Nicht genug Geld für Künstliche Intelligenz | Wirtschaft | DW | 03.12.2018
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Digitalstrategie

Nicht genug Geld für Künstliche Intelligenz

Die Bundesregierung will Deutschland als Technologiestandort voran bringen und in Künstliche Intelligenz investieren. Eine gute Idee, so Bitkom-Expertin Susanne Dehmel, aber längst nicht ausreichend.

Deutsche Welle: Vor Kurzem wurde das Aus für die Cebit in Hannover verkündet, einst die größte Computermesse der Welt. Einige werten das als Zeichen, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung den Anschluss verpasst. Sehen Sie das auch so?

Susanne Dehmel: Nein, das sehe ich nicht so. Es ist zwar sehr schade für den Standort Deutschland, dass wir die Cebit nicht mehr haben werden. Aber das ist eher ein Indikator dafür, dass das Messe- und Kongressgeschäft härter wird und international umkämpfter, als dass wir bei der Digitalisierung den Anschluss verpassen.

Die Bundesregierung hebt in ihrer Digitalstrategie das Thema Künstliche Intelligenz besonders hervor und will Deutschland zu einem international führenden Standort machen. Bis 2025 will sie rund drei Milliarden Euro investieren, das sind 500 Millionen Euro pro Jahr. Ihr Verband hält das für zu wenig - warum?

Zunächst einmal begrüßen wir natürlich, dass es die Strategie überhaupt gibt. Das ist ein guter Startpunkt. Aber es geht bei der Entwicklung auch um Geschwindigkeit. Wenn wir vergleichen, was in anderen Regionen der Welt investiert wird, dann glauben wir, dass das jetzt vorgesehene Geld noch nicht ausreicht, um schnell genug große Fortschritte zu machen und wirklich mitspielen zu können.

China plant Investitionen von rund 150 Milliarden Dollar, in den USA wird die Digitalisierung von Unternehmen vorangetrieben. Hier die Forschungs- und Entwicklungsausgaben einiger Firmen im vergangenen Jahr: 23 Milliarden Dollar allein bei Amazon, 17 Milliarden bei dem Google-Mutterkonzern Alphabet, jeweils um die zwölf Milliarden bei Intel, Microsoft und Apple, und bei Facebook immerhin noch acht Milliarden Dollar. Wohlgemerkt - pro Firma und pro Jahr. Angesichts solcher Summen wirken die 500 Millionen Euro der Bundesregierung lächerlich.

In der Tat. Deswegen sagen wir ja, da müsste noch mehr kommen. Bei der Abwrackprämie für Autos vor einigen Jahren wurden kurzfristig wesentlich größere Summen freigemacht, da gab es auf einen Schlag fünf Milliarden Euro.

Aber Deutschland wird sich nicht allein mit den USA oder China vergleichen können. Wir müssen innerhalb der EU eine vergleichbare Summe aufbringen, damit wir mit den USA und China mithalten können. Außerdem haben wir in Deutschland auch eine andere Unternehmensstruktur. Deswegen ist es so wichtig, dass die Bundesregierung hier mithilft.

Bitkom Susanne Dehmel (Bitkom/Till Budde)

Susanne Dehmel vom Digitalverband Bitkom

Große Chancen gibt es in der Industrie. Hier haben wir in Deutschland große Player und sehr viele mittelständische, global agierende Unternehmen. Aber es braucht da noch ein bisschen Unterstützung, gerade was den Transfer von Wissenschaft in die Unternehmen angeht oder die Umstellung der Prozesse angeht. Ich glaube, da kann die Bundesregierung eine Menge tun.

Zum Plan der Bundesregierung gehört ja auch, in den kommenden Jahren rund 100 Professuren für Künstliche Intelligenz zu schaffen. Was halten Sie davon?

Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Aber es ist nicht so, dass man einfach neue Lehrstühle errichtet und dann stehen die Kandidaten Schlange. Weltweit sind Experten knapp. Deswegen müssen wir die Bedingungen für Forschende attraktiver gestalten, um Experten aus anderen Regionen anzuziehen. Außerdem müssen wir natürlich weiter ausbilden und Leute, die nachkommen, fördern. Aber grundsätzlich ist es richtig, größere Forschungskapazitäten zu schaffen.

In Deutschland ist die Versorgung mit schnellem Internet bestenfalls lückenhaft. Selbst bei normalen Mobilfunkverbindungen hapert es. Bundeswirtschaftsminister Altmaier klagte neulich, ihm seien die ständigen Gesprächsabbrüche peinlich, wenn er mit ausländischen Kollegen im Auto per Handy telefoniert. Wie realistisch ist das Ziel, zu einem führenden Standort für Künstliche Intelligenz zu werden, wenn es schon an grundlegender Infrastruktur mangelt?

Die Lücken im Netz sind problematisch, da müssen wir noch nachlegen. Dabei ist es wichtig, dass die Politik die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt, wenn es um die Voraussetzungen für den flächendeckenden Breitband- und Mobilfunkausbau geht. Leider werden die neuen breitbandigen Mobilfunkfrequenzen (5G) nur unter sehr hohen Auflagen versteigert. Das ist für die Netzbetreiber eine schwierige Situation. Wir sollten den Wettbewerb fördern und nicht durch zu hohe Auflagen die Investitionsbereitschaft der Unternehmen schwächen. Wir brauchen den Glasfaserausbau, wir brauchen schnelle Mobilfunknetze - so schnell wie möglich und an allen Standorten, wo sie wirklich benötigt werden. Da ist noch einiges zu tun.

Zusammengefasst: Halten Sie das Ziel der Bundesregierung, Deutschland bei Künstlicher Intelligenz führend zu machen, für erreichbar?

Ich glaube, dass wir im Verbund mit den anderen europäischen Staaten eine tragende Rolle spielen können. Inwieweit uns das gelingt, hängt davon ab, wie konsequent wir voranschreiten und alle Kräfte bündeln, damit wir das Entwicklungstempo beschleunigen. Sicherlich müssen auch aus der Wirtschaft Impulse kommen. Aber es gibt Bereiche, da kann die Wirtschaft allein nichts tun. Denken wir an die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz und den Ausbau von Technologien oder an die Bildung.

Susanne Dehmel ist Mitglied der Geschäftsleitung des Bitkom. Der Digitalverband mit Sitz in Berlin vertritt mehr als 2600 Unternehmen der digitalen Wirtschaft.

Das Gespräch führte Andreas Becker.

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