Nazi-Kunstschatz unter der Lupe | Kultur | DW | 04.11.2013
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Kultur

Nazi-Kunstschatz unter der Lupe

Es ist ein sensationeller Fund: In München wurden rund 1400 teilweise von den Nazis geraubte Kunstwerke entdeckt, darunter Bilder von Picasso, Matisse und Chagall. Wem sie rechtmäßig gehören, ist völlig unklar.

Hinter Türmen von abgelaufenen Konservendosen und alten Kartons stapelten sie sich, Bilder von unschätzbarem Wert. Den Zoll beschäftigen sie schon etwas länger, allerdings ohne Kenntnis der Öffentlichkeit. Denn ans Licht kam die unglaubliche Entdeckung erst jetzt.

Nun wird der Fall wohl zunächst einmal die Juristen beschäftigen. Und auch den Museumsdirektoren und Experten für Raubkunst, den sogenannten Provenienzforschern, dürfte der Münchner Fund noch viel Arbeit machen. Für alle ist die Entdeckung von 1500 von den Nazis geraubten Bildern eine Sensation. In dieser Größenordnung hat es das in der deutschen Nachkriegs-Geschichte noch nicht gegeben.

Ein unfassbarer Kunstschatz

Zollfahnder hatten die Wohnung von Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt bereits vor einem Jahr durchsucht. Das deckte jetzt das Nachrichtenmagazin Focus auf. Bei einer Routineprüfung während einer Zugfahrt war der Mann den Fahndern im September 2010 aufgefallen. In seiner Wohnung entdeckten die Behörden dann einen Kunstschatz, der allen den Atem stocken ließ: Gemälde von Pablo Picasso und Henri Matisse, von Marc Chagall, Max Beckmann und anderen Größen der Kunstgeschichte. Doch auch deutlich ältere Werke sind unter beschlagnahmten Gemälden - das älteste stammt aus dem 16. Jahrhundert.

Münchner Mehrfamilienhaus, in dem 1500 Gemälde jahrzehntelang in einer Wohnung lagen (Foto: Marc Müller/dpa)

In diesem Haus im München wurden die 1500 Werke gefunden

Gurlitt hatte die Bilder offenbar seit vielen Jahrzehnten dort gehortet. Sie stammen aus dem Besitz seines Vaters, des bekannten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der 1956 starb. Dieser war in den 20er und 30er Jahren zunächst Direktor des Zwickauer Museums und des Hamburger Kunstvereins. Er galt gar als Förderer moderner Kunst. Nachdem die Nazis begannen, systematisch von ihnen als "entartet" bezeichnete Kunst zu beschlagnahmen, verlor auch Gurlitt seinen Job. Wegen seines Engagements für moderne Kunst, aber auch, weil Gurlitt als "nicht arisch" eingestuft wurde.

Zunächst ein kritischer Geist

Doch Gurlitt passte sich in späteren Jahren den neuen Gegebenheiten an und kooperierte mit den braunen Machthabern. Gemeinsam mit drei anderen Händlern managte Hildebrand Gurlitt fortan den von den Nazis gesteuerten Handel mit Kunst. In München stellten sie 1937 in einer berühmt-berüchtigten Ausstellung im Haus der Kunst Werke aus, die zuvor in den Museen beschlagnahmt worden waren. Die Bilder und Skulpturen wurden als "entartet" gebrandmarkt, weil sie nicht in das Weltbild der Nazis passten. Zumeist handelte es sich um Werke der Moderne, insbesondere des deutschen Expressionismus. Gurlitt wurde von den Nazis beauftragt, diese Kunstwerke zu verkaufen - vor allem ins Ausland. Es ist aber davon auszugehen, dass einige Bilder von den Händlern selbst erworben wurden. Das bestätigt Dr. Uwe Hartmann, Leiter der Arbeitsstelle für Provenienz-, also Herkunftsforschung des Bundes im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Pablo Picasso bei Töpferarbeiten (Foto: dpa)

Auch Bilder von Pablo Picasso wurden in München entdeckt

Unter den 1500 jetzt aufgefundenen Werken könnten auch Bilder sein, die von den Nazis seit 1933 in Deutschland und im Ausland aus anderen Gründen geraubt wurden. So hatten beispielsweise Hitler und Göring Kunst, die ihnen gefiel, im großen Stil gesammelt - zumeist Alte Meister. Viele Gemälde wurden auf den Feldzügen der Deutschen in West- und Osteuropa erbeutet. Was genau sich in dem riesigen Konvolut in München befindet, wissen derzeit nur wenige Experten wie die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann, die den Münchner Bestand seit zwei Jahren unter großer Geheimhaltung erforscht.

Über den Wert der Kunst wird noch gerätselt

Nach ersten Schätzungen könnten die Bilder auf dem heutigen Kunstmarkt einen Erlös von einer Milliarde Euro erzielen. Doch diese Summe zieht der Journalist und Raubkunstexperte Stefan Koldehoff in einem Interview in Zweifel. "Bei der Summe bin ich ein bisschen skeptisch, weil der ehemalige Besitzer dieser Sammlung, Hildebrand Gurlitt, eigentlich spezialisiert war auf Papierarbeiten. Papierarbeiten sind bekanntlich nicht ganz so viel wert wie Gemälde." Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Uwe Hartmann.

NS-Propagandaminister Joseph Goebbels auf der Ausstellung Entartete Kunst (Foto: Bundesarchiv)

Die Nazis begutachten 1937 in München die von ihnen sogenannte "entartete Kunst"

Experten fragen sich auch, warum es so lange gedauert hat, bis die Öffentlichkeit von der Entdeckung des Münchner Kunstschatzes im Jahr 2011 erfahren hat. Stefan Koldehoff: "Es ist keinesfalls gesagt, dass sich in dieser Wohnung in Schwabing ausschließlich Bilder aus ehemaligem deutschem Museumsbesitz befunden haben."

Was Koldehoff meint, ist dies: in München könnten auch viele Bilder aus dem Besitz von jüdischen Privatpersonen liegen. Und das würde die Rechtslage verändern: "Deswegen hätten wahrscheinlich eine ganze Reihe von Erben, hochbetagten jüdischen Erben zum Teil, die seit Jahren mit teuren Anwälten nach ihrem ehemaligen Besitz suchen, auch gerne schon früher gewusst, dass diese Suche für bestimmte Werke beendet ist, weil man sie in Schwabing gefunden hat."

Umstritten: die Rolle der Auktionshäuser

Bei der Aufarbeitung des Falles dürfte auch die Rolle der Auktionshäuser in den Fokus geraten. Juristisch kann man sie oft nicht belangen, halten sie sich beim Kauf und Weiterverkauf von Kunstwerken ungewisser Herkunft an bestehende Gesetze. Doch neben den juristischen Vorgaben stellt sich noch eine moralische Frage: "Moralisch ist es natürlich so, dass auch Gurlitt zu den Kunsthändlern gehörte, die direkt und indirekt Nutznießer der Verfolgungspolitik der Nazis und der Enteignung der Juden waren", sagt Uwe Hartmann. Dieser Vergangenheit müssten sich auch die Nachfahren stellen.

Das Gemälde mit dem Titel «Portrait Tilla Durieux» von Oskar Kokoschka (Foto: dpa)

Hier konnte die Herkunft ermittelt werden: das Porträt der Tilla Durieux von Oskar Kokoschka im Museum Ludwig Köln

Das sieht auch Koldehoff so: "Hildebrand Gurlitt und sein Sohn, dem diese Bilder offenbar jetzt gehören, waren Profiteure des NS-Regimes und wie man mit dessen Habe, mit dessen Bereicherung in der NS-Zeit, die bis heute andauert, umgeht, darüber muss man im Kunsthandel einmal ganz grundsätzlich nachdenken."

Unterschiedliche Rechtslage

Die deutschen Museen hingegen ziehen seit einigen Jahren an einem Strang, bestätigt Uwe Hartmann: "Die öffentlichen Einrichtungen haben sich in einer gemeinsamen Erklärung eine Selbstverpflichtung auferlegt: Wir prüfen unsere Bestände, und wo immer sich Verdachtsmomente erhärten, suchen wir gemeinsam gerechte und faire Lösungen." Dies habe noch jüngst bei dem Oskar Kokoschka-Bild der Tilla Durieux in Köln zu einer Rückgabe-Empfehlung geführt.

Im Fall von Hildebrand Gurlitt und seinem Sohn sieht das anders aus. Hier muss nun Bild für Bild geklärt werden, woher es stammt. Wurde es von den Nazis geraubt? In welche Hände gelangte es anschließend? Ist der Fall möglicherweise schon verjährt? Viel Arbeit für die Provenienzforschung in Deutschland. Und für die Juristen.

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