Portugals Rüstungsbranche startet durch
25. April 2026
Mit Verteidigung lassen sich gute Geschäfte machen. Das haben viele portugiesische Unternehmen erkannt, die immer stärker und mit immer besseren Angeboten auf den Markt drängen. Rund 2,1 Milliarden Euro setzte der Bereich Rüstung im vergangenen Jahr um, rechnet José Neves von der Interessenvertretung 'AED Cluster Portugal' vor: "Und die Tendenz zeigt nach oben."
Andererseits kauft Portugal fleißig im Ausland ein, um das mit der NATO vereinbarte Fünf-Prozent-Ziel vom Bruttoinlandsprodukt für Verteidigung zu erreichen. Lissabonn kauft Fregatten in Italien, Panzer in Deutschland und neue Kampfjets. Ob die aus den USA oder aus Europa kommen, ist allerdings noch nicht entschieden.
"Europäische Lösungen"
Ausgerechnet Portugals Verteidigungsminister Nuno Melo hatte 2025 den eigentlich schon so gut wie beschlossenen Kauf der amerikanischen F-35-Kampfjets von Lockheed-Martin in Frage gestellt. Er äußerte damals Zweifel an der Bündnistreue der USA unter einem Präsidenten Trump, erklärte, auch europäische Lösungen müssten in Betracht gezogen werden. Jetzt sind die ältesten der 28 portugiesischen F-16-Jäger über 30 Jahre alt, und es muss demnächst eine Entscheidung getroffen werden.
Und da kommt Schwedens Rüstungskonzern Saab ins Spiel. Der möchte den Portugiesen seinen Jet Gripen-E verkaufen: "Der Gripen E wäre eine echt europäische Lösung", schreibt Daniel Boestad, der Saab-Vizepräsident, der für den Gripen zuständig ist, auf Anfrage der DW.
"Der Gripen-E würde die portugiesischen und europäischen strategischen Verteidigungskapazitäten durch langfristige Industriepartnerschaften und technologische Souveränität stärken."
Dreieckskopperation Schweden, Portugal, Brasilien
Anders als die Amerikaner will Saab die portugiesische Rüstungsindustrie am Gripen-Projekt beteiligen: So könnte der Luftfahrtinstandhaltungskonzern OGMA Teile des Flugzeugs herstellen.
Der ehemals staatliche portugiesische Rüstungsbetrieb wurde 2004/2005 im Rahmen der Privatisierung von dem brasilianischen Flugzeugbauer Embraerübernommen, der 65 Prozent der Anteile erwarb. Der drittgrößte Flugzeugbauer weltweit ist Marktführer für Regionalflugzeuge, produziert aber auch Militärjets.
OGMA produziert bereits Flugzeugteile für Embraer. Portugal kauft dafür im Gegenzug Militärtransportflugzeuge.
"Darüber hinaus prüfen wir das Potential für weitere Zusammenarbeit in den Bereichen Produktion und MRO", schreibt Boestad, wobei das Kürzel für Wartung, Reparatur und Überholung steht.
Militär-Software made in Portugal
Doch auch in anderen Bereichen setzen die Schweden auf Portugal, nämlich auf das Software-Unternehmen "Critical Software". Das entwickelt einen Flugsimulator für den Kampfjet Gripen-E.
"Wir arbeiten mit Saab zusammen, weil es eine interessante Herausforderung ist, und weil wir uns mit dem Projekt identifizieren können", versichert CEO João Carreira. Aus seinem 1998 gegründeten Drei-Mann-Büro ist ein internationales Unternehmen mit rund 5000 Mitarbeitern geworden.
Zuerst produzierte die Firma Software für Fregatten der portugiesischen Marine. Mittlerweile betreibt "Critical Software" Joint-Ventures unter anderem mit BMW und arbeitet mit deutschen Rüstungskonzernen wie Diehl oder Rheinmetall zusammen.
"Wir erstellen Software für Militärsatelliten, Drohnen und Raketensysteme. Wir arbeiten mit Airbus zusammen, mit dem militärischen, aber natürlich auch dem zivilen Unternehmensbereich."
Rüstungs-Cluster wächst beständig
Portugals Verteidigungsindustrie könne zufrieden sein, freut sich José Neves vom 'AED Cluster Portugal': "In den vergangenen fünf Jahren hat sich viel getan. Wir sind zu einem ernstzunehmenden Player mit rund 20.000 Arbeitsplätzen geworden."
Unternehmen wie der Drohnenbauer Tekever, der die ganze Welt beliefere, oder "Critical Software" seien dafür verantwortlich, dass internationale Partner Vertrauen in die portugiesische Rüstungsindustrie gefasst hätten.
An so ziemlich allem, was auf dem europäischem Verteidigungsmarkt angeboten werde, sei Portugal inzwischen beteiligt, als Zulieferer oder - immer öfter - als Endprodukthersteller. José Neves: "Auch in der Ukraine kommen portugiesische Drohnen und Kommunikationssysteme zum Einsatz."
Nun geht es darum, den Einsatz von KI auszubauen. Der Flugsimulator, den "Critical Software" entwickelt, ist noch nicht das Endprodukt.
"Unser Ziel ist es, einen KI-Copiloten für den Gripen-E zu entwickeln", sagt João Carreira, der CEO. "Der soll den Piloten unterstützen und würde den Jet noch besser machen."
Auch für die portugiesische Luftwaffe, die - so scheint es - eigentlich den etwas überlegenen und viel teureren US-Tarnkappenjäger F-35 will?
"Saab ist bereit, Portugal beim Ersetzen der alternden Kampfflugzeugflotte zu unterstützen", betont Vizepräsident Boestad. "Wir freuen uns darauf, den Dialog weiterzuführen und Portugal zu helfen, das neue Waffensystem für seine Luftwaffe zu wählen."
Ärger mit Washington vermeiden
Ob Portugal diesen Kauf allerdings wirklich frei entscheiden kann, stellt Bruno Oliveira Martins vom Osloer Friedensforschungsinstitut PRIO in Frage: "Die unkritische Haltung Portugals gegenüber der Nutzung des US-Luftwaffenstützpunkts auf den Azoren durch die USA im Iran-Krieg deutet darauf hin, dass die portugiesische Regierung nur wenig Autonomie und Entschlossenheit besitzt, um den USA in militärischen Angelegenheiten entgegenzutreten."
Im Klartext: Das kleine Portugal könne es sich kaum leisten, den großen Partner USA durch den Kauf nichtamerikanischer Flugzeuge zu verärgern. "Dabei gehört zu den Voraussetzungen der Schaffung einer zukunftsorientierten europäischen Verteidigungsindustrie auch heute schon die Beschaffungen von Ausrüstung, die zwar nicht unbedingt auf dem allerneuesten Stand, aber dennoch gut genug ist."
Für viele Verteidigungsaufgaben sei es nicht nötig, das neueste und fortschrittlichste Material zu kaufen. Dem portugiesischen Verteidigungsminister dürfte die Entscheidung, ob er immer noch europäische Kampfflugzeuge kaufen will, nicht leichtfallen.