Rohstoff-Abhängigkeit von China wird für Deutschland teuer
16. November 2025
Es war 2018, als der Deutsche Horst Kreuter und der Australier Francis Wedin auf eine Idee kamen: im Südwesten Deutschlands aus heißem Thermalwasser Lithium und gleichzeitig Strom und Wärme zu gewinnen. Die beiden promovierten Geologen gründeten ein Start-up: Vulcan Energy. "Unsere Prognose ist, dass wir so über 40 Prozent des Lithium-Bedarfs für Europa abdecken können", sagte Kreuter auf einer Industrie-Konferenz der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.
Das chemische Element Lithium gilt als strategisch wichtiger Rohstoff im Bereich Elektromobilität und erneuerbare Energien. In der Europäischen Union steht es auf der Liste der kritischen Rohstoffe. Trotzdem fanden Kreuter und Wedin in Deutschland keine Geldgeber. "Wir sind zu privaten Investoren gegangen, wir sind an die Frankfurter Börse gegangen, die haben uns ausgelacht mit unserer Idee", so Kreuter.
Verlässlich verfügbare Rohstoffe? Das ist teurer
Wer nicht lachte, waren australische Investoren. "Andere denken strategisch, die Deutschen schauen immer nur auf den Preis", kritisiert Kreuter. Auch in der Folgezeit, als das Unternehmen wuchs, als Baugenehmigungen für eine kommerzielle Lithiumgewinnungsanlage und ein Geothermiekraftwerk erteilt wurden, winkten deutsche Kunden ab. Sie kauften lieber billiger in China ein.
Stattdessen meldeten sich bei Vulcan Industrieunternehmen aus Frankreich, Belgien und Südkorea. "Wir haben unsere Produktion für die ersten zehn Jahre bereits verkauft", so Kreuter. "Deutsche Unternehmen denken nicht daran, dass sie auch darin investieren müssen, dass wir hier in Deutschland die Rohstoffe verfügbar haben müssen."
Was für Lithium gilt, gilt erst recht für Seltene Erden
Mit Dumping-Preisen hat sich China über Jahrzehnte ein Monopol als Rohstofflieferant aufgebaut. Nun setzt die Volksrepublik das als geopolitisches, strategisches Machtinstrument ein. Am 9. Oktober wurden die bestehenden Exportkontrollen vor allem für Seltene Erden noch einmal drastisch verschärft - bis hin zu einem kompletten Export-Stopp.
Seltene Erden kommen weltweit gar nicht so selten vor, aber ihre Gewinnung ist aufwendig, dreckig und teuer. Es sind Metalle, die für viele moderne Technologien unverzichtbar sind. Oder, wie es die Vizepräsidentin der Europäischen Investitionsbank (EIB), Nicola Beer, auf der Industrie-Konferenz in Berlin formulierte: "Ohne diese Rohstoffe läuft hier gar nichts mehr."
Zwei Milliarden Euro für den Anfang
Die EIB, zu der auch ein Investitionsfonds gehört, ist das größte multilaterale Finanzierungsinstitut der Welt. Ihre Hauptaufgabe ist es, Investitionen zu fördern, die die politischen und wirtschaftlichen Ziele der Europäischen Union unterstützen. Zwei Milliarden Euro sind erst einmal vorgesehen, um die EU unabhängiger vor allem von chinesischen Rohstoff-Exporten zu machen, die Summe könnte aber schnell größer werden, so Beer. Investiert werde in Europa, aber auch in Partnerstaaten. Die Projekte umfassen die Bereiche Bergbau, Verarbeitung, Recycling und Substitution.
Zwar haben die USA in Verhandlungen mit China kurzfristig erreicht, dass die drastischen Exportbeschränkungen für ein Jahr ausgesetzt werden; davon profitiert auch die EU. Ausfuhrlizenzen werden aber weiterhin an politische Bedingungen geknüpft. Für die Rüstungsindustrie bleibt es beim Stopp. Für Bankerin Beer heißt das: "Zurücklehnen ist nicht. Durchatmen und noch schneller laufen ist die Devise."
Deutschland ist alarmiert
Auch die deutsche Politik scheint erkannt zu haben, wie dringlich die Lage ist. "Wir sind Zeitzeugen einer tektonischen Verschiebung der politischen und ökonomischen Machtzentren auf der Welt", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Ende Oktober beim Halbleiter-Hersteller GlobalFoundries in Dresden. Technologische Souveränität sei zu einer zentralen Sicherheitsfrage geworden. "Ob wir Deutsche und ob wir Europäer eine Chance haben, in dieser sich so dramatisch verändernden Zeit unserer Welt unsere Freiheit zu bewahren, unsere Sicherheit zu schützen, unseren Wohlstand und nicht zuletzt auch unsere Demokratien zu erhalten, diese Frage ist nicht beantwortet."
Über Rohstoffversorgung wird in Deutschland seit Jahrzehnten debattiert. 2010 verkündete die Regierung die erste nationale Rohstoffstrategie. 2020 wurde sie neu aufgelegt, kam über eine Absichtserklärung aber nicht hinaus. 2024 wurde ein Rohstofffonds aufgelegt, der eine Milliarde Euro enthalten soll. Das Ziel: Der Bund soll sich entweder direkt oder mit Garantien an Rohstoff-Abbauprojekten beteiligen, um deutschen Unternehmen alternative Lieferpartner zu ermöglichen. Noch ist kein Geld investiert.
Vorwurf der Industrie: Die Debatte kommt zu spät
Man stehe beim Rohstofffonds in den Startlöchern, heißt es im November 2025 aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Aktuell werden drei Projekte auf ihre Förderwürdigkeit abschließend geprüft - eins davon ist laut Geologe Horst Kreuter die Lithiumgewinnung von Vulcan Energy.
Die deutsche Industrie hätte sich gewünscht, dass der Staat schon früher mehr Engagement gezeigt hätte. "Die Debatte kommt eigentlich viel zu spät", so Anne Lauenroth, die sich beim Bundesverband der Deutschen Industrie mit dem Thema Rohstoffe beschäftigt. Studien zeigten, dass ab etwa 2030 das weltweite Rohstoff-Angebot mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten werde. "Wenn man jetzt nicht vom 'worst case' ausgeht, dass komplette Produktionen stillstehen, dann geht es um Preissteigerungen und um Engpässe", prognostizierte sie auf der Industrie-Konferenz.
Wer soll für die Unabhängigkeit bezahlen?
Um unabhängiger zu werden, seien Investitionen "in Milliardenhöhe" nötig, und diese Kosten seien für die Unternehmen "ein Riesenthema". Lauenroth spricht von einem "Diversifizierungs-Delta", das ausgeglichen werden müsse. "Mir geht es nicht darum, dass der Staat alles regeln soll oder mit Steuergeldern in alles reingehen soll." Aber es müsse eine Absicherung und Kofinanzierung durch den Staat geben, um die Kosten zu verteilen. "Es geht um ein neues Verhältnis, wie wir als Industrie und Politik zusammenarbeiten."
Was man sich in der Industrie wünschen würde: den Aufbau von nationalen Lagern für kritische Rohstoffe, wie es die USA beispielsweise schon lange für ihre Rüstungsindustrie machen. Auch in Japan ist der Staat aktiv geworden, nachdem China 2010 einen Exportstopp für Seltene Erden verhängte. Lauenroth verweist auf eine Rohstoffbehörde, die sich dort mit 1000 Mitarbeitern und einem Budget von 14 Milliarden Euro um die Versorgung kümmere. Dazu gehört beispielsweise die Subventionierung einer Mine für Seltene Erden in Australien, die wegen der chinesischen Dumping-Preise nicht wettbewerbsfähig ist.
Keine Abkehr von der Marktwirtschaft
Matthias Koehler, der sich im Bundeswirtschaftsministerium mit dem Thema Rohstoffe befasst, kritisiert die Anspruchshaltung der deutschen Industrie. Die Politik könne nicht die Geschäftspolitik für die Unternehmen machen. "Wir sollten an der Marktwirtschaft festhalten." Es werde auch weiterhin Aufgabe der Unternehmen sein, ihre Risiken und ihre Abhängigkeiten von Lieferanten zu bewerten und entsprechend zu reagieren. "Wenn ich meinen Einkauf nur nach der Preislogik mache, werde ich nicht aus Abhängigkeiten herauskommen", kritisiert Koehler die Konzerne.
Auch eine staatliche Lagerhaltung hält er angesichts der Vielzahl von deutschen Industrieunternehmen für unrealistisch. Deutschland sei immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit abertausenden Unternehmen. Der Staat könne nicht einschätzen, wo welcher Bedarf gegeben sei. "Da lege ich für irgendeinen Rohstoff ein Lager an, und das würde dann aber nicht abgerufen - das kann nicht funktionieren", so Koehler.
In der Industrie will man das nicht gelten lassen. In China beschäftige sich der neue Fünfjahresplan bereits mit den nächsten Technologiesprüngen, so Anne Lauenroth. "Wir müssen das zusammendenken im Sinne einer strategischen Technologiepolitik, ansonsten werden wir immer erpressbar bleiben."