Ostkongo: Ebola im Kriegsgebiet | Afrika | DW | 16.08.2018
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Ostafrika

Ostkongo: Ebola im Kriegsgebiet

Die Zahl der Ebola-Infizierten im Osten der Demokratischen Republik Kongo steigt: Mittlerweile sind es 73 Verdachtsfälle. Die Krankheit ist mitten im Kriegsgebiet ausgebrochen - das erschwert die schnelle Reaktion.

Das Eingangstor vor dem Provinzkrankenhaus in Ostkongos Millionenstadt Goma ist verriegelt. Selbst der Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene kommt nur nach einer Kontrolle durch. Angestellte des Gesundheitsministeriums halten jeden an, der rein will: Zuerst muss man Fieber messen, Hände waschen, Schuhsohlen desinfizieren. 

Überall im Ostkongo, vor allem in der Millionenstadt Goma an der Grenze zu Ruanda, werden Vorkehrungen getroffen, damit sich das Ebola-Virus nicht bis hierhin ausbreitet. Ein einziger Fall in Goma würde das Risiko extrem erhöhen, dass sich die tödliche Krankheit in der ganzen Region und in den Nachbarländern ausbreitet.

Die Demokratische Republik Kongo hat Erfahrung mit Ebola

Das Ebola-Epizentrum liegt nur knapp 240 Kilometer entfernt: nördlich von Goma, in der Region rund um die Millionenstadt Beni. Mittlerweile meldet das kongolesische Gesundheitsministerium 73 Verdachtsfälle. Davon sind 46 bestätigt, 27 Patienten sind unter Beobachtung. Sie zeigen Symptome wie hohes Fieber, Kopfschmerzen und Blutungen. Laut Weltgesundheitsorganisation sind bislang 16 Menschen an dem Virus gestorben, bei 27 weiteren wird Ebola als Todesursache vermutet. 

"Die Zahlen steigen nach wie vor", sagt Richard Kitenge, kongolesischer Arzt und einer der Ebola-Beauftragten des Landes. Doch er ist zuversichtlich. Die Kongolesen kennen sich mit Ebola aus. Das Virus stammt aus dem Dschungel im Herzen Afrikas und ist benannt nach einem Fluss, der durch den Kongo fließt.

Ebola im Kongo (DW/S. Schlindwein)

Fiebermessen als Vorsichtsmaßnahme vor dem Krankenhaus in Goma

Erst vor zwei Wochen hat das Gesundheitsministerium einen anderen Ebola-Ausbruch im Norden des Landes als eingedämmt erklärt. Dort wurde zum ersten Mal ein Impfstoff ausprobiert, den Ärzte, Krankenpfleger sowie Familienangehörige der Patienten erhalten haben. Dieser wird jetzt seit vorgestern auch in Beni angewandt. "Mit der derzeitigen Impfabdeckung hoffen wir, dass wir nächste Woche soweit sind, dass sich die Zahl der neuen Fälle reduziert", sagt Kitenge. Und noch ein weiteres Präparat kommt jetzt weltweit zum ersten Mal zum Einsatz: Ein Molekül, das infizierten Patienten als Behandlung verabreicht wird. "Da ist ein Test. Aber durch die systematische Behandlung können wir die Ergebnisse später auswerten", sagt Kitenge.

Aus den Fehlern lernen

Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, die Vereinten Nationen sowie die Weltgesundheitsorganisation sind im Einsatz, um den Ausbruch rasch unter Kontrolle zu bekommen. Viele Ärzte, Pfleger, Experten und Logistiker waren bereits zuvor im Nordkongo, um dort den jüngsten Ebola-Ausbruch einzudämmen - auch die Impfstoffe und Ausrüstung war bereits angeliefert. Das sei ein Vorteil, sagt Ebola-Notfall-Koordinatorin Karin Huster von Ärzte Ohne Grenzen (MSF).

MSF hat in der Region rund um Beni bereits vor dem Ausbruch gearbeitet und hatte Personal vor Ort, als sich der erste Verdachtsfall Beginn des Monats bestätigte. So konnte die internationale Nichtregierungsorganisation schnell reagieren. Mitten im Epizentrum, im Dorf Mangina rund 30 Kilometer von der Millionenstadt Beni entfernt, hat MSF nun ein Behandlungszentrum eingerichtet: eine Isolierstation mit vier Betten, die bereits alle belegt sind.

Ebola im Kongo (DW/S. Schlindwein)

Richard Kitenge ist einer der Koordinatoren für die Bekämpfung von Ebola, die das Gesundheitsministerium ernannt hat

Es sei wichtig die ohnehin maroden Gesundheitszentren in der Gegend gut auszustatten, sagt Huster. Dies sei eine Lektion aus den Fehlern der Vergangenheit: "Beim letzten Ebola-Ausbruch in Westafrika waren die Gesundheitszentren nicht gut geschützt. Die Menschen kamen, um sich wegen etwas behandeln zu lassen und haben sich dann bei anderen Ebola-verdächtigen Patienten angesteckt". MSF richtet nun sogenannte Auffangstationen ein, in welchen Patienten mit Ebola Symptomen isoliert werden, erklärt Huster per Telefon aus Beni. "Sie können dann bei Bestätigung des Verdachts direkt in ein Ebola-Behandlungszentrum überstellt werden." 

Hilfsorganisationen sind schon vor Ort

Die Krisensituation im Ostkongo macht es schwer, den Ausbruch einzudämmen. In den Provinzen Nord-Kivu und Ituri, in welchen sich Ebola derzeit ausbreitet, sind über 100 Rebellengruppen aktiv. Die Armee führt mit Hilfe von UN-Blauhelmen Militäroperationen gegen die Milizen durch. Besonders die Region rund um die Stadt Beni war in den vergangenen Jahren Mittelpunkt brutaler Gewalt: Massakern an der Zivilbevölkerung, systematische Entführungen durch Rebellen und Kampfhandlungen.

Das Dorf Oicha, 45 Kilometer von Beni entfernt, in welchem ebenfalls Ebola-Fälle bestätigt wurden, war lange Zeit Frontlinie zwischen Armee und Rebellen. Ein Großteil der Bevölkerung ist geflohen. Die Ebola-Ärzte können nur in Begleitung von bewaffneten UN-Blauhelmen dorthin fahren. Dies erschwert die Maßnahmen zur Eindämmung der gefährlichen Seuche enorm, bestätigen NGOs und die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Von Vorteil ist jedoch, dass zahlreiche Organisationen bereits vor dem Ebola-Ausbruch vor Ort aktiv waren, darunter auch deutsche Nichtregierungsorganisationen und Hilfswerke wie die Diakonie Katastrophenhilfe. Diese konnten jetzt rasch einspringen.

Ebola im Kongo (DW/S. Schlindwein)

Auch, wer den Flughafen von Goma betreten will, muss vorher Fieber messen lassen

Die Gefahr der Ausbreitung ist enorm

Zunächst gehe es jetzt darum, die Weiterverbreitung des Virus zu unterbinden, sagt Guido Kraus von der Diakonie Katastrophenhilfe. Das Ebola-Virus wird durch Körperflüssigkeiten übertragen. "Es ist jetzt erst einmal wichtig, dass die Leute das verstehen und aufgeklärt werden, wie sie das vermeiden können", sagt Kraus. Die Diakonie engagiert sich in Aufklärungsmaßnahmen und Einrichtung von Sanitärinstallationen: Handwaschbecken vor Gesundheitszentren, Kirchen und Schulen. Auch Brunnen müssen repariert werden. Die Region verfügt über wenig Wasser, die Bevölkerung hat ohnehin kaum Gelegenheit sich zu waschen.

Die Gefahr, so Kraus, liege in der langen Inkubationszeit. Bis Infizierte die ersten Symptome entwickeln und sich krank fühlen, können bis zu drei Wochen vergehen. "Das heißt, selbst wenn jemand infiziert ist, wird er das nicht sofort merken und eventuell sogar in eine andere Region reisen."

Durch den Krieg ist die Bevölkerung ohnehin seit Jahren auf der Flucht. Das erhöht jetzt die Gefahr, dass sich auch Hunger und damit andere Krankheiten weiter ausbreiten. Ausgerechnet der Ort Mangina - das Epizentrum von Ebola - war bislang ein Zufluchtsort für Vertriebene, so Mirijam Steglich von der Welthungerhilfe, die dort ein Landwirtschaftsprojekt unterhält: "Dadurch, dass es da lange Zeit relativ stabil war, ist das ein wichtiger landwirtschaftlicher Produktionsort." Die Maisernte steht nun an, die Bauern müssen direkt danach neue Samen pflanzen. Mangina ernährt quasi die Millionenstadt Beni. Das Risiko:  "Wenn die Bevölkerung nicht ganz sicher ist, dass die Gesundheitssysteme auch wirklich Ebola eingrenzen können, dann könnte es im schlimmsten Fall dazu kommen, dass die Bevölkerung hier weggeht", sagt Steglich. Die Ernte würde nicht eingefahren, die Folgen für die Versorgung mit Mais und anderen Nahrungsmitteln wären fatal.

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