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Russland will Zulassung gestohlener EU-Autos ermöglichen

Nikita Oshuev
29. März 2026

In der EU gestohlene Fahrzeuge sollen in Russland schon bald ganz legal zugelassen werden dürfen. Eine entsprechende Gesetzesänderung ist derzeit in Arbeit. Steigt nun die Zahl der Autodiebstähle in Europa?

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Symbolbild Autodiebstahl: Ein maskierter Mann durchwühlt ein Handschuhfach
Jährlich werden alleine in Deutschland mehr als 30.000 Fahrzeuge gestohlen (Symbolbild)Bild: Robert Kneschke/Zoonar/picture alliance

Russland könnte bald Fahrzeuge legalisieren, die in der EU gestohlen und ins Land gebracht wurden. Seit Anfang Februar werden dort Gesetzesänderungen diskutiert, die vom russischen Innenministerium vorgeschlagen wurden. Werden sie verabschiedet, wird es künftig möglich sein, in EU-Ländern gestohlene Autos in Russland offiziell zuzulassen.

Das Thema sorgt auch in Deutschland für Schlagzeilen. Es wird befürchtet, dass das neue Gesetz einen rasanten Anstieg der Zahl gestohlener PKW zur Folge haben könnte.

Gesetzesänderung auf Putins Anweisung

Das russische Innenministerium bereitete den Gesetzentwurf auf Anweisung von Präsident Wladimir Putin vor, wie die in Moskau erscheinende Tageszeitung Kommersant berichtete. Ziel sei es, die Interessen der Besitzer von Fahrzeugen zu wahren, die "auf Initiative feindlicher Staaten zur Fahndung ausgeschrieben wurden", so das Ministerium in einer Pressemitteilung.

Zu solchen Staaten zählt Russland neben den 27 EU-Mitgliedsländern auch die Schweiz, Norwegen, die USA, Kanada, Japan, Südkorea und Australien.

Fahrzeuge auf einem Parkplatz in München
Fahrzeuge auf einem Parkplatz in MünchenBild: Wolfgang Maria Weber/picture alliance

Ein weiteres Ziel sei die Legalisierung von Fahrzeugen, die von der Ukraine international gesucht werden. Offenbar handelt es sich dabei um Autos, die in den besetzten ukrainischen Gebieten beschlagnahmt wurden.

Russland: Keine Reaktion Deutschlands auf Anfragen

Derzeit ist die Zulassung von Fahrzeugen, die international zur Fahndung ausgeschrieben sind, in Russland verboten. Warum ein Fahrzeug in einer solchen Datenbank aufgenommen würde, lasse sich jedoch in der Regel nicht feststellen, erklärte das Innenministerium laut dem Kommersant-Bericht. Seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine würden die Behörden "feindlicher Staaten" nicht auf russische Anfragen reagieren, Informationen über solche Fahrzeuge bereitzustellen, so das Ministerium.

Als Beispiel wird explizit Deutschland genannt. Das Innenministerium in Moskau behauptet, dass Berlin derartige Anfragen Moskaus "aus politischen Gründen" ignoriere. Offiziellen Angaben zufolge befanden sich in Russland im Januar 2026 insgesamt 123 Fahrzeuge, die Berlin international zur Fahndung ausgeschrieben hatte. Die deutschen Behörden hätten Moskau jedoch keine Informationen über die Gründe der Fahndung mitgeteilt, heißt es.

BKA: Zurzeit kein Datenaustausch mit Russland

Das Bundeskriminalamt (BKA), das für die Aufklärung von Autodiebstählen in Deutschland zuständig ist, bestätigte gegenüber der DW, dass es derzeit keinen Informationsaustausch mit Russland in solchen Fällen gibt.

"Anfragen der russischen Behörden zu durch Deutschland ausgeschriebenen KfZ sind dem BKA bekannt. Da diese jedoch überwiegend zivilrechtliche Fragestellungen (Eigentümerschaft und Rückführungsinteresse des Eigentümers) betreffen, besteht keine Zuständigkeit des BKA", teilte die Behörde mit.

Eine dicht befahrene Straße in der Dämmerung
Straßenverkehr in Nowosibirsk: Gut 100 in Deutschland gestohlene Fahrzeuge sollen sich offiziellen Angaben zufolge in Russland befindenBild: Kirill Kukhmar/TASS/dpa/picture alliance

Das BKA wollte keinе Einschätzung darüber abgeben, ob das neue russische Gesetz zu mehr Autodiebstählen in Deutschland führen könnte. Die 123 offiziell von Russland genannten deutschen Autos, die im Januar international zur Fahndung standen, sind nur ein Bruchteil der tatsächlichen Anzahl in Deutschland gestohlener Fahrzeuge. Nach Angaben des BKA wurden im Jahr 2024 in Deutschland 30.373 Fahrzeuge gestohlen. Nur 8858 Fälle (knapp 30 Prozent) wurden erfolgreich aufgeklärt.

GdP Berlin: Russland begünstigt Kriminalität

Benjamin Jendro, Sprecher der in Berlin ansässigen Gewerkschaft der Polizei (GdP), bestätigte der DW, dass es momentan "auf vielen Ebenen keinen intensiven behördlichen Austausch" mit Russland gibt. "Nach unserer Kenntnis gab es in der Vergangenheit durchaus Fälle, in denen sich russische Behörden gemeldet haben und Fahrzeuge, nach denen gefahndet wurde, dort sichergestellt wurden", sagte der GdP‑Sprecher.

"Allerdings kann sich auch jeder vorstellen, dass sich aus Deutschland momentan eher kein Behördenangehöriger nach Russland begibt, um ein geklautes Fahrzeug abzuholen, zumal die Versicherungssummen bei Auffinden oftmals längst beglichen sind", so Jendro.

Den neuen russischen Gesetzentwurf bezeichnete er als ein "fatales Zeichen" und als "Begünstigung der Kriminalität". "Wir haben seit Jahren stabile KfZ-Diebstahl-Zahlen - auf sehr hohem Niveau. Ein solches Gesetz würde den Kampf der Sicherheitsbehörden gegen internationale Autoschieber-Banden weiter konterkarieren", so der GdP‑Sprecher.

Beamte in Warnjacken mit der Aufschrift "Zoll" kontrollieren einen Pkw ohne Nummernschild auf einem Anhänger
Bei Großkontrollen von deutscher Polizei und Zoll werden auch Autotransporte auf Autobahnen kontrolliertBild: Bodo Schackow/dpa/picture alliance

"Wir sehen seit Jahren, dass Autos geklaut, nach Osteuropa gebracht und dort sofort zerlegt werden, weil die Unternehmen in Sachen Diebstahlschutz mittels verbauten GPS-Trackern massiv nachgerüstet haben. Es gibt aber auch diverse Fahrzeuge, die quasi mittels Einkaufsliste geklaut werden und sehr schnell in Ländern landen, in denen wir nicht mehr an sie herankommen", fügte Jendro hinzu.

Russische Experten: Versicherungsbetrug in großem Stil?

Einige russische Experten weisen auf einen anderen Aspekt hin. Alexander Cholodow von der Gesellschaftlichen Kammer der Russischen Föderation (OPRF) etwa behauptete in einem Interview mit dem russischen Fachportal Autonews, dass das geänderte Gesetz eine Betrugsmasche begünstigen könnte.

"So war es bereits in den 1990er und Anfang der 2000er. Es ging um sogenannten abgesprochenen Diebstahl: Das Auto wird in Deutschland verkauft, gelangt nach Russland, und erst einen Monat später meldet der Eigentümer, dass das Fahrzeug verschwunden ist. Dann erhält er in Deutschland auch noch eine Entschädigung von der Versicherung", so Cholodow. Die Mitglieder der Gesellschaftlichen Kammer werden vom russischen Präsidenten ernannt und sollen öffentliche Anhörungen zu sozial relevanten Gesetzentwürfen durchführen.

Dem stimmte auch der russische Jurist Sergej Smirnow im Interview mit Autonews zu. "Das neue Gesetz könnte dazu führen, dass diejenigen, die außerhalb Russlands leben, ihre Aktivitäten im Bereich des Versicherungsbetrugs im Ausland verstärken. In Europa werden Autos gestohlen, die Geschädigten erhalten Versicherungsleistungen, die Fahrzeuge werden dann illegal nach Russland verbracht und dort durch eine Zulassung legalisiert", so Smirnow.

Deutsche Versicherer: Betrugsmaschen unbekannt

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) widersprach jedoch gegenüber der DW, dass ein solches Betrugsschema tatsächlich verbreitet sei. "Wir haben keine Kenntnis von der beschriebenen Systematik und gehen überdies davon aus, dass es sich bei der ganz überwiegenden Anzahl der Fahrzeugdiebstähle um tatsächliche Diebstähle und nicht um Vortäuschungen handelt", so der GDV. Der Verband betonte zudem, er gehe nicht davon aus, dass eine Änderung der Rechtslage in Russland zu einem signifikanten Anstieg der Diebstähle in Deutschland führen werde.