Missbrauchsgipfel in Rom: Das Ende der Geduld | Europa | DW | 23.02.2019
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Katholische Kirche

Missbrauchsgipfel in Rom: Das Ende der Geduld

Kardinal Marx gibt zu: Im Missbrauchsskandal der Katholischen Kirche sind auch in Deutschland Beweismittel vernichtet worden. Missbrauchsopfer sind empört und fordern Konsequenzen. Von Maximiliane Koschyk, Rom.

Wortlos hält eine Gruppe älterer Menschen auf der Piazza del Popolo in Rom Plakate hoch, umringt von Kamerateams und Fotografen. Als Jugendliche und Kinder haben die Demonstrierenden in einer kirchlichen Einrichtung für Gehörlose gelebt - und sind sexuell missbraucht worden. Unter dem Motto "Zero Tolerance", Null Toleranz, protestieren sie gegen den bisherigen Umgang der Katholischen Kirche mit den zahlreichen Missbrauchsfällen unter ihrem Dach. Um die hundert Demonstranten sind gekommen und fast eben so viele Reporter.

Auf dem Platz im Stadtzentrum steht auch Benjamin Kitobo. Er schwenkt eine kongolesische Flagge. "Die Bischöfe wissen, die Zeit ist um", sagt Kitobo, der aus der Demokratischen Republik Kongo, dem ehemaligen Zaire stammt - als junger Mensch wurde er in seiner Heimat von einem Kirchenmann missbraucht. Aus seiner Sicht handelt es sich um ein globales Problem der Katholischen Kirche, wie schon sein Fall zeige: "Der Mann, der mich missbraucht hat, hat das gleiche in Belgien und Ruanda getan."

Missbrauch ist ein globales Problem

Benjamin Kitobo engagiert sich in einer internationalen Organisation, die den Missbrauch durch Kirchenvertreter beenden will: "End Clerical Abuse" kurz ECA. Die Organisation hat auch zu dem Protest auf der Piazza del Popolo aufgerufen. Während sich die Demonstranten in der römischen Innenstadt versammeln, tagen auf der anderen Seite des Tibers die Vertreter der nationalen Bischofskonferenzen - im Auftrag des Papstes.

Benjamin Kitobo (DW(M. Koschyk)

Missbrauchsopfer Kitobo: "Die Bischöfe wissen, die Zeit ist um"

Seit Donnerstag diskutieren im Vatikan mehr als 100 katholische Würdenträger über den Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen gegen Geistliche. Für besondere Empörung hat eine Stunde vor Beginn der Zero-Tolerance-Demo eine Aussage des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, gesorgt.

"Akten, die die furchtbaren Taten dokumentieren und Verantwortliche hätten nennen können, wurden vernichtet oder gar nicht erst erstellt", gab Marx vor seinen Bischofskollegen zu.

ECA: Marx hat uns nichts davon gesagt

"Es ist unbegreiflich", sagt Peter Isley, während er im Demonstrationszug über die Piazza del Popolo Richtung Vatikan läuft. "Wir haben gestern Kardinal Marx getroffen und er hat uns nichts davon gesagt." Auch Isley ist Missbrauchsopfer, engagiert sich bei ECA und hat die Zero-Tolerance-Demo mitorganisiert.

Kardinal Reinhard Marx (picture-alliance/dpa/A. Reuther)

Kardinal Marx: "Akten wurden manipuliert"

Er will von Kardinal Marx wissen, warum die Beweismittel verschwunden sind. Im jüngsten Bericht der Deutschen Bischofskonferenz zur Aufbereitung des Missbrauchsskandals sei davon nichts erwähnt worden. "Wer hat diese Akten vernichtet?", fragt Iseley.

Eine Antwort gibt der deutsche Kardinal bei einer Pressekonferenz: "Es gibt klare Erkenntnisse, dass Akten manipuliert wurden." Das habe man, so Marx, bereits bei ersten Untersuchungen des deutschen Missbrauchsskandals vor neun Jahren festgestellt. "Aber es gibt keine direkte Zuweisungen." Man habe aus diesen Fehlern gelernt. "So darf es nicht mehr sein."

Marx: Es wird viel geredet, was wird umgesetzt?

Aktivisten wie Isley reichen solche Bekundungen nicht aus. Er kann sich vorstellen, dass der jahrzehntelange Missbrauch und die möglicherweise systematischen Vertuschungen durch die Katholische Kirche einmal vor dem Internationalen Strafgerichtshof landen: "Vielleicht interessiert es ja den Strafgerichtshof, dass es eine Weltorganisation gibt, die weiß, dass es in ihren Reihen ein Netzwerk von Tätern gibt, und die alle Beweise dazu vernichtet."

Peter Isley (Reuters/Y. Nardi)

Opfervertreter Isley: "Vielleicht interessiert es ja den Strafgerichtshof"

Bis Sonntag wollen die Bischöfe in Rom tagen, dann soll die Konferenz mit einem Gottesdienst und einer Ansprache von Papst Franziskus enden. "Wir haben keine Beschlüsse fassen können, das war nicht der Sinn”, sagt Reinhard Marx. Er verstehe den Vorwurf von Seiten der Opferverbände, in der Kirche werde viel geredet, aber wenig umgesetzt. Da, muss ich leider zugegen, haben diese Verbände recht."

Doch die Demonstranten vor den Toren des Vatikans erwarten etwas anderes. Sie fordern von den Bischöfen Taten, statt Worte.

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