Orientalische Musik trifft Beethoven | Musik | DW | 05.07.2021
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Orientalische Musik trifft Beethoven

Im Geiste Beethovens fördert das Musik-Projekt "1001 Takt zwischen Bonn und Babylon" die Gemeinsamkeiten von (nah)östlichen und westlichen Traditionen.

Eine Musikerin und ein Musiker sitzen mit persischen Rahmentrommeln auf einer Bühne.

Beethoven mit Rahmentrommel: Das Projekt "1001 Takt zwischen Bonn und Babylon" schlägt musikalische Brücken

Es herrscht eine entspannte Atmosphäre in der Bonner Trinitatiskirche. Der Dirigent des Orchesters, Bassem Hawar, leitet seine Musiker, während er wie nebenbei auf seiner Djoze spielt, einem der Geige ähnlichen Instrument. Die Sänger gestikulieren und sorgen mit plötzlichen Tanzeinlagen für Abwechslung.

Hawar, Gewinner des WDR-Jazzpreises 2020 in der Kategorie "Musikkulturen", bestreitet an diesem Abend mit seinen mit seinen deutschen, arabischen, kurdischen, türkischen und persischen Musikerinnen und Musikern den letzten Auftritt beim transkulturellen Musikprojekt "1001 Takt zwischen Bonn und Babylon". Mit Workshops und Veranstaltungen würdigt die Veranstaltung den humanistischen Geist des in Bonn geborenen Komponisten Ludwig van Beethoven.

Das erste Musikstück des Abends ist ein Maqam lami, ein melodischer Modus in der klassischen arabischen Musik, der vor 5.000 Jahren entstand und von den Kalifen der Abbasiden-Dynastie überliefert wurde. Aus ihrer Hauptstadt Bagdad herrschten die Abbasiden vom 8. bis zum 13. Jahrhundert über die arabische Welt und galten als Förderer von Kunst und Kultur.

Musikerinnen und Musiker sitzen mit ihren Instrumenten auf einer Bühne, der Dirigent steht mit dem Rücken zum Publikum.

Interkulturelle Begegnung: Beethoven trifft auf arabische Instrumente

"Es war eine goldene Zeit", sagt Hawar während der Aufführung, als er die Bedeutung und den Kontext der Melodie erläutert und Parallelen zum Deutschland der Gegenwart zieht. Dass Musiker aus verschiedenen Teilen der Welt zusammenkommen, um in Beethovens Heimatstadt zu spielen, spreche für "ein goldenes Zeitalter in Deutschland", sagt er.

Es geht um Herzschmerz

Das Orchester kombiniert orientalische Flötenklänge mit Beethovenmusik, das Stück "Malan Barkir", gesungen vom kurdischen Sänger Mehmet Akbaş, handelt von den Nomaden in den Bergen.

"Auf die eine oder andere Weise geht es immer um Herzschmerz", sagt Saman Haddad im Gespräch mit der DW über die Auswahl der Werke. Haddad ist der Projektleiter des "1001 Takt"-Projekts und hat die Musiker zusammengebracht. "Das Lied 'Dokhtar Shirazi' zum Beispiel handelt von einem Mädchen aus der iranischen Stadt Shiraz, die für ihre schönen Frauen berühmt ist", erklärt er.

Das Lied "Lalish", vorgetragen von einem kurdischen Sänger, handelt von den Jesiden, der verfolgten Minderheit im Irak, die 2014 Opfer eines Genozids durch die Terrorgruppe "Islamischer Staat" wurden. Das Lied wurde ursprünglich von einem Muslim geschrieben und bezieht sich auf ein Bergtal im Irak, in dem sich das zentrale Heiligtum der jesidischen Gemeinschaft befindet.

Saman Haddad steht an einem Pult auf einer Bühne und hält eine Rede. Hinter ihm sitzen Musiker.

Musik sei für alle verständlich, sagt Organisator Saman Haddad

Orient trifft auf Okzident

Für das Projekt wurden viele dieser Melodien mit Fragmenten westlicher klassischer Musik verflochten, darunter Beethovens Vierte. Das Nebeneinander der verschiedenen musikalischen Ursprünge sei eine Herausforderung gewesen, sagt Haddad: "Es war sehr kompliziert. Wir haben Lieder aus der arabischen, kurdischen, türkischen und persischen Tradition." Es seien Stücke ausgewählt worden, die auch auf westlichen Instrumenten gespielt werden können.

Haddad schickte die Vorschläge an Hans-Joachim Büsching, Klarinettist im Bonner Beethoven-Orchester, der eine Auswahl traf und die Stücke um Einflüsse westlicher Musik ergänzte.

Für das Ensemble bewarben sich Musikerinnen und Musiker kurdischer, persischer, arabischer und türkischer Abstammung, die Instrumente wie die irakische Djoze (auch Rebab genannt), die persische Rahmentrommel Daf sowie westliche Instrumente wie Bass, Violine, Trompete und Klarinette spielen.

Philip Gondecki-Safari steht auf einer Straße und lächelt.

Keine Einbahnstraße: Projektleiter Philip Gondecki-Safari sieht Integration als beidseitige Aufgabe

Musik als globale Sprache

"Wir wollen durch die Musik zeigen, wie wichtig es ist, dass Menschen zusammenkommen, weil sie eine globale Sprache ist, die jeder versteht", sagt Saman Haddad. Das Projekt zielt auch darauf ab, das soziale Miteinander von Zuwanderern und Einheimischen in Deutschland zu fördern.

"Das ist keine Einbahnstraße", sagt Philip Gondecki-Safari, Projektleiter von Migrapolis am Bonner Institut für Migrationsforschung. Inklusion werde in Deutschland oft als Aufgabe der Zuwanderer verstanden, die sich hier in die Mehrheitsgesellschaft integrieren müssten.

"Integration als Prozess, im Sinne des Zusammenkommens von Menschen, findet seit Jahrhunderten statt", sagt Gondecki-Safari. Migration habe nicht erst vor ein paar Jahren begonnen. "In der gesamten deutschen Geschichte, ja in der Weltgeschichte, sind die Menschen immer von einem Ort zum anderen gezogen."

Adaption ins Deutsche: Torsten Landsberg