Patriot-Flugabwehr für Polen: kampferprobt und teuer | Deutschland | DW | 24.11.2022
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Militär

Patriot-Flugabwehr für Polen: kampferprobt und teuer

Polen grenzt an die Ukraine, Russland ist nah. Das Raketen-Abwehrsystem Patriot soll die Sicherheit erhöhen. Es ist gegen Bedrohungen aus der Luft konzipiert.

Patriot Flugabwehrsystem

Ein gefechtsbereites Flugabwehrraketensystem vom Typ Patriot

Seit Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begann, läuft es häufig folgendermaßen ab: versorgt ein NATO-Land die Ukraine mit Waffen, wird es wiederum von einem anderen NATO-Land mit neuem militärischen Gerät ausgestattet. Das ist auch als "backfilling" bekannt.

Die Ankündigung Deutschlands,  Polen mit den eigenen Patriot-Abwehrraketen zu versorgen, ist die jüngste Maßnahme im Rahmen dieser Verlagerung von NATO-Ressourcen, die sich weitgehend auf die Richtung Russland zugewandte Ostflanke konzentriert.

"Polen ist unser Freund, Verbündeter und als Nachbar der Ukraine besonders exponiert", sagte die deutsche Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, nachdem sie am Montag mit ihrem polnischen Pendant gesprochen hatte.

Raketeneinschlag fordert zwei Todesopfer in Polen

Patriots: Luftabwehr aus einer Hand

Polens Anfälligkeit, diesem Krieg unmittelbar ausgesetzt zu sein, zeigte sich Anfang des Monats, als eine Rakete auf polnischem Staatsgebiet einschlug. Laut polnischen und anderen NATO-Vertretern handelte es sich wahrscheinlich um eine verirrte ukrainische Rakete und nicht um ein aus Russland abgefeuertes Geschoss. Der Vorfall, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen, markiert jedoch ein Novum: Erstmals trafen Waffen, die in dem neunmonatigen Konflikt eingesetzt werden, ein Drittland.

Je nach Art und Flugbahn der gelandeten Rakete hätte das Patriot-Luftabwehrsystem die Chance gehabt, sie abzufangen.

Das Patriot-System hat eine lange Geschichte hinter sich. Es wurde in den frühen 1960er-Jahren entwickelt, erhielt seinen heutigen Namen und Ausführung jedoch erst ein Jahrzehnt später. Die US-Armee begann in den 1980er-Jahren mit dem Einsatz des Systems, das aus einer Reihe von Radargeräten, Befehls- und Kontrolleinheiten und verschiedenen Raketenabfangsystemen besteht.

Infografik Patriot System DE

Der US-Waffenriese Raytheon stellt Patriot her und hat dessen Fähigkeiten seither mehrfach verbessert. Nach eigenen Angaben plant das Unternehmen, bis mindestens 2048 mit den technischen Entwicklungen Schritt zu halten. In seiner aktuellen Version kann das Patriot-System taktische ballistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen, Flugzeuge und "andere Bedrohungen" abwehren, die Raytheon nicht näher benennt.

Reichweite und Schwächen

Die Flugobjekte, die das Patriot-System abfangen kann, gehören auch zum Repertoire dessen, womit Russland die Ukraine angreift und die der NATO in Bezug auf ihr eigenes Hoheitsgebiet Sorgen bereiten. Die russischen Streitkräfte setzen jedoch auch kleinere Objekte ein, wie beispielweise Minidrohnen, die näher am Boden fliegen und für das Patriot-System schwieriger zu verfolgen und abzufangen sind.

Nach Angaben des deutschen Militärs deckt das System einen Bereich von rund 68 Kilometern ab. Sein Radar kann bis zu 50 Ziele aufspüren und fünf von ihnen gleichzeitig bekämpfen. Je nach Version können die Abfangraketen eine Höhe von mehr als zwei Kilometern erreichen und Ziele in bis zu 160 Kilometern Entfernung treffen.

Nach Angaben des Center for Strategic and International Studies, einer US-amerikanischen Denkfabrik, sind für den Betrieb jeder Einheit etwa 90 Soldaten erforderlich.

Mann steht vor Flugabwehrraketengruppe 21 mit Patriot-System

Patriot-Einheiten sind teuer und personalintensiv

Ein kampferprobtes System

Für Polen ist das Patriot-System kein Unbekannter. Polen ist eines von 18 Ländern, die das Luftabwehrsystem bereits nutzen oder noch erwerben wollen. Die Vereinigten Staaten haben kurz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Einheiten an Polen geliefert, und Polen hat den Kauf weiterer Einheiten beantragt.

Medienberichten zufolge verfügt Deutschland über zwölf solcher Einheiten und hat zwei davon in der Slowakei stationiert. Über die Einzelheiten des Einsatzes des Systems in Polen entscheiden die Verteidigungsministerien der beiden Länder.

Und auch in Kampfeinsätzen wurde das Patriot-System bereits eingesetzt. Zum ersten Mal im Jahr 1991, als während der Operation "Desert Storm" das Abwehrsystem US-Truppen und Verbündete sowie bewohnte Gebiete in Israel gegen irakische Scud-Raketen verteidigte. Damals priesen Vertreter der USA und von Raytheon die Wirksamkeit von Patriot. Externe Untersuchungen stellten diese Behauptungen später in Frage.

Patriot-Raketen am Himmel über Riyad, Saudi-Arabien, im Januar 1991

Patriot-Raketen am Himmel über Riyad, Saudi-Arabien, im Januar 1991

Den tödlichsten Vorfall markierte ein Scud-Angriff, bei dem 28 US-Soldaten in ihrer Kaserne in Saudi-Arabien getötet wurden, als Patriots-Abwehrraketen die ankommende Rakete nicht abfangen konnten.

Teuer in jeglicher Hinsicht 

Spätere Aufrüstungen haben das System verbessert. Im Jahr 2003 wurde es mit größerer Wirkkraft im von den USA geführten Irak-Krieg eingesetzt. Eine Reihe von Teststarts haben seitdem zu erfolgreichen Abfangmanövern geführt, obwohl oft mehrere Patriot-Abfangjäger erforderlich sind, um eine einzige ankommende Rakete zu stoppen.

Die größte Herausforderung für das Patriot-System ist womöglich nicht mit der gegnerischen Technologie Schritt zu halten, sondern die Kosten, die dabei entstehen. Polens erste Patriot-Beschaffung hat Berichten zufolge 4,63 Milliarden Euro gekostet - mehr als ein Viertel des für 2023 geplanten Verteidigungshaushalts des Landes. Ein einziger Abfangtest kann nach Angaben von RAND, einer in den USA ansässigen Verteidigungsforschungsgruppe, bis zu 100 Millionen Dollar kosten.

Viele der Bedrohungen, mit denen Patriot konfrontiert ist, wie etwa Drohnen, kosten nur einen Bruchteil davon. Um die Kosten aufzuteilen, haben sich einige NATO-Verbündete im Oktober darauf geeinigt, ihren Bedarf an Luftabwehrsystemen gemeinsam zu decken, einschließlich der Anschaffung weiterer Patriot-Einheiten.

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.