Nach fast 1000 Jahren: Teppich von Bayeux zurück in England
10. Juli 2026
Er ist fast ein Jahrtausend alt und enorm fragil: der Wandeppich von Bayeux. Das riesige Kunstwerk ist eine Art mittelalterlicher Comic - allerdings auch ein Stück Politpropaganda des 11. Jahrhundert. Und er hat die Schlacht von Hastings zu einem der berühmtesten Feldzüge der europäischen Geschichte gemacht.
Zwar wurde er als ein Stück Beutekunst in den vergangenen Jahrhunderten immer mal wieder kreuz und quer durch Frankreich transportiert. Aber nun ist der legendäre Teppich erstmals zurück in England - dort, wo er vermutlich im Jahr 1082 entstand. In der Nacht auf diesen Freitag wurde das extrem zerbrechliche, gut 70 Meter lange Stück Stoff ins British Museum in London gebracht - unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und mit äußerster Vorsicht.
Hightech-Schutz gegen Vibrationen und Feuchte
Der Teppich war am Donnerstag in der nordfranzösischen Kleinstadt Bayeux in einem Hightech-Behälter verpackt worden. Der ist nach Angaben von beteiligten Experten so konstruiert, dass er Vibrationen abschirmt und Luftfeuchtigkeit und Temperatur konstant hält.
Der Teppich wurde dann unter Polizeischutz in einem klimatisierten Lastwagen durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal nach Großbritannien gefahren - als diplomatische Geste zur Bekräftigung der französisch-britischen Freundschaft.
Die Leihgabe, im vergangenen Jahr von Frankreich und Großbritannien verkündet, erfüllt einen lang ersehnten Wunsch der Briten: Schon 1953 und 1966 hatten sie um eine Ausleihe gebeten.
In einem Beitrag für die Zeitung "The Times" bezeichnete der französische Präsident Emmanuel Macron die Leihgabe als "greifbaren Ausdruck einer langjährigen Freundschaft". Sie zeige, was Frankreich und Großbritannien "erreichen können, wenn sie ihre Kräfte bündeln". Die britische Kulturministerin Lisa Nandy sprach laut der Nachrichtenagentur PA von einem "historischen Moment".
Detaillierte Huldigung von William dem Eroberer
Wegen seiner Detailfülle und des durchdachten Storyboards zählt der Teppich von Bayeux zu den bedeutendsten Bilddarstellungen des Hochmittelalters. Seit 2007 gehört er zum Weltdokumentenerbe der UNESCO.
Die kunstvolle Stickerei entstand wohl in Südengland. Abgebildet sind mehr als 600 Menschen, 200 Pferde, rund 550 andere Tiere sowie 40 Schiffe. Erzählt wird die Geschichte von William dem Eroberer. Der hatte den Ärmelkanal überquert und den englischen König Harold II. in der Schlacht von Hastings im Jahr 1066 besiegt.
Im späten Mittelalter wurde der Teppich alljährlich in der Kathedrale von Bayeux zur Schau gestellt. In der Französischen Revolution dann verhinderte nur das Eingreifen eines kundigen Bürgers, dass das unersetzliche Kunstwerk 1792 als gewöhnliche Wagenplane für einen Militärtransport endete. 1794 kamen Kunstverständige einem Kleinschneiden für Deko-Zwecke zuvor.
1803 ließ Napoléon den Teppich als Propagandamaterial für seinen geplanten England-Feldzug nach Paris bringen. Zwar kehrte das politische Textil kurz darauf nach Bayeux zurück, nahm jedoch durch falsche Lagerung Schaden.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Wandteppich von den Besatzern aus Nazi-Deutschland erneut ideologisch missbraucht und abtransportiert - diesmal, um eine angebliche kämpferische und rassische Überlegenheit nordisch-arischer Völker zu belegen. Auf Irrwegen gelangte er erneut in den Pariser Louvre und 1945 wieder zurück nach Bayeux.
Ministerium: "Transport sehr gut verlaufen"
Das ewige Hin und Her hat dem Meisterwerk nicht gutgetan. Der Teppich hat 30 Risse und fast 10.000 Löcher, weshalb einige Experten vor dem erneuten Transport nach London gewarnt hatten. Auch in einer Studie aus dem Jahr 2021 war von "Risiken" die Rede gewesen.
Die Direktorin für Kulturerbe und Architektur im französischen Kulturministerium, Delphine Christophe, war extra im Konvoi unterwegs, der hinter dem LKW mit dem Teppich durch den Kanaltunnel fuhr. Sie versicherte, dass der Transport "sehr gut verlaufen" sei. "Wir sind vollkommen zuversichtlich, dass der Teppich unter den bestmöglichen konservatorischen Bedingungen gereist ist", sage Christophe nach der Ankunft im British Museum. Ab Mitte September kann man den Teppich bis nächsten Juli in London bestaunen.
AR/se (kna, dpa, afp)