beruhigen, haben viele Staaten Teile ihrer nationalen Ölreserven freigegeben, allerdings mit begrenztem Effekt. Darüber hinaus haben Regierungen weltweit unterschiedlich reagiert. Wir haben uns einige nationale Maßnahmen angesehen.

Europa

In Deutschland hat die Bundesregierung sich auf eine Senkung der Mineralölsteuer um 0,17 Euro geeinigt. Den Steuerausfall beziffert sie auf 1,6 Milliarden Euro. Außerdem dürfen Arbeitgeber Angestellten in diesem Jahr einmalig eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie in Höhe von 1000 Euro auszahlen.

Nach heftigen Protesten gegen die steigenden Energiekosten in Irland hat die Regierung in Dublin ein umfangreiches Maßnahmenpaket im Wert einer halben Milliarde Euro beschlossen. Unter anderem erhalten etwa 500.000 Haushalte mit geringem Einkommen einen Heizkostenzuschuss. An der Tankstelle entfallen bis Ende Mai Abgaben in Höhe von 0,22 Euro pro Liter Diesel und 0,17 Euro pro Liter Benzin.

In der Türkei gilt bereits seit 2018 eine gleitende Kraftstoffsteuer. Sie sinkt, wenn der Preis steigt. So gleicht die Regierung Schwankungen automatisch aus - allerdings auf Kosten von Steuereinnahmen. Kürzlich warnte Finanzminister Mehmet Simsek, das System sei nur temporär finanzierbar, nicht aber bei dauerhaft hohen Marktpreisen.

Asien

Viele asiatische Länder betrifft die Blockade der Straße von Hormus sehr direkt, weil sie einen Großteil ihres Öls aus der Golfregion beziehen. Im Falle der Philippinen sind es weit über 90 Prozent. Die Preise von Diesel und Benzin haben sich seit dem 28. Februar verdoppelt. Bisher hat sich die Regierung jedoch darauf beschränkt, die Steuer auf verflüssigtes Gas (LPG) auszusetzen, das die meisten philippinischen Haushalte zum Kochen benötigen. Eine handelsübliche Elf-Kilo-Flasche, die um die 14 Euro kostet, wird dadurch jedoch gerade einmal um rund 0,50 Euro günstiger.

Japan und Südkorea haben mit einer Deckelung der Spritpreise reagiert. Die Regierung in Tokio stellt mehr als vier Milliarden Euro bereit, um den Benzinpreis im Durchschnitt bei umgerechnet etwa 0,91 Euro pro Liter zu halten. Das vorgesehene Budget würde nach vorläufigen Berechnungen knapp drei Monate reichen. Seoul hatte bereits im März eine Preisobergrenze von umgerechnet rund 1,19 Euro pro Liter Kraftsoff festgelegt, erhöhte sie aber kurz darauf um 14 Cent. Um die Verluste von Raffinerien und Großhändlern zu kompensieren, kalkuliert die Regierung rund drei Milliarden Euro. Mit noch einmal der gleichen Summe will die südkoreanische Regierung Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen mit bis zu 350 Euro pro Person unterstützen.

China ist weit weniger auf Öl und Erdgas als Energieträger angewiesen als seine beiden östlichen Nachbarn. Kohle spielt dort ein viel größere Rolle, aber auch erneuerbare Energie. Deshalb sind die Energiekosten dort insgesamt moderater gestiegen. An der Tankstelle ändert das wenig: Der Staat reguliert die Preise zwar, federt die Entwicklung des Weltmarkts allerdings nur bedingt ab. Folglich liegen auch in China die Spritpreise heute rund 30 Prozent höher als vor zwei Monaten.

Indien hat die Spritsteuer um 0,09 Euro pro Liter gesenkt. Das macht immerhin rund zehn Prozent des Preises aus. Zudem hat es die Exportsteuern auf Diesel und Flugbenzin erhöht, damit mehr Treibstoff im Land verbleibt.

Pakistan hat einen vollkommen anderen Angang: Unter anderem hat die Regierung Arbeitgeber angewiesen, 50 Prozent der Büroangestellten im Homeoffice arbeiten zu lassen. Beamte arbeiten nur noch an vier Tagen pro Woche und Regierungsbehörden müssen für zwei Monatemit 50 Prozent weniger Treibstoff auskommen.

Afrika

Auch in Afrika regulieren viele Staaten die Kraftstoffpreise. In Südafrika etwa legt die zuständige Behörde die Spritpreise einmal im Monat nach einer strengen Preisformel fest, die unter anderem Weltmarktpreise und Wechselkurse enthält. Seit Februar sind die Preise der verschiedenen Benzinsorten um etwa 20 Prozent gestiegen, beim Diesel waren es 40 Prozent. Für den Monat April hat die Regierung die Kraftstoffsteuer um etwa 0,16 Euro pro Liter gesenkt, sodass Benzin derzeit rund 1,27 Euro pro Liter kostet und Diesel etwa 1,35 Euro.

In Kenia legt die zuständige Behörde einen Höchstpreis fest. Lange hatte sie diesen trotz der erhöhten Weltmarktpreise konstant gehalten. Erst seit Dienstagabend (14.04.2026) gelten höhere Limits bei einer um drei Prozentpunkte niedrigeren Mehrwertsteuer. Unterm Strich kostet Benzin nun dennoch rund 16 Prozent mehr, Diesel sogar 24 Prozent. Beide liegen nun bei rund 1,36 Euro pro Liter.

Kenia Nairobi 2026 | Lange Schlangen an einer Total Energies Tankstelle
Autofahrer in Kenias Hauptstadt Nairobi standen Schlange, um vor der angekündigten Preiserhöhung noch einmal zu tanken Bild: Tony Karumba/AFP

In Ghana legt die Nationale Erdölbehörde (NPA) einen Mindestpreis fest, an dem sich die Tankstellen wegen des ansonsten freien Wettbewerbs orientieren: Seit Ende Februar hat die NPA die Preisempfehlung für Benzin um 27 Prozent auf 1,02 Euro pro Liter erhöht, den von Diesel um fast 50 Prozent auf 1,32 Euro. Bisher hat die Regierung lediglich angekündigt, die Abgabenlast zu senken.

Amerika

In Mexiko hat sich die Regierung mit einem Großteil der Tankstellenbetreiber auf eine informelle Preisobergrenze von rund 1,18 Euro pro Liter Benzin und 1,37 Euro für Diesel verständigt. Im Gegenzug fließen über die Energiesteuer rund 250 Millionen Euro pro Woche an den Mineralölsektor. Ohne dies lägen die Preise laut Präsidentin Claudia Sheinbaum um bis zu 25 Prozent höher.

In Argentinien hat die streng marktorientierte Regierung sich selbst enge Grenzen für Subventionen gesetzt. Stattdessen hat sie sich mit dem staatlichen Mineralölkonzern YPF darauf geeinigt, die Spritpreise für 45 Tage stabil zu halten, nachdem sie bereits um rund 15 Prozent gestiegen waren. Im Gegenzug darf dem Benzin nun mehr Ethanol beigemischt werden und eine geplante Mineralölsteuererhöhung soll verschoben werden. YPF hatte zuvor von der Liberalisierung des Marktes durch die aktuelle Regierung profitiert.

In den USA hoffte die Regierung vergeblich, dass der Benzinpreis unter der magischen Marke von vier Dollar pro Gallone (etwa 0,97 Euro pro Liter) bleiben würde - ein Anstieg von 35 Prozent seit Ende Februar. Anstalten, die Preise künstlich zu senken, macht die Bundesregierung in Washington DC bisher nicht. Einzelne Bundesstaaten haben jedoch die Benzinsteuer ausgesetzt. In Indiana etwa zahlen Autofahrer dadurch zurzeit 0,04 Euro weniger pro Liter.

Jan Walter Autorenfoto
Jan D. Walter Jan ist Redakteur und Reporter der deutschen Redaktion für internationale Politik und Gesellschaft.