NS-Justiz vor Gericht: ″Das Urteil von Nürnberg″ im Spiegel der Zeit | Filme | DW | 05.05.2019
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Filmgeschichte(n)/Geschichte(n) des Films

NS-Justiz vor Gericht: "Das Urteil von Nürnberg" im Spiegel der Zeit

Literatur und Film beschäftigen sich in jüngster Zeit wieder vermehrt mit der Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Justiz. 1961 feierte "Das Urteil von Nürnberg" Premiere in Berlin und wird bis heute diskutiert.

Der Film hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. "Das Urteil von Nürnberg" war der erste große amerikanische Spielfilm, der sich mit der Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Gerichtssälen beschäftigte. Auch in Deutschland fand er viel Beachtung. Weltpremiere feierte er im Dezember 1961 in der West-Berliner Kongresshalle, ein paar Tage später folgte die US-Premiere. In der DDR kam "Das Urteil von Nürnberg" 1963 in die Kinos.

Große Aufmerksamkeit erlangte der Film zudem bei den Oscar-Verleihungen 1962, als der deutschsprachige Schauspieler Maximilian Schell für seine Rolle des Anwalts, der im Film NS-Richter verteidigt, mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

Ein Film, der nach wie vor fasziniert

Es lohnt sich "Das Urteil von Nürnberg", der seit kurzem in Deutschland in voller Länge auf dem Format Blu-ray vorliegt, gerade vor dem Hintergrund aktueller Filme und Romane zum Thema wieder zu sehen. Auch heutige Zuschauer dürften die Handlung des Films mit atemloser Spannung verfolgen. Das ist zunächst einmal erstaunlich bei einem Werk, das sein Regisseur Stanley Kramer vor fast 60 Jahren in Schwarz-Weiß an nur wenigen Schauplätzen drehte, und das mit fast drei Stunden Spiellänge nicht eben schnell zu konsumieren ist. Doch Kramers Film hat die Jahrzehnte erstaunlich gut überstanden.

Bildergalerie Maximilian Schell (picture alliance/dpa)

Oscardekoriert: Maximilian Schell als Anwalt Hans Rolfe

Mit einem großen Staraufgebot (den Richter spielte Spencer Tracy, unser Bild oben) inszenierte Kramer damals den heute als Klassiker des Genres geltenden Justiz-Film. Handlung, Personal und Schauplätze lehnen sich eng an die historischen Juristenprozesse von Nürnberg an: 1947 standen 16 Richter und Justizbeamte des NS-Regimes vor Gericht. Der Prozess fand im Rahmen weiterer Gerichtsverfahren gegen die Hauptverantwortlichen des NS-Regimes vor einem US-Militärtribunal statt.

Allgemeine Rechtsfragen und filmische Philosophie

Im Zentrum des Films stand die Frage, inwiefern die deutsche Justiz mitverantwortlich war für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Doch Drehbuchautor Abby Mann (auch er bekam für seine Arbeit einen Oscar) hatte noch anderes im Sinn: Er stellte generelle Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, nach der Rolle von Justiz im Allgemeinen und der Verantwortung des Einzelnen.

Matthias Kuzina kam vor ein paar Jahren in der ausführlichen Untersuchung "Der amerikanische Gerichtsfilm: Justiz, Ideologie, Dramatik" zu folgendem Urteil: "Der Film (behandelt) einerseits den seltenen Fall einer Rechtsprechung im Auftrag der Weltgemeinschaft - die Anwendung überstaatlichen Naturrechts - (und formuliert) andererseits eine unangreifbare humane Botschaft, die über das Informative und Didaktische hinausreicht: die unbedingte ethische Verantwortung der Rechtspflege und die Bedeutung von 'Truth, Justice, and the Value of an single human being' als Rechtsgrundlage."

USA Film l Spielfilm Das Urteil von Nürnberg (picture-alliance/United Archives/IFTN)

Richter Haywood (Spencer Tracy) im Gespräch mit der deutschen Generalswitwe Berthold (Marlene Dietrich)

Auch das macht den Film heute noch aktuell - einmal abgesehen von der Tatsache, dass gerade die Aufarbeitung der NS-Verbrechen derzeit wieder vielfach thematisiert und für jüngere Generationen in Literatur und Film aufbereitet wird: "Der Fall Collini" mit dem in Deutschland populären Schauspieler Elyas M'Barek in der Rolle eines Anwalts, der sich tief eingräbt in deutsche Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 und ganz ähnliche Fragen stellt wie Kramers Film, ist nur ein Beispiel aus der jüngsten Zeit.

"Das Urteil von Nürnberg" im Spiegel der Jahrzehnte

Die Urteile, die im Laufe der Jahrzehnte über "Judgment at Nuremberg" (Originaltitel) gefällt wurden, fielen durchaus unterschiedlich aus - und spiegeln den Stand der jeweiligen gesellschaftlich-historischen Debatte wider. Eine kleine Auswahl soll das hier verdeutlichen:

"Differenziert argumentierend, konfrontiert der Film unterschiedliche Standpunkte, ohne eine eindeutige Wertung vorzunehmen. Ein Klassiker des Gerichtsfilms mit hervorragenden Darstellern und perfekter Dramaturgie", heißt es beispielsweise im "Lexikon des Internationalen Films" kurz nach der Premiere. Die ästhetische Herangehensweise wird jedoch auch kritisch bewertet: "Die Ausgewogenheit des Drehbuchs und die melodramatischen Zutaten der Regie entschärfen (…) den brisanten Stoff und verbinden ihn mit den Konventionen des Unterhaltungskinos."

USA Film l Spielfilm Das Urteil von Nürnberg (picture-alliance/United Archives/IFTN)

Burt Lancaster (ganz links) spielt ungeheuer eindrucksvoll den Hauptangeklagten Ernst Janning

Die Wochenzeitschrift "Die Zeit" schreibt 1961: "Werberummel und Staraufgebot vermochten nicht zu verhüllen, dass er misslungen ist. (...) Drei Viertel des Films plätschern nutzlos dahin, erst im letzten Viertel wird die Frontstellung deutlich. Wenn man einen Thesenfilm drehen will, muss er zielstrebiger sein - es sei denn, man wolle niemandem wehe (sic) tun."

Und 1978 urteilt die damals einflussreichste Filmgeschichte im deutschsprachigen Raum (Ulrich Gregor: "Geschichte des Films"): Regisseur Stanley Kramer lässt "einen Richter der amerikanischen Provinz unverzagt Recht sprechen, kam aber auch allen anderen Standpunkten partiell entgegen, schematisierte die Nebenfiguren aufs äußerste und verbrämte den Film mit gefühlvoller Patina."

"Menschliche Schicksale" auf der Leinwand 

1990 kommt Stephan Hollenstein zu einer positiveren Bewertung: "Allgemein ist die 'Vermenschlichung' von Geschichte ein elementares Gestaltungsmerkmal des Films. Die betont personengebunden-psychologisierende Aufarbeitung konträrer Positionen zur NS-Vergangenheit, die fast theatralisch, oft melodramatisch in Szene gesetzt werden, macht die inhaltliche Auseinandersetzung konkret nachvollziehbar - aus begrifflichen Abstrakta entstehen so menschliche Schicksale."

USA Film l Spielfilm Das Urteil von Nürnberg (picture-alliance/AKG Berlin)

Dieses Duell steht im Zentrum: Anwalt Rolfe verteidigt die Deutschen, Staatsanwalt Lawson (Richard Widmark, r.) klagt an

"Klassiker wie (…) 'Judgment at Nuremberg' haben das 'courtroom drama' zu einem integralen Bestandteil der amerikanischen Medienkultur avancieren lassen und zählen zu den unumstrittenen Meisterwerken der Gattung, deren Exemplare sich oft einer genreüblichen Nivellierung und Schablonisierung entziehen", schreibt der Filmwissenschaftler Matthias Kuzina zehn Jahre später.

Peter Reichel, renommierter Kulturhistoriker, verweist in seiner 2004 erschienenen Untersuchung "Erfundene Erinnerung - Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater" besonders auf die Tatsache, dass das deutsche Kino es damals verpasste, sich mit dem Thema zu beschäftigen und erst ein Hollywood-Regisseur die Gelegenheit ergriffen habe den Stoff ins Kino zu bringen.

"Authentizitätsschock" in den 1960ern

Wiederum acht Jahre später bemerkt Sonja M. Schultz in ihrer umfangreichen Studie "Der Nationalsozialismus im Film", dass Stanley Kramer in seinem Spielfilm auch dokumentarisches Material aufgenommen habe, Bilder, die unmittelbar nach der Befreiung der Konzentrationslager entstanden, u.a. schockierende Aufnahmen von Leichenbergen: "Die Drastik des eingeschnittenen Materials erzeugt einen Authentizitätsschock, der die Protagonisten und das Publikum mit der schwer zu schließenden Verständnislücke konfrontiert, die der absolute Wille zur Menschenvernichtung hinterlässt."

USA Film l Spielfilm Das Urteil von Nürnberg (picture-alliance/dpa/B. Reisfeld)

Gespräch über Zwangssterilisation: Anwalt Rolfes und Zeuge Petersen (Montgomery Clift, r.)

Schließlich schlägt Markus Obermann im Booklet der nun vorliegenden Blu-ray-Ausgabe der rekonstruierten Filmfassung den Bogen zu ganz aktuellen politischen Debatten in Deutschland: "In dem Land, in dem die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus ihren Ursprung nahm, sind die Stimmen, die die deutsche Schuld infrage stellen wollen, noch immer nicht verstummt."

Dies sei, so Obermann, ein Zeitpunkt, "an dem es wichtiger ist denn je, sich noch einmal genauer mit der Thematik des Films auseinanderzusetzen". Diesem Urteil kann man sich anschließen: Stanley Kramers "Das Urteil von Nürnberg" ist auch fast 60 Jahre nach der Premiere höchst sehenswert und von bleibender Aktualität.

Stanley Kramer: Das Urteil von Nürnberg/Judgment at Nuremberg, mit Spencer Tracy, Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Marlene Dietrich, Montgomery Clift, Judy Garland, William Shatner u.v.a., in der beim Anbieter "Capelight" erschienenen Ausgabe ist der Film auf Blu-ray mit einer Länge von 190 Minuten sowie auf DVD mit 182 Minuten Spiellänge enthalten.

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