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Rätselhafter Drohnenangriff auf Moskau: Was ist bekannt?

Evgeniy Dyuk
18. März 2026

Die russischen Behörden sprechen vom größten Drohnenangriff des Jahres 2026 auf die russische Hauptstadt. Doch anders als bei früheren Attacken gibt es kaum Beweise für einen solchen Großangriff.

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Zerstörungen an einem Wohnkomplex bei Moskau durch ukrainische Drohnen im Jahr 2025
Folgen eines Drohnenangriffs in der Region Moskau im März 2025Bild: TATYANA MAKEYEVA/AFP/Getty Images

Laut der russischen Nachrichtenagentur TASS war es der größte Drohnenangriff auf die Hauptstadt Moskau seit Jahresbeginn: Der Angriff durch die Ukraine dauerte Behördenangaben zufolge vom 14. bis 16. März. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin behauptete auf Telegram, die russische Luftabwehr habe insgesamt 289 Drohnen zerstört, die sich "direkt im Anflug auf Moskau und an der zweiten Verteidigungslinie Richtung Moskau" befanden. Den Berichten zufolge waren "Spezialisten der Rettungsdienste am Absturzort der Trümmer im Einsatz".

Sichtungen von Drohnen wurden auf einzelnen Telegram-Kanälen veröffentlicht. So wurden beispielsweise Drohnen im Kreis Troizkij bei Moskau, in den Städten Koroljow, Dubna und Wolokolamsk sowie im Bezirk Krasnopachorskij gemeldet. Russische Medien berichteten jedoch so gut wie gar nicht über Folgen der gemeldeten Angriffe. Es gab weder Berichte über Tote und Verletzte noch über zerstörte Gebäude, was nach massiven Angriffen sonst üblich ist.

Die einzige sichtbare Folge der dreitägigen Angriffe waren die Einschränkungen im Betrieb der Moskauer Flughäfen. Laut dem Telegram-Kanal der russischen Luftfahrtbehörde Rosawiazija waren am 16. März Landungen und Starts auf den Moskauer Flughäfen Scheremetjewo, Wnukowo, Domodedowo und Schukowskij sowie den Flughäfen in Kaluga, Saratow, Kasan, Nischnekamsk, Kirow und Krasnodar vorübergehend eingeschränkt worden. Offen blieb, wie ein so großer Angriff ohne erkennbare Folgen bleiben konnte. 

Zweihundert Drohnen Richtung Moskau?

"Der Feind versucht, bis ins Zentrum Moskaus vorzudringen, einschließlich der Residenz des Präsidenten im Kreml", berichtet Radar Plus, ein Telegram-Kanal, der den russischen Angriffskrieg unterstützt und Drohnenangriffe in Russland verfolgt. Demnach wurden zwischen dem 14. und 16. März in russischen Regionen 540 Drohnen abgeschossen, darunter 124 in Moskau und Umgebung.

Größere Angriffe auf die russische Hauptstadt werden meist auch von ukrainischen Telegram-Kanälen mit Fotos und Videos von Schäden dokumentiert. Entsprechende Beweise konnte die DW aber nicht finden. Das ukrainische OSINT-Projekt Exilenova+, das Informationen aus offenen Quellen auswertet, äußert sich skeptisch zu den Berichten über den großen Angriff auf Moskau. Die Analysten konnten lediglich vereinzelte Angriffe mit Videomaterial bestätigen, darunter aus Labinsk (Region Krasnodar) und von einem Reparaturwerk für Flugzeuge in Staraja Russa (Gebiet Nowgorod).

Blick auf das Gebäude des russischen Verteidigungsministeriums in Moskau
Gebäude des russischen Verteidigungsministeriums in MoskauBild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Die Angaben zum Ausmaß der Angriffe in Berichten des russischen Verteidigungsministeriums variieren. So gab das Ministerium beispielsweise an, allein in der Nacht zum 16. März seien 145 ukrainische Drohnen über 13 russischen Regionen und der annektierten Krim zerstört worden. 53 davon seien über der Region Moskau abgefangen worden, darunter 46, die direkt auf die Hauptstadt zusteuerten. Später berichteten russische Medien unter Berufung auf eine Mitteilung des Ministeriums, dass innerhalb von 24 Stunden 494 Drohnen über russischem Territorium zerstört worden seien. Insgesamt meldete es vom 14. bis 17. März den Abschuss von 183 Drohnen allein in der Region Moskau.

Massenangriff ohne sichtbare Schäden?

Im Gegensatz zu Moskau meldeten die Gouverneure mehrerer Regionen Schäden. Der Gouverneur der Region Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, gab an, dass eine Drohne in der Nähe einer sozialen Einrichtung in der Stadt Korotscha explodiert sei. Fünf Personen seien verletzt worden, sie hätten aber eine Einweisung ins Krankenhaus abgelehnt. In der Region Brjansk berichtete Gouverneur Alexander Bogomas von drei Verletzten. Drei Wohnhäuser und ein Auto seien beschädigt worden.

"Es könnte sich um Falschmeldungen oder maßlose Übertreibungen handeln", sagt der russische Militärexperte Jan Matwejew über die offiziellen Berichte. Er vermutet, dass sie politisch motiviert sein könnten. "Solche Berichte könnten dazu dienen, weitere Einschränkungen des Internets zu rechtfertigen", so Matwejew. Er betont, dass es nach großen Angriffen normalerweise zahlreiche Fotos und Videos von Augenzeugen gibt. Das Fehlen solchen Materials könnte eine Folge der bestehenden Einschränkungen des Mobilfunks und Internets in Russland sein. "Wenn die Leute kein Internet haben und Telegram nicht funktioniert, gibt es kaum Beweise. Wäre aber etwas Bedeutendes passiert, hätten die Leute trotzdem einen Weg gefunden, Material zu veröffentlichen. Eigentlich tauchen fast alle Beweise innerhalb von 24 Stunden auf, die meisten davon in den ersten Stunden", so der Experte.

Frühere Drohnenangriffe auf Moskau

Das unabhängige russische Portal Agentstwo vergleicht die aktuelle Angriffsserie auf Moskau mit den beiden größten auf die Hauptstadt im Jahr 2025 - am 11. März und am 11. Dezember. Im März, als offiziellen Angaben nach über 70 Drohnen auf die Stadt zuflogen, hatte der Angriff schwerwiegende Folgen. Eine Drohne stürzte auf den Parkplatz eines Unternehmens, wobei ein Wachmann getötet wurde. Zwei weitere Personen starben später im Krankenhaus. Auch Wohnhäuser in den Städten Ramenskoje und Widnoje bei Moskau wurden beschädigt. Laut Behörden wurden mindestens 18 Personen verletzt.

Zwei russische Sicherheitskräfte am Ort eines Drohnenangriffs auf ein Hochhaus mit Glasfassade in Moskau im Jahr 2023
Russische Sicherheitskräfte am Ort eines Drohnenangriffs in Moskau im Jahr 2023Bild: EVGENIA NOVOZHENINA/REUTERS

Der Angriff im Dezember, bei dem 41 Drohnen zum Einsatz kamen, forderte zwar keine Opfer, führte aber zu erheblichen Beeinträchtigungen an den Flughäfen Wnukowo, Domodedowo, Schukowskij und Scheremetjewo. Über 200 Flüge waren verspätet oder wurden gestrichen. Unter anderem konnte das Flugzeug des armenischen Premierministers Nikol Paschinjan in Moskau nicht landen. Daher wirft das Ausbleiben spürbarer Folgen der aktuellen Angriffe Fragen auf. OSINT-Experte Kirill Michajlow hält die Situation für ungewöhnlich. "Früher gab es selbst bei einer geringeren Anzahl von Drohnen Folgen", sagte er dem Portal Agentstwo.

Internet-Einschränkungen wegen Drohnen?

Der von Russlands Behörden gemeldete massive Drohnenangriff auf Moskau fiel zeitlich mit der Einschränkung des mobilen Internets in der Hauptstadt zusammen. Konkrete Erklärungen seitens der Stadt Moskau gab es dazu bisher keine. Die Behörden auf föderaler Ebene bringen jedoch seit Längerem die Kommunikationsausfälle mit der Drohnen-Gefahr in Verbindung. Bei einem Treffen in Jekaterinburg am 17. März erklärte der Sekretär des russischen Sicherheitsrates, Sergej Schoigu, die Entwicklung ukrainischer Drohnen mache praktisch alle Regionen des Landes verwundbar. 

"Das Entwicklungstempo von Waffen, insbesondere von Drohnen, ist so hoch, dass sich keine Region Russlands sicher fühlen kann", sagte er. Ähnliches ist auch aus dem Kreml zu hören. Kremlsprecher Dmitrij Peskow erklärte, dass die Einschränkungen des mobilen Internets so lange wie nötig bestehen bleiben könnten, "um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten". Präsident Wladimir Putin hatte zuvor erklärt, regionale Kommunikationsausfälle könnten nötig sein, um die Menschen vor Drohnenangriffen zu schützen.

Experten halten aber solche Maßnahmen nur für begrenzt wirksam. Michail Klimarjow von der Internet Protection Society erklärte gegenüber der DW, dass Drohnen zwar Mobilfunk zur Datenübertragung und Kurskorrektur nutzen könnten, dies aber lediglich eine unterstützende Funktion habe. Moderne Drohnen könnten auch ohne Internetzugang eine vorgegebene Flugbahn beibehalten, da sie auch eine Satellitennavigation und andere Mittel zur Kurskorrektur nutzen könnten. "Drohnen fliegen also auch ohne Internetzugang auf einer vorgegebenen Flugbahn weiter", so der Leiter der gemeinnützigen Organisation, die sich für ein freies, offenes Internet in Russland einsetzt.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk