Russland: Warum die Siegesparaden diesmal kleiner ausfallen
8. Mai 2026
Die traditionelle Parade in Moskau zum Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg wird an diesem 9. Mai in reduzierter Form stattfinden. Keine Militärfahrzeuge sollen über den Roten Platz rollen und auch keine Elitesoldaten der Suworow- und Nachimow-Militärschulen werden ebenso wie andere Korps nicht dabei sein. Russlands Verteidigungsministerium begründet diese Entscheidung mit der "aktuellen Einsatzlage". Dmitrij Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, erklärte, das militärische Gerät werde wegen der "terroristischen Bedrohung", die von der Ukraine ausgehe, nicht bei den Feierlichkeiten eingesetzt.
In manchen russischen Regionen sind die Massenveranstaltungen zum Tag des Sieges komplett abgesagt. So werden in Nischni Nowgorod, Saratow, Tschuwaschien und der Region Kaluga keine Paraden stattfinden und in den Regionen Woronesch, Kursk, Brjansk und Belgorod wird es keine Feuerwerke geben.
Auch in St. Petersburg fällt die Militärparade aus. "Es wird nicht einmal ein restaurierter T-34-Panzer zu sehen sein, der in den letzten Jahren üblicherweise als erstes vorgeführt wurde", heißt es auf der russischen Nachrichtenseite "Fontanka". Anstelle der üblichen drei Tribünen werde es auf dem Palastplatz nur eine einzige für etwa 300 Personen geben. Eingeladen sind "Fontanka" zufolge Veteranen der "Speziellen Militäroperation", wie der Krieg gegen die Ukraine in Russland genannt werden muss.
Verzicht auf militärisches Gerät
Nach Ansicht des österreichischen Militärhistorikers Markus Reisner hat der jüngste ukrainische Angriff auf Perm gezeigt, "dass die Ukraine praktisch in der Lage ist, jedes Ziel in Westrussland zu treffen". Ungeachtet der dichten Luftabwehr um Moskau steige das Risiko eines Angriffs, betont er gegenüber der DW.
Ausrüstung und Gerät, sowie die Logistik um diese zu bewegen, würden zudem an der Front benötigt, so Reisner, und deswegen auf der Parade fehlen. "Nicht wegen der terroristischen Bedrohung, von der Peskow spricht, sondern weil der Krieg alle Ressourcen verschlingt", erläutert der Experte und fügt hinzu: "Russland hat noch genügend Gerät, aber die notwendige Logistik, dies hin und her zu karren, bedeutet einen unverhältnismäßigen Aufwand."
Der Militärexperte Jan Matwejew meint hingegen, die russischen Streitkräfte würden, abgesehen von der Luftverteidigung, über ausreichend militärische Ausrüstung verfügen. "Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Schützenpanzer und Artillerie werden derzeit nur in begrenztem Umfang an der Front eingesetzt. Es ist durchaus möglich, Gerät für die Parade bereitzustellen", betont er gegenüber der DW. "Höchstwahrscheinlich" befürchte der Kreml, ein Einsatz bei der Parade könnte sie zu einem Ziel für die ukrainischen Streitkräfte machen. "Ein weiterer Grund ist, dass man angesichts des gescheiterten Krieges nicht zu viel Aufmerksamkeit auf militärisches Gerät lenken will, um die ohnehin schon unzufriedene Öffentlichkeit nicht weiter zu verärgern", fügt er hinzu.
Bislang habe die Luftabwehr der russischen Hauptstadt ukrainische Drohnenangriffe gut abwehren können, sagt Matwejew weiter. Jedoch sei nicht vorhersehbar, was geschehen würde, sollte es zu einer massiven Attacke kommen. "Es besteht immer das Risiko, dass eine oder drei Drohnen die Verteidigung durchbrechen. Alle anderen Maßnahmen, wie die Abschaltung des Internets, werden sie sicherlich nicht aufhalten", so der Militärexperte .
Bedeutung der Parade für die Staatsmacht
Alexey Uvarov ist Historiker an der Ruhr-Universität in Bochum. Er vergleicht die Militärparaden im modernen Russland zum Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg mit den sowjetischer Paraden zum Tag der Arbeit am 1. Mai und zum Tag der Oktoberrevolution am 7. November. Unter Boris Jelzins Präsidentschaft in den 1990er Jahren sei die Parade zum 9. Mai noch keine regelmäßige Veranstaltung gewesen. "In den Jahren 1995 und 1996 versuchte man, das Thema des 'Großen Vaterländischen Krieges' für sich zu vereinnahmen", erinnert der Historiker. Damit habe die Staatsmacht einerseits die kommunistische Wählerschaft für sich gewinnen wollen, aber auch verschiedene Gesellschaftsschichten, die Jelzin nicht unterstützten.
Viel Wert habe man auch auf ausländische Gäste bei den Paraden gelegt. 2005 und 2010 waren europäische Staats- und Regierungschefs, US-Präsident George W. Bush (nur 2005), der chinesische Präsident und viele andere zugegen. Im Laufe der Zeit nahm die Bedeutung solcher Gäste bei der jährlichen Parade wieder ab. Heute würden sie eine eher untergeordnete Rolle spielen, erläutert Uvarov. Die Betonung von "Normalität und Kontrolle" stehe jetzt im Vordergrund. "Sie ist genauso Teil der symbolischen Parade wie die Neujahrsansprache des Präsidenten."
Wie wichtig die Parade für die russische Staatsmacht sei, habe das Jahr 2020 gezeigt, erklärt der Experte. Damals habe sie trotz der COVID-19-Pandemie stattgefunden. Wie heute auch habe der Kreml zeigen wollen, dass die Lage unter Kontrolle sei. "Die Parade muss stattfinden, einfach weil sie stattfinden muss. Sie dient dazu, den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten, auch wenn diese Normalität bereits bröckelt", betont Uvarov.
"Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Sieg der Sowjetunion ist ein zentrales Instrument der Erinnerungspolitik des Kremls", sagt der Politologe Ivan Fomin der DW. "Diese Narrative untermauern maßgeblich die Legitimität des Regimes. Selbst der aktuelle Krieg mit der Ukraine wird oft durch Parallelen zu jenem Krieg interpretiert." Dies erkläre das Bestreben des Kremls, "bekannte Formen und Rhythmen des Gedenkens beizubehalten".
Auswirkungen einer veränderten Parade
Fomin glaubt nicht, dass eine reduzierte Parade die Popularität Wladimir Putins oder das Vertrauen in die Staatsmacht wesentlich beeinträchtigen werde. "Sie könnte zu einem weiteren Symptom für die Unfähigkeit des Staates werden, die aktuellen Herausforderungen vollständig zu bewältigen", so der Experte. Entsprechende Anzeichen wie Internetsperren oder Drohnenangriffe gebe es ja ohnehin. Zudem könne die Parade an sich bei vielen Russen an Bedeutung verlieren. Das Publikum, das sich vor allem für das militärische Gerät interessiert habe, werde die Parade in diesem und vielleicht auch in den kommenden Jahren nicht mehr anschauen.
Auch die Äußerungen von Dmitrij Peskow könnten Wirkung zeigen, vermutet Fomin. Der Kremlsprecher hatte die Reduzierung der Parade mit möglichen Aktionen der ukrainischen Armee in Verbindung gebracht. Einerseits zeige dies, dass die Regierung die Hauptstadt nicht ausreichend sichern könne. Andererseits könnte es den gegenteiligen Effekt haben und die anti-ukrainische Stimmung weiter anheizen, so der Politologe. "Die Menschen könnten dies als Störung ihrer üblichen Feierlichkeiten durch die Ukraine wahrnehmen, als Verlust, einen wichtigen Jahrestag zu begehen. Die Reaktionen werden unterschiedlich ausfallen."
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk