Spät vollendet: Orson Welles′ ″The Other Side of the Wind″ | Filme | DW | 02.11.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Filmgeschichte

Spät vollendet: Orson Welles' "The Other Side of the Wind"

Dass Orson Welles' 1970 begonnener Film "The Other Side of the Wind" noch einmal zu Ende gedreht werden würde, hatte kaum jemand für möglich gehalten. Doch Welles ist mit gescheiterten Projekten in guter Gesellschaft.

Für Filmliebhaber in aller Welt müsste dieser 2. November eigentlich ein Feiertag sein: Ein neuer Orson-Welles-Film startet: "The Other Side of the Wind". Nanu, werden nun viele sagen, der amerikanische Filmregisseur ist doch schon 1985 gestorben. 

Und doch kann das weltweite Publikum jetzt einen Film anschauen, den Orson Welles inszeniert hat - und der bisher so noch nie zu sehen war. Sieht man einmal ab von dem ausgewählten Publikum, dass Ende August bei einer Vorführung während der Filmfestspiele in Venedig dabei war. Nun kommt "The Other Side of the Wind" bei Netflix heraus.

Berühmte Kinoruine der Filmgeschichte

"The Other Side of the Wind" gilt als eines der legendärsten Filmprojekte der Kinogeschichte. Zum einen, weil Orson Welles, der 1941 den bahnbrechenden "Citizen Kane"  drehte, als einer der wichtigsten Regisseure der Filmgeschichte gilt. Zum anderen, weil der Film nie vollendet wurde und den Mythos Orson Welles befeuerte.

Plakat Citizen Kane (picture alliance / Mary Evans Picture Library)

Mit "Citizen Kane" schrieb Orson Welles 1941 Filmgeschichte

Welles drehte den Film in den 1970er Jahren. Er erzählte von einem alternden Regisseur, der nach Jahren der Abwesenheit nach Hollywood zurückkehrt, um dort wiederum an einem Comeback-Film zu arbeiten. Auch dieser Film-im-Film ist in "The Other Side of the Wind" in Auszügen zu sehen. Das ganze Projekt wies einige autobiografische Züge zum Leben von Orson Welles auf.

45 Minuten schnitt der Meister selbst

So sollte "The Other Side of the Wind" ein Vexierspiel werden, in Schwarz-Weiß (die eigentliche Handlung) und in Farbe (der Comeback-Film), selbstreflexiv und verschachtelt. Welles drehte viele Stunden Material. Die Dreharbeiten mussten aus verschiedenen Gründen immer wieder unterbrochen werden. Schließlich verzettelte sich Welles im Schneideraum, fertigte immer wieder neue Versionen an. Schließlich widmete er sich anderen Projekten. Sein Tod 1985 zerstörte dann alle Hoffnungen, dass der Meister selbst "The Other Side of the Wind" jemals fertigstellen würde.

Als relativ gesichert gilt, dass der Regisseur rund 45 Minuten am Schneidetisch bearbeitete. Der Rest des Materials von "The Other Side of the Wind" wurde in Dutzenden Filmdosen gebunkert, die dann in Archiven verschwanden.

Filmstill Der dritte Mann mit Orson Welles (picture alliance/Keystone)

Welles war während seiner Karriere auch immer als Schauspieler aktiv - hier in "Der dritte Mann"

Mehrere Versuche, den Film nach Welles Tod 1985 fertigzustellen, scheiterten an der Finanzierung. Auch rechtliche Auseinandersetzungen um das Material kosteten die an dem Projekt beteiligten Filmschaffenden reichlich Nerven. Der Film wurde schließlich zu Grabe getragen. Von diesem Zeitpunkt an galt "The Other Side of the Wind" als eines der legendärsten, nie vollendeten Filmprojekte der Kinogeschichte. Bis eben nun im vergangenen Jahr der Streaminganbieter "Netflix" die Rechte erwarb und für die Rekonstruktion des alten Welles-Films sorgte.

Orson Welles-Vorgaben zu "The Other Side of the Wind" spielten große Rolle

Federführend bei der Fertigstellung war der Regisseur Peter Bogdanovich, der damals in "The Other Side of the Wind" als Schauspieler ebenfalls dabei war. Das Material wurde neu geschnitten, der Film "vervollständigt". Dabei orientierten sich Bogdanovich und die anderen Mitarbeiter an den Notizen, die Welles hinterlassen hat.

So können die Zuschauer nun auf "Netflix" eine rekonstruierte Filmruine sehen: ein "neuer" Orson Welles-Film im Jahre 2018! Aber natürlich auch ein Kunst-Projekt, das die Zeit überdauert hat und durch die Hände vieler Filmschaffender unterschiedlicher Generationen gegangen ist. 

Die Redaktion empfiehlt