Rheingau Musik Festival: ″Wir sind vollkommen unabhängig″ | Musik | DW | 22.06.2019
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Festivalsommer

Rheingau Musik Festival: "Wir sind vollkommen unabhängig"

In der hochsubventionierten Kulturlandschaft in Deutschland kommt dieses Musikfestival nahezu ohne öffentliche Gelder aus. Wie das geht, erklärt Rheingau-Festivalgründer Michael Herrmann zum Auftakt des Konzertsommers.

Das Rheingau Musik Festival gehört zu den größten Festivals in Europa. Am 22. Juni 2019 startet es mit dem Klassiker "Stabat Mater" von Anton Dvořák in den diesjährigen Festivalsommer. Das Eröffnungskonzert findet im Kloster Eberbach statt - eine von insgesamt 40 Spielstätten im Rheingau. 

2019 stehen rund 140 Konzerte auf dem Programm. Mit Klassik, Jazz, Pop und Weltmusik ist es so vielfältig wie die Landschaft, in der die Aufführungen stattfinden: ein 38 Kilometer langes, idyllisches Weinbaugebiet zwischen Wiesbaden und dem Mittelrheintal, eine Gegend voll mit historischen Burgen und Schlössern.

Auf der Veranstaltungsliste finden sich in diesem Jahr wieder große Namen, darunter der russische Pianist Daniil Trifonov als "Artist in Residence", die deutsche Sopranistin Christiane Karg als Fokus-Künstlerin oder die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen als "Orchestra in Residence". Auch die legendäre Popformation "Kool & The Gang", die erstmals auf dem Festival auftritt, ist mit einem Open-Air-Konzert vertreten.

Das Motto des diesjährigen Festivals, das bis zum 31. August 2019 geht, lautet "Courage" und wird von internationalen Künstlern umgesetzt, die über den Tellerrand schauen. Einige arbeiten unter schwierigen Bedingungen oder sind sozial sehr engagiert. Am 7. Juli tritt das Bochabela String Orchestra aus Südafrika auf. Die Jugendlichen, die aus dortigen Townships kommen, spielen neben Joseph Haydn eine "Nelson-Messe" zu Ehren Nelson Mandelas, der vor 101 Jahren geboren wurde. Zum Auftakt des Rheingau-Festivals traf sich Mitbegründer und Intendant Michael Herrmann mit der DW zum Gespräch.

DW: Das Rheingau Musik Festival geht in die 32. Saison. Sie haben es 1987 ganz ohne öffentliche Subventionen gegründet. Das ist im internationalen Vergleich nichts Ungewöhnliches, aber in Deutschland schon. Wurden Sie deshalb von anderen Veranstaltern skeptisch behandelt?

Im Gegenteil, eher bewundert. Das Problem ist, dass viele Intendanten von Festivals, aber auch von Opernhäusern, immer vorgehalten bekommen: "Macht das so wie Michael Herrmann beim Rheingau Musikfest!" Und deshalb sehen sie uns vielleicht nicht so gerne, weil sie als gutes Beispiel vorgezeigt bekommen, was vor allem bei Opernhäusern nicht funktionieren würde.

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen auf einer Wiese (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und ihr künstlerischer Leiter Paavo Järvi haben mit ihren Aufnahmen großes Aufsehen erregt - und auch zwei Fernseh-Dokus mit der Deutschen Welle gemacht

Welche Vorteile hat dieses Geschäftsmodell?

Ich bin dadurch natürlich vollkommen unabhängig. Auch die Sponsoren haben keinen Einfluss auf das Programm. Wenn ich dagegen Geld von der öffentlichen Hand hätte, gäbe es schon die Möglichkeit, dass man etwa mal sagen würde: "Wir haben eine Verbindung mit dieser Region in Italien, da gibt es einen hervorragenden Chor. Wollen Sie sie nicht mal einladen?" Und dann bin ich in gewissen Zwängen, denn wenn ich sage: "Nee, will ich nicht", dann heißt es vielleicht dann: "Morgen ist unsere Budgetbesprechung, überlegen Sie sich das nochmal!" Also, dagegen bin ich vollkommen frei.

Wie setzt sich Ihr Konzert-Programm zusammen?

80 Prozent klassischer Musik, dann ungefähr zehn Prozent Jazz, Weltmusik und Musikkabarett, aber wir haben auch noch zeitgenössische ernste Musik, etwa in Form eines Portraits eines lebenden Komponisten. Wir haben sogar viele Konzerte mit zeitgenössischer Musik. 

Auf welche Veranstaltungen möchten Sie in diesem Jahr besonders aufmerksam machen? Sicherlich auf alle, denn Sie sind ja da auch verantwortlich... 

Es gibt Schwerpunkte wie den Jazzfokus mit Curtis Stigers oder im klassischen Bereich die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die in diesem Jahr den Rheingau Musikpreis bekommt. Dann große Oratorien im Kloster Eberbach, zum Beispiel das Mozart-Requiem oder Haydns "Schöpfung" oder Händels "Messias". Solche großen Werke interessieren ein internationales Publikum.

Möchten Sie die Horizonte des Publikums erweitern? Oder reicht es auch, einfach zu sagen: Wir unterhalten!

Wir haben sehr viele Programme auch für Kinder und Jugendliche - oder auch den "Treffpunkt Jugend": Da treten junge Künstler auf, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Unsere Einführungen vor den Konzerten werden auch stark besucht. Das geht schon in Richtung Musikbildung. Aber wir haben keinen Bildungsauftrag als solchen.

Seit vergangenem Jahr gibt es eine Medienpartnerschaft mit der DW. Was bedeutet das für Sie?

Der Rundfunk ist für uns schon sehr wichtig. Durch die European Broadcasting Union sind wir international bekannt, weil die Konzerte europaweit ausgetragen werden. Und mit der Deutschen Welle ist das natürlich viel interessanter, weil die Konzerte dort weltweit ausgetragen werden. 

Sopranistin Christiane Karg (Picture-Alliance/dpa/G. Schenker/KunstKlang Feuchtwangen)

Seit 2006 Stammgast bei den Salzburger Festspielen, jetzt auch im Rheingau: die Sopranistin Christiane Karg

Bei all den Musikfestivals, die es gibt: Was genau ist besonders beim Rheingau Musik Festival?

Unsere Zielgruppe ist an der Verbindung zwischen Architektur - zum Beispiel Aufführungen im schönen Ambiente von Kloster Eberbach oder Schloss Johannisburg - und hochkarätiger Musik interessiert. Wir sind in einer Weingegend, und bei allen unserer Konzerten werden lokale Weinsorten an Ständen ausgeschenkt. Hinzu kommt noch die Jahreszeit. Wenn das Konzert bei uns zu Ende ist, ist es noch bis halb elf Uhr nachts hell. Das ist ein großer Unterschied zu den normalen Konzertveranstaltern.

Welche ungewöhnliche Programme gibt bzw. gab es bei Ihnen?

Wir haben zum Beispiel alle Klavierwerke Chopins aufgeführt, das gesamte Klavierwerk von Bach, alle 32 Klaviersonaten von Beethoven oder das gesamte Schubert-Programm. Wir haben an drei Abenden sämtliche Violinsonaten von Beethoven mit Anne-Sophie Mutter aufgeführt, die auch von der Deutschen Grammophon mitgeschnitten wurden. So etwas kann sich ein Festival leisten.

Daniil Trifonov am Flügel (Imago/ITAR-TASS)

Der russische Pianist Daniil Trifonov ist inzwischen Kult

Ein Festival ist ja per Definition ein Ausnahmezustand. Wie hoch ist der Publikumszuspruch, in Zahlen ausgedrückt?

Jedes Jahr werden über 90 Prozent der verfügbaren Karten verkauft. Das hängt auch damit zusammen, dass wir den Kartenverkauf alleine organisieren, und wir beraten dann auch. Wenn einer in ein Konzert von Anne-Sophie Mutter gehen will, das dann ausverkauft ist, haben wir noch drei andere Geiger: Frank Peter Zimmermann oder Arabella Steinbacher oder wen auch immer. Von zehn Interessenten für Anne-Sophie Mutter kann ich bestimmt an zwei oder drei noch ein anderes Konzert verkaufen. Das kann eine normale Vorverkaufsstelle nicht machen. Dass wir den Verkauf selbst machen, ist ein großes Plus.

Kloster Eberbach von oben (picture-alliance/dpa/F. Gierth)

Im Kloster Eberbach wurde der Kultfilm "Der Name der Rose" (1986) mit Sean Connery gedreht

Und wie ist Ihr Finanzbedarf gedeckt?

Die Kosten belaufen sich auf jährlich 8,2 bis 8,5 Millionen Euro. Davon wird circa die Hälfte durch Kartenverkauf gedeckt,  die andere Hälfte brauche ich dann von Sponsoren.

Die keinen Einfluss ausüben wollen?

Die wollen es vielleicht, können es aber nicht.

Das Gespräch führte Rick Fulker.

 

Michael Herrmann ist Mitbegründer des Rheingau Musik Festivals und seit der Gründung im Jahr 1987 dessen Intendant und Geschäftsführer. Die Idee zum Festival entstand bereits Anfang der 1970er Jahre, als Herrmann in Chorkonzerten im Kloster Eberbach in Eltville am Rhein sang. Das Kloster ist heute einer der circa 40 Spielorte des Festivals. 

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